Bündnis für Erziehung

Geschlossene Gesellschaft

von Doron Kiesel

Es ist zunächst einmal eine bedenkenswerte Entscheidung: Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen will ein »Bündnis für Erziehung« einberufen, um an die notwendigen und in Vergessenheit geratenen Werte und Normen unserer Gesellschaft zu erinnern. Das wirkt auf den ersten Blick wohlwollend und von der Sorge um unseren zwischenmenschlichen Frieden getragen. Doch schon ein zweiter Blick läßt stutzen: Ein Mitglied der Regierung, das in der Pflicht steht, bei all seinen Entscheidungen die weltanschauliche Neutralität des Staates zu wahren, greift in den Bauchladen vermeintlich pädagogischer Entscheidungshilfen und Lösungsansätze – und entdeckt ein scheinbar verschollenes Gut: die christliche Werteerziehung.
Dieser Rettungsanker kommt doch wie gerufen. Es gibt gravierende Schwierigkeiten bei der Bewältigung gesellschaftlicher Probleme. Jahrzehntelang gab es Versäumnisse in der Integrationspolitik, praktizierte Gleichgültigkeit gegenüber der Entwicklung innerhalb der verschiedenen ethni- schen Gemeinschaften und bewußte Desinformation der Bevölkerung über die Un- umkehrbarkeit des Einwanderungsprozesses und die daraus entstehenden Konsequenzen.
Nun hat die Debatte um den beklagenswerten Verlust von Werten wieder begonnen. Doch dabei wird der bereits vielfältig beschriebene Prozeß des Wertewandels ignoriert. Diesen führt man darauf zurück, daß mit der Moderne auch Werteverschiebungen stattfinden und überlieferte Wertebindungen an Relevanz verlieren. An ihrer Stelle läßt sich eine zunehmende Pluralisie- rung von weltanschaulichen und religiösen Orientierungen in der Gesellschaft feststellen. Das Gefüge der individuellen Wertorientierungen wird vom familiären Umfeld, vom jeweils vertrauten Milieu, von Traditionen, von der Religion und den Bildungserfahrungen geprägt. Ob bestimmte, als Gemeingut angesehene Werte allgemeine Anerkennung erfahren und als verbindlich anerkannt werden, hängt nicht zuletzt von den sozialen, politischen und kulturellen Bedingungen ab, unter denen sie sich Geltung verschaffen. Ethische Werte stellen keineswegs nur abstrakte Ideale dar. Sie gewinnen vielmehr lebensweltliche Relevanz, sofern ihre Plausibilität nachvollziehbar ist, sie sich empirisch umsetzen lassen und konkrete Handlungsentscheidungen beeinflussen können.
Sobald die Rede auf die »Verdunklung fundamentaler sittlicher Grundsätze und Werte« kommt, gilt es also, hellhörig zu werden. Wer die sentimentale Besinnung auf einen Kanon zeitlos geltender Werte stützt, verkennt, daß moderne Gesellschaften widersprüchlich, komplex und unübersichtlich sind. Nur in einem sozialen Raum, dessen politische Kultur es attraktiv erscheinen läßt, die von der Mehrheit der Gesellschaft anerkannten und in der Verfassung niedergeschriebenen Werte von der Freiheit des Individuums und seiner Würde zu schützen, werden Vertreter anderer kultureller Lebensformen und Traditionen zu überzeugen, ja zu gewinnen sein.
Genau hier versagt das »Bündnis für Erziehung« schon im Ansatz: Weil relevante, für die Sorge um die Etablierung bewährter bürgerlicher Werte und um ihre Anerkennung »in den eigenen Reihen« bemühte ethnisch-religiöse Gruppen bei der ersten Gesprächsrunde außen vor blieben. Ein »Bündnis für Erziehung« steht und fällt mit der Inszenierung einer solchen Allianz. Ein Bündnis, das nicht einbindet und einbezieht, schließt aus. Ist das ein Akt der Naivität oder des Vergessens? Wohl kaum. Vielmehr ist es der bewußte und bemühte Schritt, die »guten, alten Verhältnisse wiederherzustellen, als Staat und Kirchen noch alleine das Sagen hatten und aufmüpfige Minoritäten ignorieren konnten.
Dieses Ansinnen der Ministerin ist aber nur die eine Seite des Skandals. Die andere ist das Verhalten der Repräsentanten der Kirchen. Die vielen Verlautbarungen und Absichtserklärungen in Sachen interreligiöser Dialog, der Wunsch nach einer Begegnung mit anderen Religionsgemeinschaften »auf gleicher Augenhöhe« scheinen ver- gessen, wenn der Staat ruft. Vergessen scheint, daß ein beträchtlicher Teil der deutschen Staatsbürger einer nicht-christlichen oder eben gar keiner Religionsgemeinschaft angehört. Vergessen scheinen die nach Jahrhunderten der Judenfeindschaft seitens der Kirchen wiederentdeckten jüdisch-christlichen Traditionen. Diese werden uns nun als genuin christliche Werte serviert. Die Zehn Gebote und die Nächstenliebe als christliches Urgestein: das ist ein bißchen viel der Dreistigkeit.
Symbolische Politik setzt Zeichen, die allenthalben gedeutet und verstanden werden sollen. Wir haben verstanden und laden unsererseits den Klub der Romantiker ein, an einem Bündnis für politische Verantwortung, Toleranz und Menschenrechte teilzunehmen.

Der Autor ist Professor in Erfurt und lehrt Interkulturelle Pädagogik.

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