Sigmund Freud

Geschichten von der Couch

von Manuel Gogos

Es waren die Dichter, die Sigmund Freud zu Kronzeugen seiner Seelenkunde berief. In Dostojewskijs Gebrüdern Karamasow entdeckte er den Vatermord, und aus E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann schöpfte er die Kastrationsangst. Die Literatur gab ihm Orientierung bei seinen Expeditionen in die Terra Incognita der menschlichen Seele.
In den Formationen und Deformationen der Psyche sah Freud auch den eigentlichen Impuls zur künstlerischen Produktion. Ein glücklicher Mensch schreibt keine Zeile, oder, wie es bei Freud heißt: »Man darf sagen, der Glückliche phantasiert nie, nur der Unbefriedigte. Unbefriedigte Wünsche sind die Triebkräfte der Phantasien, und jede einzelne Phantasie ist eine Wunscherfüllung, eine Korrektur der unbefriedigenden Wirklichkeit.«
Die Psychoanalyse wildert also zeit ihres Bestehens in literarischen Gefilden. Umgekehrt ebenso. Die Freudsche Theorie ist eines der großen Themen der modernen Literatur, allen voran der jüdischen.
Es war der Triester Jude Aaron Hector Schmitz, der unter dem Pseudonym Italo Svevo in seinem Roman Zeno Cosini 1923 die psychoanalytische Verfahrenstechnik zum ersten Mal als literarisches Motiv verarbeitete. In einer Bewegung radikaler Selbsterforschung sucht der Held des Buches in die geheimen Kammern seiner eigenen Lächerlichkeiten einzudringen, ohne auch nur irgendeinen Winkel seiner psychischen Inwendigkeiten unbeleuchtet zu lassen. Zenos Ausflüge in die Niederungen menschlicher Unglaubwürdigkeit sind jedoch nicht von reuigen Schläge gegen die eigene Brust begleitet. Lieber läßt er im Herrenzimmer bei einer guten Zigarre entspannt das Leben Revue passieren. Er ist ein Alleinunterhalter und zielt, zum Leidwesen seines Therapeuten, vor allem hingebungsvoll auf das Amüsement des Lesers, der den Therapeuten aus seinem Ohrensessel neben der Couch verdrängt.
Bei Svevo, der in seinen späten Jahren die Schriften Freuds ins Italienische übertrug, ist die Gewissensbeichte vor »Dr. S.« zutiefst ironisch durchsetzt. Die »Ausschabungen des Unbewußten«, die Erfindung der »Zeit der Windeln« als Wiege der erwachsenen Menschheit zerfällt unter seinem Blick zur gimpelhaften Allüre. Damit gibt er den Ton vor, mit dem spätere jüdische Autoren die Psychoanalyse beschreiben – halb ehrfürchtig, halb spöttelnd.
Mehr als eine Generation später, Ende der sechziger Jahre, unterzieht sich der amerikanische Schriftsteller Philip Roth, damals in seinen frühen Dreißigern, einer mehrjährigen Analyse. Zwar habe die Therapie den Neurotiker in ihm nicht geheilt, kommentierte Roth später lakonisch, dafür habe sie ihn schriftstellerisch inspiriert. Die Technik der freien Assoziation lieferte ihm das erzählstrategische Modell für seinen ersten großen Erfolg, Portnoys Beschwerden. Der (Anti-)Held Alexander Portnoy aus Roths Bestseller von 1969, liefert auf der Couch des Psychoanalytikers Dr. Spielvogel die intime Lebensbeichte eines 33jährigen jüdischen Intellektuellen, dessen wesentlicher Lebensinhalt aus sexuellen Obsessionen und den daraus resultierenden Schuldgefühlen besteht. Weder von dem einen noch von dem anderen kann oder will er sich freimachen. Auf dem Rücken liegend wie Gregor Samsa in Kafkas Erzählung Die Verwandlung erzählt er seine im Wortsinn schrecklich komische jüdische Lebens- und Familiengeschichte.
Die bis heute unübertroffene Psycho-analytiker-Groteske, Erica Jongs berühmter Roman Angst vorm Fliegen von 1973, hat einen genialen Auftakt mit surrealistischen Qualitäten: »In der Pan Am-Maschine nach Wien befanden sich 117 Psychoanalytiker, und mindestens sechs von ihnen hatten mich behandelt. Einen siebenten hatte ich geheiratet.« Das Seelenklempnerkollektiv ist auf der Reise von New York, der Welthauptstadt der Psychoanalyse, zurück an den Ort, wo alles begann, nach Wien, auf Pilgerfahrt zu Freuds Sprechzimmer von 1938. In Jongs Roman erscheint die Psychoanalytikergilde als Bande unreifer Größenwahnsinniger, für die die Auslotung der Seele zum Smalltalk gerät: »Wir vermieden es peinlich, über irgend etwas von Belang zu reden. Statt dessen lästerten wir ein wenig über Freud.«
Bei Roth und Jong, wie auch in den Filmen Woody Allens, schlagen die Bilder des Therapeuten in Karikaturen um. Der »shrink«, wie er in der amerikanischen Umgangssprache genannt wird, kommt als running gag daher. Das spiegelt die ambivalente Rolle der Psychoanalyse in der amerikanischen Gesellschaft wider. Einerseits ist die Freudsche Theorie dort mittlerweile im Mainstream aufgegangen; so viele Menschen wie nie zuvor lassen sich behandeln. Andererseits hat die Psychoanalyse in ihrer klassischen, akademisch-orthodoxen Form ihren Zenit überschritten und muß zunehmend der Konkurrenz anderer Therapieformen weichen.
Die Psychoanalyse also nichts weiter als ein großer Witz? Und wenn es so wäre: »Freiheit gibt Witz, und Witz gibt Freiheit«, zitierte Sigmund Freud in seinem berühmten Buch Der Witz 1905 den Dichter Jean Paul. Das Lachen, schreibt Freud, resultiere aus der Kreuzung des Komischen mit dem Erhabenen. Daß die Literatur mit dem homo analyticus auf eine Goldader der Komik gestoßen ist, sollte Freudianer am allerwenigsten erstaunen.

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