frankfurt

Gesten des Friedens

Auf den ersten Blick wirkt es wie eine Art Sektfrühstück. Im Fo-
yer des Ignatz-Bubis-Gemeindezentrums im Frankfurter West-
end drängen sich an die 200 Menschen. Kellner in schwarz-weißer Uniform bahnen sich geübt ihre Wege durch den vormittäglichen Tumult, während sich gut ge-
kleidete Damen und Herren die Hände reichen. Dazwischen einige Kamerateams, ein Hinweis darauf, dass es sich nicht um einen etwas zu groß geratenen Sonntagsbrunch handelt.

offenheit Es zieht ein wenig. Das Tor steht offen, zwar bewacht von einer Handvoll Sicherheitsmänner, aber offen. Eine Geste, die überrascht, schließlich hat sich namhafter Besuch angekündigt. Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland, des Hessischen Landtags und nicht zuletzt der ehemalige Bundesaußenminister Josch-
ka Fischer. Allein das Thema dieser Veranstaltung würde einen erhöhten Sicherheitsaufwand rechtfertigen. Es geht um den Israel-Palästina-Konflikt, genauer gesagt um zwei Männer, die sich seit Jahren um seine friedliche Lösung bemühen: den Palästinenser Sari Nusseibeh und den Israeli Itamar Rabinovich. Beide werden an diesem Tag mit dem Friedenspreis der Geschwister-Korn-und-Gerstenmann-Stiftung geehrt.
Es ist eine doppelte Premiere. Erstmals wird der Friedenspreis in diesem Jahr an gleich zwei Personen vergeben, und mit Nusseibeh wird zugleich erstmals ein Paläs-
tinenser ausgezeichnet. »Eine wirklich weise Entscheidung«, urteilt Johannes Gers-
ter, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, in seiner Laudatio, »denn beide stellen das Alternativprogramm zu nationalen Egoismen und jedweder Form von Gewaltstrategie dar«.
Sieben Jahre Altersunterschied liegen zwischen Rabinovich und Nusseibeh und auf den ersten Blick auch scheinbar unüberwindbare politische Fronten. Während der 1942 geborene Rabinovich von 1993 bis 1996 als Botschafter Israels in Washington tätig war, gehörte Nusseibeh lange Zeit zum Leitungsgremium der PLO von Jassir Arafat und zählt zu den Organisatoren der ersten Intifada.

gemeinsamkeiten Doch bei genauerem Hinsehen offenbaren sich in den Biografien beider Männer erstaunliche Parallelen. Sari Nusseibeh, 1949 in Damaskus geboren, Sohn einer palästinensischen Unternehmerfamilie, studierte in Oxford und Harvard, ehe er ins Westjordanland zurück-
kehrte und dort an der Birzeit-Universität lehrte. Seit 1995 ist er Präsident der Al-Quds-Universität in Jerusalem. Itamar Ra-
binovichs akademische Karriere ist nicht minder beeindruckend: Studium in Tel Aviv und Jerusalem, Senior Research Fellow am Moshe-Dayan-Center und von 1999 bis 2007 war er schließlich Präsident der Universität von Tel Aviv. Zwei Akademiker, zwei Intellektuelle auf zwei entgegengesetzten Seiten eines jahrzehntelangen Konflikts. Eines eint die beiden jedoch: der Wille zum Ende der Gewalt im Nahen Osten in Form einer Zwei-Staaten-Lösung.
Nusseibeh gründete 2003 zusammen mit dem ehemaligen Leiter des israelischen Geheimdienstes, Ami Ayalon, die Friedensinitiative »Campaign for Peace and Democracy«, die zuletzt im Juni 2009 auf sich aufmerksam machte, als sie mit einer Unterschriftenaktion für die Unterzeichnung eines Friedensplans zwischen Israelis und Palästinensern warb.
Als Advokat einer Zwei-Staaten-Lösung scheut Nusseibeh auch nicht vor unpopulären Zugeständnissen an Israel zurück. So propagiert er die Demilitarisierung des künftigen Palästinenserstaats, einen Verzicht auf das Rückkehrrecht palästinensischer Flüchtlinge sowie eine gemeinsame Hauptstadt Jerusalem für beide Staaten.
»Ich fühle mich tief geehrt und berührt durch diese Auszeichnung«, erklärt Nusseibeh. Dies gelte umso mehr, als der Friedenspreis von einer jüdischen Gemeinde verliehen werde. Die Ehrung eines Palästinensers sei eine Friedensgeste, die »Anerkennung verdient«. In diesem Sinne sei seine Annahme des Preises ebenfalls als »Geste des Friedens« zu verstehen.

diplomatie Itamar Rabinovich, der in den 90er-Jahren als Diplomat an den Friedensgesprächen mit Syrien und mit Jordanien beteiligt war, sprach von einer der »bewegendsten Zeremonie«. Ähnlich wie Nusseibeh setzt er sich seit Jahren für eine auf Ausgleich bedachte Zwei-Staaten-Lö-
sung ein und trifft mit seiner Forderung nach Aufgabe israelischer Siedlungen im Westjordanland auf Widerstand.
»Es ist keine gute Zeit für das, was ge-
meinhin als der arabisch-israelische Friedensprozess bezeichnet wird«, erklärt Ra-
binovich zu Beginn seiner Rede. Eine Friedenslösung bedürfe einer »kraftvollen Vi-
sion einer alternativen Realität«, an der es seit der Ermordung des israelischen Premierministers Jitzchak Rabin vor 14 Jahren oft gefehlt habe. Dies sei der Grund für das Scheitern der Friedensinitiativen. Zudem gäbe es auf beiden Seiten Gruppen, die glaubten, dass Zeit und Demografie ihren unilateralen Interessen zuarbeiten würden. »Wir müssen aber erkennen, dass wir durch Abwarten nichts gewinnen können.«
Am Ende stehen Nusseibeh und Rabinovich Schulter an Schulter. Salomon Korn und Jan Gerchow, beide Vorstandsmitglieder der Geschwister-Korn-und-Gerstenmann-Stiftung, überreichen die Urkunden. Es wirkt, als stünden zwei Elder Statesman auf der Bühne, Vertreter unterschiedlicher Lager mit einem Ziel. »Leuchtfeuer des Friedens« nennt sie Johannes Gerster. Das Publikum erhebt sich zum Applaus.

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