„Zug der Erinnerung“.

Geschichte auf Gleis 1

von Katrin Richter

Es riecht nach frischen Brötchen und Kaffee in der Eingangshalle des Berliner Ostbahnhofs. Durch den gläsernen Bau scheint blass die Sonne. Reisende unterhalten sich, Schuhabsätze klackern auf den Betonplatten, Trollis rattern über den Boden. Ein Lautsprecher fiept bei der Ansage. Ein ganz normaler Tag am zweitgrößten Bahnhof der Hauptstadt. Vor dem kleinen Blumenladen steht ein älteres Pärchen: „Lass uns noch schnell einen Strauß holen, dann gehen wir zum Zug“, sagt sie. Der Zug, das ist nicht irgendein IC oder Regionalexpress, sondern der „Zug der Erinnerung“, der die Deportation von drei Millionen Menschen in die NS‐Vernichtungslager dokumentiert. Er steht an diesem Montag auf Gleis 1. Genau 26 Stufen führen zum Bahnsteig hinauf. In der Nase kribbelt es, Rauchschwaden hängen in der Luft. Trotzdem sind die beiden alten Waggons und die Dampflok, die sie zieht zu sehen. Das ist der Zug, der seit Monaten die Gemüter erregt. Und das nur, weil er erinnern will. Doch mit der Erinnerung ist das so eine Sache. Sie ist oft unbequem, auch für die Deutsche Bahn.
Eigentlich wollte die Initiative, den Zug der Erinnerung auf seinem Weg durch Deutschland im Berliner Hauptbahnhof halten lassen. Das allerdings passte Bahnchef Hartmut Mehdorn nicht. Aus betrieb‐ lich‐technischen Gründen, wie es hieß. Was folgte, war ein Streit um einen geeigneten Haltepunkt und ein heftig kritisiertes Angebot der Bahn. Der Konzern schlug vor, die Gebühren von 100.000 Euro, die sich aus Trassen‐ und Bahnhofsbenutzung ergeben, an eine deutsche oder internationale jüdische Institution zu spenden, nicht aber an den „Zug der Erinnerung“. Für den Zentralrat der Juden in Deutschland ein unannehmbarer Vorschlag. Generalsekretär Stephan J. Kramer, sprach in einem Interview mit Inforadio Berlin‐Brandenburg von einer Art „Ablasshandel“. Das Spendenangebot der Bahn bediene sogar antisemitische Klischees: „Nach dem Motto, man könne die Juden mit 100.000 Euro ruhigstellen.“ Hans‐Rüdiger Minow, Vorsitzender der Initiative, lehnt das Angebot ebenfalls ab: „Es entsteht der Eindruck, als würde es sich dabei um ein Tauschgeschäft handeln.“
Auch die Besucher, die am Montag im Ostbahnhof geduldig Schlange stehen, um sich die fahrende Ausstellung anzuschauen, haben für die Bahn kein Verständnis. „Wir können nicht nachvollziehen, dass die Bahn es nicht fertig bringt, sich von den Nazis und ihrem mörderischen Treiben zu distanzieren“, sagt das Berliner Ehepaar Heinrich, das seit einer Viertel‐ stunde ansteht und den Eingang noch lange nicht sehen kann. Das lange Stehen mache ihnen nichts aus, „nicht für so eine wichtige Sache“, sagen sie. Die beiden Rentner aus Thüringen erzählen fast in einem Atemzug, wie schwer es für sie war, sich die Ausstellung in der Jerusalemer Holocaust‐Gedenkstätte Yad Vashem anzusehen. Ihr nächster Satz wird von einer Lautsprecheransage übertönt: „Meine Damen und Herren auf Gleis 1. Der ICE von Trier nach Ostbahnhof fährt abweichend auf Gleis 2 ein.“
Am Sonntag ging es noch ohne Lautsprecheransage, nur mit dem Hinweis „Sonderzug“ auf der Anzeigetafel. Fast geräuschlos und unbemerkt rollt die mächtige Dampflok mit den Waggons in den Bahnhof ein – rückwärts. Wegen des Rauchs darf sie nicht durch die Halle fahren. Aber der Wind steht ungünstig, im ganzen Gebäude verteilen sich graue Schwaden. Vor den schlichten dunkelgrünen und weinroten Waggons bildet sich eine riesige Menschentraube. Eltern nehmen ihre Kinder auf die Schultern, sodass wenigstens sie den kleinen Mann im hellen Mantel sehen können. Herbert Shenkmann, ein Schoa‐Überlebender, soll seine Geschichte erzählen, eine Geschichte über Verfolgung und Überleben.
„Ich hatte in meinem Leben vier Mal das zweifelhafte Vergnügen, gegen meinen Willen von der Reichsbahn befördert zu werden.“ Es ist ein erschütternder Bericht, der Spuren in den Gesichtern der Zuhörer hinterlässt. Eine junge Besucherin sagt zu ihrer Nachbarin: „Das ist ja unfassbar.“ Im Hintergrund quietschen die Bremsen der einfahrenden Züge. Sie sind teilweise so laut, dass auch die kräftige Stimme von Kantorin Avitall Gerstetter, die an diesem Tag singt, kaum zu hören ist. Viele Besucher haben Blumen mitgebracht, die sie hinter die Türgriffe der Waggons klemmen oder auf die vergitterten Stufen legen. In den Waggons riecht es wie in einem Archiv. Der Boden knarrt. Dort, wo einst Sitze waren, quetschen sich Menschen aneinander vorbei, um in den nächsten Waggon zu kommen. Die Gesichter deportierter Kinder schauen von den Wänden herab. Die Atmosphäre ist beklemmend, man ringt nach Luft. Was wäre, wenn sich jetzt der Zug in Bewegung setzen würde? Es ist doch alles wie in einem normalen Zug: Gepäckträger, Verbindungstüren, die Fenster. Sogar ein alter Reiseplan hängt an der Abteilwand. Einige Besucher flüstern nur: „Treblinka“ ist zu hören, „Auschwitz“, „Deportation“. Erst das Verlassen des Zuges verschafft ein wenig Erleichterung. Aber nicht alle beeindruckt das Gesehene. „Wir sind nicht freiwillig hier“, sagt ein 19‐jähriger Lehrling und grinst. „Wir mussten vom Unterricht aus herkommen.“ Das die Jugendlichen „das alles“, wie sie die Ausstellung nennen, nicht sonderlich interessiert, daraus machen sie kein Hehl. Etwas offensiver geht die 19‐jährige Diana, die mit ihren Freundinnen in der Schulpause zum Ostbahnhof gekommen ist, mit ihren Gefühlen um: „Das waren doch Kinder in unserem Alter, da leidet man natürlich mit.“ Für sie sei es wichtig, die Geschichte aufzuarbeiten. Das sieht auch eine Besucherin aus Berlin‐Hellersdorf so. Ihr steht der Besuch der Ausstellung noch bevor. „Ich bin jedes Mal ergriffen, wenn ich mir die Geschichten der Kinder ansehe.“
Am Montagabend hat der „Zug der Erinnerung“ den Ostbahnhof in Richtung Berlin‐Lichtenberg verlassen. Genauso leise, wie er eingefahren ist. Und bis zu seinem letzten Halt am 8. Mai in Auschwitz werden wohl noch viele Menschen die Fotos der deportierten Kinder betrachten. Mit bedrückten Gesichtern und allenfalls flüsternd.

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