Paris

Gelobtes Fernsehen

von Katharina Born

Michel Taubman wirkt aufgekratzt. „Ich begrüße Sie zu der dritten Ausgabe der Sendung ‚Ouvertures’, die ich Ihnen mit zunehmender Freude präsentieren darf“, sagt der Moderator, und man nimmt es ihm ab. Die Präsidentin einer studentischen Gewerkschaft, ein Journalist, ein liberaler und ein ultraliberaler Politiker diskutieren über den umstrittenen Erstein‐ stellungsvertrag CPE, der in Frankreich wochenlang für Proteste sorgte. Mit der jüdischen Gemeinde hat das Thema nichts zu tun. Zwei der Gäste sind vielleicht Juden, aber in ihrer Argumentation spielt das keine Rolle. Denn der Name der Sendung, „Öffnungen“, könnte auch für das Programm des neuen jüdischen Fernsehkanals stehen: „Hier wird gerade das Gegenteil von Gemeinde‐Fernsehen für die Juden gemacht“, sagt Taubman, der hauptberuflich das Pariser Nachrichtenbüro von Arte leitet. „Ich könnte genausogut kein Jude sein. Die Nachrichtensprecherin von TFJ ist eine Schwarze, und an der Religionssendung nehmen jeweils ein Rabbiner, ein christlicher und ein moslemischer Geistlicher teil. Deshalb wollte ich mitmachen. Diese Öffnung nach außen hat mich fasziniert.“
„La terre promise“, heißt das Gelobte Land auf Französisch – und so lautet das Motto von TFJ nun „La chaîne promise“ – mit dem augenzwinkernden Zusatz „promise à tous“ – der gelobte Kanal für alle. „Von einem jüdischen Sender wünsche ich mir, daß er nicht nur über jüdische Fragen spricht“, sagt der Filmregisseur Alexandre Arcady in einem Kurzinterview. „Was höre ich, das jüdische Fernsehen geht wieder auf Sendung?“ Der Fernsehprominente Ariel Wizmann wirkt begeistert. Dann wird Beate Klarsfeld eingeblendet, die hofft, nun könne endlich ein Gegengewicht zur einseitigen Berichterstattung über Israel entstehen. „Das Programm von TFJ sollte die Faszination der universellen Botschaft des Judentums widerspiegeln“, sagt der ehemalige Bildungsminister Luc Ferry. Mit mehr als hundert Interviews bekannter Pariser Juden und Nicht‐Juden, Künstler, Intellektueller, Religionsvertreter und Politiker zum neuen jüdischen Fernsehen hat TFJ schon vor dem Sendebeginn von sich reden gemacht. Nun flimmern die Clips zwischen zwei Sendeteilen permanent über den Bildschirm – als Eigenwerbung, um die Haltung des neuen Senders zu verdeutlichen, und weil es noch so viele Sendelöcher gibt.
Im winzigen Regieraum schimpft derweil der Regisseur, daß die Beleuchtung noch immer nicht stimmt und Taubmans Co‐Moderatorin Ilana Cicurel ihn im Bild um fast einen Kopf überragt. „Sag Ilana, sie soll den Stuhl etwas runterdrehen“, weist er die Techniker im Studio an. Und zu den Kameramännern: „Xavier auf zwei, Jean Philippe, weiter nach links“. Die Räume der Télévision Française Juive sind über drei kleine Häuser im Pariser Vorort Boulogne verteilt. Eine ehemalige Garageneinfahrt, die immerhin mit einem roten Teppichläufer ausgelegt ist, führt in das unter‐ irdische Aufnahmestudio. Neben dem Eingang stapeln sich Kabelrollen, Set‐Kulissen und Werkzeugkisten. In der hinteren Loge, wo schon die nächsten Studiogäste empfangen werden, zischt eine Kaffeemaschine. Als nächstes sollen ein Globalisierungsgegner und eine bekannte Publizistin über den linken Islamismus aneinandergeraten. Die Praktikantinnen der Kosmetikschule tupfen noch am Make‐up der Gäste herum. In fünf Minuten beginnt die Aufzeichnung des zweiten Teils von „Ouvertures“.
Bereits seit 1998 gab es in Frankreich einen jüdischen Fernsehkanal, den einzigen in ganz Europa. Das staubige, rechts‐konservative Programm, das nur noch aus den Wiederholungen alter Sendungen bestand, lockte längst keine Werbekunden mehr an. Der Aufruf nach Spenden für den Erhalt des Senders blieb zum Schluß permanent eingeblendet. Im vergangenen Mai meldete der Sender Bankrott. Für Marc Fiorentino, Direktor einer Investmentfirma und nebenberuflich bereits Moderator mehrerer Finanzsendungen, bot sich die einmalige Chance, den Sender zu kaufen und ein ganz neues Konzept zu versuchen. „Die Vorstellung, daß gerade in diesen Zeiten das jüdische Fernsehen so sang‐ und klanglos einfach verschwinden könnte, ließ mir keine Ruhe“, sagt er. „Ich mußte ihn kaufen.“ Mit „diesen Zeiten“ meint Fiorentino den zunehmenden Antisemitismus in Frankreich, die Anschläge auf jüdische Einrichtungen, aber auch das, was er eine „Autoghettoisierung“ nennt: „Die Juden ziehen sich zurück, sie schotten sich ab. Und das tun im Moment auch alle anderen Bevölkerungsgruppen. Ich halte das für sehr gefährlich. Wir wollen die Hand ausstrecken und das Judentum als das zeigen, was es ist – als einen Teil der Gesellschaft.“ Dennoch stellt Fiorentino klar, daß sein Anliegen auch geschäftlich ist: „Dies ist keine Wohltätigkeitsveranstaltung oder Interessenvereinigung. Dies ist ein Unternehmen, und es soll sich finanziell tragen, spätestens in anderthalb Jahren“, betont er. „Mit dem ganz neuen Team hat sich eine große Energie entwickelt, wir haben einen Sendeplan, wir haben ein Programm, wir sind auf dem Weg zu Qualität.“
Seit September vergangenen Jahres arbeiten die fast sämtlich neu eingestellten Mitarbeiter an der Konzeption und Planung der neuen Sendungen. Eine belgische Firma produziert fieberhaft Musik und Logos, um TFJ sein eigenes Gesicht zu geben. Für einen kleinen Sender sind die 14 eigenen Sendungen, die inzwischen produziert werden, sehr viel. Vom Gesundheitsmagazin bis zur Samstagabend‐Unterhaltungstalkshow werden täglich bis zu vier verschiedene Formate aufgezeichnet.
„Wir bedienen zunächst Erwartungen“, sagt Fiorentino, „sprechen über Familie, Humor und Geld. Aber wir versuchen, diese Themen zu entmystifizieren und ihnen das Diabolische zu nehmen.“ Oberste Priorität des Programms sei es schließlich, Israel und die jüdische Bevölkerung wieder in einem besseren Licht zu zeigen. „Es kann nicht angehen, daß Israel wie ein Soldat dargestellt wird, der Kinder ermordet und daß die Juden alle für Bankiers gehalten werden.“ Auch Jacques Bacry, der für die Werbe‐Akquisition im Sender zuständig ist, hält die französische Berichterstattung, was Israel angeht, für „katastrophal“. „Wir können nicht gegen die großen Sender angehen“, sagt er. „Aber Werbung ermöglicht es uns, intelligente Dinge zu sagen, ohne dafür die Mittel zu haben.“
Ausgerechnet auf die jüdischen Unternehmen scheint der neue Sender dabei aber nicht zählen zu können. „Die können uns nicht ernähren“, sagt Bacry, „die sind zu kompliziert und außerdem haben sie Angst, der Sender könnte sie zu sehr auf ein Image festlegen. Für die Nicht‐Juden spielt das keine Rolle.“ Bacry hantiert nervös mit seinem Mobiltelefon. „Fernsehen gibt es sowieso nicht mehr“, sagt er, „Es gibt nur noch Programm. Der Zuschauer zappt, bis er etwas findet, wo er hängen‐ bleibt. Der Sender ist dabei völlig egal.“
„Gérard, jetzt erzähl mal, wie sie sein soll, deine Traumfrau.“ Yves Tolédano macht dem Gast der Mazal‐Show Mut. Statt des gediegenen Tropenholzdekors der Diskussions‐ und Finanzsendungen ist das Studio von TFJ nun mit Stellwänden in grellem Gelb und Lila ausstaffiert. Gérard, geschieden, ein erwachsener Sohn, ein freundliches Lächeln, schaut die bekannte Lottofee und Fernsehblondine Sophie Favier an, mit der sich Tolédano die Moderation der Sendung für einsame Herzen teilt, und sagt: „Vor allem schön soll sie sein. Ich mag keine Mittelmäßigkeit. Sophie wäre schon nicht schlecht.“ Die zwei älteren Single‐Damen, die neben ihm auf der knall‐orangen Sitzbank hocken, blicken etwas mutlos drein. Favier reagiert routiniert. „Ich kann doch nicht alles machen“, sagt sie. Und Tolédano weiß die Stimmung wieder zu heben: „Wir vermitteln nicht an Sophie. Die brauchen wir noch.“
„Das Heiraten ist ein großes Thema in der jüdischen Gemeinde und schwer in Mode. Deshalb ist die Partnervermittlung eine wichtige Sache.“ Tolédano weiß, wovon er spricht. Seit fast zwanzig Jahren moderiert er eine Mazal‐Show auf Radio‐Shalom, dem Pariser jüdischen Radiosender. „Wir können nur Juden an Juden vermitteln, sonst würden wir Ärger mit den Rabbinern bekommen. Aber Sophie steht als Nicht‐Jüdin dafür, daß wir alle einladen, an der Show teilzunehmen, zum Beispiel mit einer offiziellen Liebeserklärung.“
Für den Posten des Unterhaltungschefs bei TFJ hat Tolédano endgültig seinen Beruf als Rechtsanwalt aufgegeben. Nun hört der 34jährige täglich Demotapes für die Talentsuche der Jugendsendung „Balagan“ ab, plant neue Themen für sein Musik‐ und Gesellschaftsmagazin und ruft auch schon mal Kandidaten und Studiogäste persönlich an. Sein liebstes Projekt ist aber der Club‐TFJ, unter dessen Namen er Konzerte, Feste und Reisen veranstaltet. Der Jahresbeitrag liegt bei immerhin 100 Euro pro Jahr und soll den Sender zusammen mit Großveranstaltungen, koscheren Reisen und anderen Telemarketing‐Produkten der Marke TFJ einmal zu einem Großteil finanzieren. Zuerst wollten nur ältere Menschen dem Club beitreten, die schon den ehemaligen Sender unterstützt hatten. Laut Tolédano kommen nun aber immer mehr junge Mitglieder dazu, die sich für die Konzerte und Single‐Abende interessieren. Nach drei Wochen waren es schon 150 Mitgliedschaften. Der erste große Erfolg des Clubs war das Konzert der israelischen Schlagersängerin Sarid Hadad, für das immerhin 3.700 Karten verkauft wurden. „Vorher war es viel zu peinlich, mit TFJ in Verbindung gebracht zu werden“, sagt er, „aber wir bitten ja nicht um Spenden, wir bieten den Leuten Spaß und Unterhaltung. Und die Mitglieder können TFJ kostenlos mit ihrem Computer im Internet sehen.“
Mehr als sieben Millionen Haushalte in ganz Europa und Afrika können den Sender bereits über Satellit empfangen. Die meisten Zuschauer außerhalb Frankreichs kommen aus Belgien, Luxemburg und aus Israel. Aber auch in Nordafrika sieht man laut Tolédano gerne TFJ, er bekomme jedenfalls E‐Mails von Zuschauern aus der ganzen Welt. „Komischerweise vor allem von Arabern. Zuerst habe ich gedacht, die machen sich lustig über uns. Aber sie sagen, daß ihnen die orientalische Musik gefällt.“
Doch auch die Hauptzielgruppe kommt auf ihre Kosten. Die Abendnachrichten beginnen mit der Übertragung der Meldungen des israelischen Fernsehens. Die populären israelischen Fernsehserien wie Liebe an der Straßenecke und Ramat Aviv Stories werden ebenfalls auf hebräisch mit französischen Untertiteln gesendet. „Je schwieriger das Leben für die Juden hier ist“, sagt Tolédano, „desto näher fühlen sie sich Israel. Sie wollen Nachrichten aus Israel, Musik aus Israel und die neuesten Fernsehserien aus Israel.“ Und Produzentin Katja Epelbaum fügt hinzu: „In Frankreich fühlt man sich manchmal wie die Widerstandsbastion einer jahrtausendealten Kultur. Viele meiner israelischen Freunde haben erst hier das Judentum für sich entdeckt.“
Tolédano fragt seine Talkshowgäste regelmäßig, was sie von der Situation in Israel halten. Damit wolle er keine politische Richtung vertreten, sondern ansprechen, was die Zuschauer interessiert. „Wir sind nicht viele“, sagt der Unterhaltungschef. „Da können wir es uns nicht leisten, Fernsehen nur für einen Teil der jüdischen Gemeinde zu machen. Hier sollen alle zu Wort kommen. Juden und Nicht‐Juden. Vertreter aller politischen Richtungen, keine Extremisten und keine Antisemiten.“ Tolédano lacht. „Ein paar mehr Juden als Nicht‐Juden werden es schon sein. Sonst bräuchten wir ja kein jüdisches Fernsehen zu machen.“
Drei Wochen nach Sendebeginn ist Michel Taubman zufrieden. „Ich glaube, wir werden immer besser“, sagt er. Tatsächlich verlief die Diskussion zum linken Islamismus ausgewogen, es gab kaum noch technische Fehler. Die Gäste versprechen nach der angeregten Debatte, gerne wiederzukommen: „Ich war schon zu einigen solcher Talkshows eingeladen“, sagt die Vertreterin der Studenten. „Mir ist egal, ob es ein jüdischer Sender ist, ein arabischer oder was auch immer. Hier kam ich mit Abstand am meisten zu Wort. Ich glaube wir sind dem Thema auf den Grund gekommen. Das ist im Fernsehen etwas Besonderes.“

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