einblick

Geplantes Kalkül

Von Rabbiner Joseph Samuel Bloch – er war in den Jahren 1883 bis 1895 Mitglied des österreichischen Parlaments und ein eifriger Verteidiger jeder jüdischen Angelegenheit – rührt folgendes Wort her: »Es ist geradezu eine Gnade G’ttes, dass die Judenfeinde uns von Generation zu Generation Dinge andichten und nach Fehlern bei uns suchen, die wir nicht haben, so dass wir gegen diese Verdächtigungen unsere Stimme mutig erheben können. Übel wäre es aber, wenn unsere Feinde von unseren wahren Fehlern eine Ahnung hätten … Ja, es ist ein Glück für uns, dass sich unsere Feinde auf Lüge und Verleumdung verlegt haben!«
Diesen Fehler hat schon zu Zeiten Alexander des Großen ein Ägypter begangen. Der trat vor den großen Eroberer und Feldherrn mit folgender Forderung hin: »Die Israeliten haben uns Ägypter ausgenommen und geplündert, bevor sie aus Ägypten zogen. Also haben wir Anrecht darauf, das Beutegut zurückzuerhalten!« Alexander ließ einen jüdischen Gelehrten rufen und konfrontierte ihn mit der Forderung. Dieser blieb seelenruhig und entgegnete: »Ganz recht, diesen Betrag schulden wir den Ägyptern. Wir haben jedoch eine Gegenschuld einzufordern: Zuvor leisteten während über einhundert Jahren 600.000 jüdische Sklaven ohne Entgelt Fronarbeit, die noch zu erstatten wäre.« Dem stimmte Alexander zu, und noch während der Betrag errechnet wurde und ins Astronomische stieg, suchte der Ägypter mit seinem Anliegen das Weite.

vorsicht Doch nicht immer ist es so einfach, mit Anschuldigungen gegenüber dem jüdischen Volk umzugehen. In unserer Parascha begegnen wir einer schwierigen Geschichte mit noch schwierigeren Konsequenzen: Unser Vorvater Jitzchak wird alt und möchte seinen vermeintlichen Erstgeborenen Esaw vor seinem Tode segnen. Doch Jitzchaks Frau Riwka und sein zweiter Sohn Jakow täuschen ihn in seiner Blindheit, lassen ihn den Jüngeren segnen und bringen Esaw um seinen Segen.
Antisemiten haben diese Schilderung als willkommene Gelegenheit gesehen, Israel (so der zweite Name Jakows) als Lügner und Schwindler zu entlarven. Die Frage, warum ein Volk sich in seiner eigenen Chronik und Geschichtsschreibung ausgerechnet in der kritischen Entstehungsphase durch Zugabe eines Betrugs seiner eigenen Legitimation entledigen sollte, bleibt offen.
Dann gibt es die Auslegung der Apolegeten und modernen Kommentatoren wie Moshe David Cassuto, Martin Buber und Nechama Leibowitz: Die Tora schildert zwar das Ereignis, kritisiert aber zugleich Riwkas und Jakows Verhalten. Doch auch dieser Zugang wirft unübersehbare Fragen auf: Ausgerechnet der Betrogene, Jitzchak, verleiht dem »gestohlenen« Segen Gültigkeit. Kaum dass er des Betrugs gewahr wurde, spricht er die Worte: »So möge er denn gesegnet sein!« (27,33). Aber nicht nur Jitzchak, G’tt Selbst scheint den Segen, und somit Jakows Handeln, zu bestätigen! Er erscheint Jakow während der unmittelbar darauf folgenden Flucht, erneuert den Segen und verspricht ihm Schutz (28, 13-15).

anspruch Die klassische Auslegung der Geschichte geht einen dritten Weg. Nach dieser Auffassung, vertreten unter anderem von Talmud, Raschi und Ramban, stand der Segen Esaw gar nicht zu. Den rechtmäßigen Anspruch darauf hatte Jakow, der sich das Erstgeburtsrecht von seinem Bruder erwarb, da dieser es verschmähte. Esaw täuschte seinen Vater so weit, dass dieser ihn über Jahrzehnte hinweg für den würdigen Empfänger des Segens hielt. Doch war Jitzchak tatsächlich so naiv, Esaw für denjenigen zu halten, der den Segen verdiente? Hat ihm wirklich über einen so langen Zeitraum der Durchblick gefehlt, der Überblick über seine kleine Familie?
Rabbi Elijahu Dessler gibt zu bedenken, dass wir die wirkliche Geschichte der Tora vielleicht ganz anders zu lesen haben: G’tt gab Awraham mehrere Male einen besonderen Segen: Das Versprechen, ein zahlreiches Volk zu werden, und den Besitz des Landes Kenaan, später Israel. Dieser Segen ist das besondere Erbe, womit Awraham seine Nachkommen segnen sollte.
Im Kampf um den Segen Jitzchaks zwischen Jakow und Esaw in unserem Wochenabschnitt scheint es um diesen speziellen Segen zu gehen, das besondere Erbe Awrahams. Denn mit der Zeit wurde den Nachkommen klar, dass nur einer Awrahams Haus weiterführen und dessen geistiges Haupterbe übernehmen würde.
Sehen wir uns aber Jitzchaks Segen etwas näher an, entdecken wir, dass nichts von Awrahams Segen darin enthalten ist. Jitzchak spricht von fruchtbaren Ernten und von der Herrschaft über andere, doch erwähnt er weder die Nachkommenschaft noch das Land Kenaan. Es handelt sich also bei Jitzchaks Segen gar nicht um den Segen Awrahams. Wenige Verse später jedoch ist von diesem durchaus und sogar ausdrücklich die Rede. Als Jakow vor seinem Bruder Esaw flieht, segnet ihn Jitzchak in vollem Bewusstsein, dass Jakow vor ihm steht: »Und G’tt, der Allmächtige, segne dich, und … du sollst zu einem zahlreichen Volke werden. Und Er gebe dir den Segen Awrahams, dir und deinen Nachkommen, das Land zu erben, welches G’tt Awraham gegeben hat« (28, 3-4).

vorbestimmung Die Folgen dieser Erkenntnis sind bedeutungsvoll für das Verständnis der ganzen Begebenheit. Was so aussieht, als sei Jitzchak getäuscht und ge- blendet worden, entpuppt sich in Wirklichkeit als geplantes Kalkül seinerseits. Jitzchak kannte seine Söhne gut, und er wusste sehr wohl, welcher von ihnen der ge- eignete war, um die g’ttliche Bestimmung fortzusetzen. Von Anfang an wollte er Jakow das geistige Vermächtnis Awrahams übergeben, wie er es schließlich in vollem Bewusstsein auch tat.
Der Segen, den er für Esaw bereithielt, war ein rein materieller. Esaw sollte mit diesem Segen Unterstützung erhalten, damit er seine schlechte Seite überwinden könne und den guten Funken in seiner Seele zu einem Feuer entfache. Jitzchaks Ziel war es, eine Aufgabenteilung zwischen seinen Söhnen zu bewirken: Jakow sollte das geistige Vermächtnis hüten, während Esaw ihn materiell stützen würde. Doch auch dieser Funke war in Esaws Seele bereits erloschen, und der Segen in seinen Händen hätte katastrophale Auswirkungen gehabt. Diese Tatsache erkannte Jitzchak sofort, als er sich bewusst wurde, dass auch dieser Segen Jakow erreicht hatte, und er bestätigte den Segen. Spätestens mit dieser Zustimmung wurde der Segen rechtsgültig, und das jüdische Volk konnte beruhigt seiner Geburt entgegengehen, so wie es vom Himmel beschlossen war.

Polen

Israel fordert Konsequenzen nach Eklat mit Hakenkreuz-Flagge

Im Parlament hatte ein rechtsradikaler Abgeordneter eine israelische Flagge mit einem Hakenkreuz an Stelle des Magen David gezeigt

 22.04.2026

Brüssel

Deutschland und Italien bremsen EU-Vorstoß gegen Israels Assoziierungsabkommen

Spanien, Slowenien und Irland fordern eine Debatte über das Abkommen. Außenminister Wadephul bezeichnet den Vorstoß als »unangemessen«

 22.04.2026

Berlin

Urteil zu Angriff auf Lahav Shapira erwartet

Nach einem antisemitischen Angriff auf einen jüdischen Studenten in Berlin ist der Fall neu vor Gericht verhandelt worden. Im Mittelpunkt des Berufungsverfahrens steht die Höhe der Strafe. Ein Urteil wird am Montag erwartet

 13.04.2026 Aktualisiert

Fussball

Kopfball mit Kippa

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Jan Feldmann  01.04.2026

Podcast

»Arbeiten im Krieg ist eine große Herausforderung«

Zwischen Bomben und Bunker: Wie unsere Korrespondentin in Tel Aviv ihren Alltag erlebt

von Jan Feldmann, Sabine Brandes  01.04.2026

Video

Zwischen Matzen und Kneidlach: Stimmen aus einem koscheren Supermarkt

Kurz vor Pessach: Vorbereitungen auf den Feiertag – Stimmen aus »Kosherlife«

von Jan Feldmann  01.04.2026

Wirtschaft

Iran-Krieg treibt Inflation auf höchsten Stand seit 2024

Teurer Sprit, steigende Preise für Strom und Gas: Die Kämpfe im Nahen Osten haben schon im ersten Kriegsmonat die Verbraucherpreise angeheizt. Bald könnten auch andere Warengruppen betroffen sein

von Alexander Sturm und Christian Ebner  30.03.2026

Die israelische Raketenabwehr hat eine aus dem Libanon anfliegende Terror-Rakete im Visier.

Nahost

Libanon muss jetzt handeln

Die Hisbollah hat äußeren Druck jahrzehntelang in politische Stärke verwandelt. Doch ihr aktueller Legitimitätsverlust ist hausgemacht — und eröffnet dem Libanon erstmals die Chance, das Machtgefüge im eigenen Land zu verändern.

von Leo Benderski  26.03.2026

Berlin

»Grenzen der Erinnerung erweitern«

Argentinien hat von Israel die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen. In der Botschaft des südamerikanischen Landes wurde das mit einer Zeremonie gefeiert

 26.03.2026