Papst

Gegenreformation

von Christian Böhme

Es ist noch nicht lange her, da waren wir alle Papst. Zwischen Flensburg und einem bis dahin weitgehend unbekannten Ort namens Marktl am Inn fegte ein Sturm der Begeisterung durchs Land. Denn nach – gefühlt – Tausenden von Jahren hatte wieder ein Deutscher auf Petris Stuhl Platz genommen. Wahrlich ein Grund zum Feiern. Die warnenden Stimmen, jetzt übernehme ein Erzkonservativer die Führung der katholischen Kirche, gingen in den betäubenden, patriotischen Hurra‐ und Benedetto‐Rufen unter.
Ausgelassene Freude, das war gestern. Heute sind wir nicht mehr Papst – sondern baff. Die Rückkehr eines notorischen Holocaustleugners und seiner antijüdisch gesinnten Brüder in den heiligen Schoß der Kirche ist eine politisch‐strategische Rückwärtsrolle mit anschließender Bruchlandung. Selbst die Wohlmeinendsten reiben sich ungläubig die Augen. Geht das mit rechten Dingen zu? Handelt es sich um den Fall eines Entrückten? So recht will sich der (vermeintliche) Unfall in Sachen Bischof Williamson nicht erklären. Von Missmanagement, Pannen, Unwissenheit und Kommunikationsproblemen ist die Rede.
Das alles mag zutreffen. Doch womöglich geht es Benedikt XVI. und den Seinen um etwas viel Größeres, als ein Häuflein Ultraorthodoxe heimzuholen. Der Vatikan will die Kirche stark machen, die Reihen fest schließen – um dem Vormarsch des Islam etwas entgegenzusetzen.
Wenig wird den Vatikan in der jüngsten Vergangenheit so aufgeschreckt haben wie die selbst ermittelten Zahlen. Demnach gab es 2006 erstmals mehr Muslime (1,3 Milliarden) als Katholiken (1,1 Milliarden) auf der Welt. Man kann sich die entsetzten Gesichter in den Gelehrtenstuben um den Petersdom herum gut vorstellen. Den Anspruch, die religiöse Weltmacht zu sein, stellen solche Zahlen of‐ fenkundig infrage.
Aber der Vatikan wäre nicht der Vatikan, würde er das einfach so hinnehmen. Kräftig gegensteuern lautet die Devise der Gefahrenabwehr: Nach innen, indem antiliberale, antimodernistische Traditionen wieder zugelassen werden, für die es seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) mit seinen „Erneuerungs“-Reformen kaum noch Platz gab. Nach außen, indem Stärke, Anziehungskraft und damit auch der Wille zur Mission für alle sichtbar unter Beweis gestellt werden. Die neu‐alte Karfreitagsfürbitte, Gott möge doch die Herzen der Juden erleuchten, damit sie Jesus als Messias erkennen, ist dafür ein Beispiel.
Aber eben nur eines. Die älteren Brüder und Schwestern der Kirche sind für den aufs Große blickenden Vatikan nur ein Randproblem. Den Muslimen hingegen wird ein hoher Stellenwert beigemessen. Vor fast einem Jahr konnte man das gut beobachten: Benedikt XVI. nutzte die symbolträchtige Osternacht, um einen bekannten italienischen Journalisten zu taufen. Der hatte sich als Muslim mehrfach islamkritisch geäußert. Die Botschaft des von ihm gespendeten Sakraments war eindeutig: Seht her, wir können auch anders! Wir bieten dem Islam Paroli!
Der Papst hatte schon zuvor klargestellt, dass – katholisch betrachtet – der Dialog allein nicht selig machen könne. In seiner berühmt‐berüchtigten Regensburger Rede vom September 2006 dozierte er über das Verhältnis von Religion und Gewalt, Christentum und Islam. Und zitierte einen byzantinischen Kaiser: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“
War das eine Kampfansage? So zumindest verstand es die Mehrheit der Muslime. Die nachgereichte Entschuldigung des Pontifex genügte vielen nicht. Aus nachvollziehbaren Gründen, wenn man ein Interview mit Benedikts Privatsekretär Georg Gänswein liest. Der hatte dem Magazin der Süddeutschen Zeitung im Juli 2007 gesagt: „Die Islamisierungsversuche im Westen sind nicht wegzureden. Und die damit verbundene Gefahr für die Identität Europas darf nicht aus falsch verstandener Rücksicht ignoriert werden. (…) Gerade die Regensburger Rede sollte einer gewissen Blauäugigkeit entgegenwirken.“
In diesem Ringen um religiöse Vorherrschaft kommt aus Sicht des Vatikans den Juden nur eine Statistenrolle zu. Ihre Empörung über rehabilitierte Holocaustleug‐ ner und Missionierungsversuche wird als hinnehmbarer Kollateralschaden in Kauf genommen. Und wenn die Proteste überhandnehmen, dann werden eben beruhigende Worte verabreicht. Oder man setzt auf Zeit. Schließlich hat die katholische Kirche schon ganz andere Dinge ausgesessen. Da übersteht man auch eine kleine Eiszeit im jüdisch‐katholischen Verhältnis.

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