Massenprotest

Gesellschaft im Widerspruch

von Natan Sznaider

Die politische Krise in Israel ist das klarste Zeichen dafür, dass die Gesellschaft noch funktioniert. Eine von der Regierung selbst ins Leben gerufene Untersuchungskommission bestätigte nur, was alle schon ahnten oder wussten: Die politische und militärische Führung hat im vergangenen Sommer im Krieg gegen die terroristische Hisbollah versagt.
Am vergangenen Donnerstag kamen fast 150.000 Demonstranten im Herzen von Tel Aviv zusammen – Linke und Rechte, religiöse und weniger religiöse Juden, Junge und Alte. Sie alle hatten nur eine Botschaft: Die Regierung unter Ehud Olmert soll abtreten. Sie ist gescheitert. Sie hat das Vertrauen der Bevölkerung verloren. Der Schriftsteller Meir Shalev bringt die Stimmung auf den Punkt: »Ehud Olmert, du sagtest, du arbeitest für uns – du bist entlassen.«
Aber in Israel findet keine Revolution statt. Nicht die Regierung ging nach Hause, sondern die Demonstranten, die am nächsten Morgen wieder in ihr bürgerliches Leben zurückkehrten. Abgesehen vom rechten Lager wollten sie eigentlich auch keinen Regierungswechsel, da sowieso niemand an eine brauchbare Alternative glaubt. Man demonstrierte gemeinsam, ging aber getrennt nach Hause. Auch war dies keine Friedensdemonstration. Frieden ist für die meisten Israelis in den vergangenen Jahren zu einem mythologisch und religiös verklärten Begriff geworden, der mehr mit einer Utopie zu tun hat als mit Menschen, die in den konkreten politischen Zusammenhängen im Nahen Osten leben müssen. Die Demonstranten wussten, dass sie die Legitimität, aber nicht die Macht besaßen. Die Untersuchungskommission wurde auf Druck der Bevölkerung ins Leben gerufen, aber dieselbe Bevölkerung stand hinter dem Krieg, hat diese Regierung gewählt, ist sich der Ausweglosigkeit des Konflikts bewusst, ist wie die von ihnen gewählten Politiker zu Zugeständnissen bereit. Es geht also nicht um eine Revolution – dafür ist Israel zu bürgerlich und zu verweltlicht, zu nahe an Europa und den USA. Doch gerade deshalb möchte man die Politiker daran erinnern, dass man nicht bürgerlich genug ist, um sich Inkompetenz in Sachen Verteidigung leisten zu können.
Man hatte Olmert und Noch-Verteidigungsminister Amir Peretz vertraut, eben weil sie keine Generäle waren, weil sie wie die perfekten Repräsentanten einer dynamischen Gesellschaft wirkten: der eine ein erfolgreicher Rechtsanwalt, urban, weltoffen, den Vergnügungen des guten Lebens nicht abgeneigt, der andere ein Selfmade-mann aus einer Entwicklungsstadt, der sich hochgearbeitet hat. Beide das Spiegelbild einer post-heroischen Gesellschaft, die sich selbst und die Normalität feiert. Die Demonstranten kamen, um gegen sich selbst zu demonstrieren – eine Erinnerung daran, dass hier noch nichts normal ist, dass es trotz aller Bürgerlichkeit immer noch eine existenzielle Bedrohung gibt, die militärischen Sachverstand fordert, dass es vielleicht doch zu früh war, sich eine post-heroische politische Führung zu erlauben, wie es auch zu früh war, sich selbst einem normalen Leben hinzugeben. Es war eine Demonstration in eigener Sache.
Auch in Israel entstand in den letzten Jahren das moderne Individuum in einem modernen kapitalistischen Wirtschaftssystem. Dieses moderne Individuum muss sich auf Experten verlassen können, die es durch Krisen führen. Darin ist Israel anderen westlichen Staaten ähnlich. So ähnlich, dass es immer wieder zu Missverständnissen führt – sowohl von innen als auch von außen. Wenn Israel wirklich so ist wie »wir«, fragen rechtschaffene Europäer und Amerikaner, warum verhält es sich dann nicht so, wie man das von zivilisierten und modernen Staaten erwarten kann?
Doch Israel ist auch anders. Hier können Krisen tödlich sein. Denn das Land ist ständig bedroht, seine Souveränität wird verletzt, das Existenzrecht Infrage gestellt. Ein Land, das permanent militärisch verteidigt werden muss, ohne dass sich dabei die volle militärische Überlegenheit ausnützen ließe, weil eine moderne zivilisierte Gesellschaft dies wiederum nicht zulassen kann.
Israels Gesellschaft ist sich dieses Widerspruchs bewusst. Sie lebt ihn tagtäglich und gerade in Zeiten, in denen das Land von seinen Feinden angegriffen wird. Da spielt auch der Gegensatz von links und rechts, religiös oder säkular kaum eine Rolle. Die Menschen erwarten von ihrer politischen Führung, dass sie diesen Widerspruch bewusster lebt, dass sie Kompetenz in militärischen Fragen beweist, so dass die Gesellschaft ihr normales bürgerliches Leben führen kann. Man fordert von den Politikern dieselbe Kompetenz, die man sich selbst im Alltag abverlangt und erbringt.

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