Sari Nusseibeh

Gegen den Strom

von Anna Kemper

Da sitzt er, der gefährlichste aller Palästinenser, auf einem Sessel in einem Leipziger Hotel. In der rechten Hand hält er ein Glas Orangensaft, die linke spielt mit einer Kette, an der blaue Perlen hängen, seine Sorgenperlen. Der gefährlichste aller Palästinenser hat gerade mit dem Rauchen aufgehört, deshalb, sagt er, brauche er jetzt immer etwas zwischen seinen Fingern, damit er die Zigarette nicht so sehr vermisst. Sari Nusseibehs Haar leuchtet schlohweiß, seine Augen blicken neugierig. »Das hübsche Gesicht des Terrors«, nannte ihn einmal ein Likud-Abgeordneter, einen »Wolf im Schafspelz«.
Sari Nusseibeh lehnt sich zurück. »Ich bin das palästinensische Gesicht des Friedens«, sagt er, und um seinen Mund legt sich ein amüsierter Zug. »Damit können einige Israelis nicht umgehen, deshalb halten sie mich für gefährlich.« Wenn der 59-Jährige einen Vortrag hält oder ein Interview gibt, dann wird er immer mit diesem Zitat vom Wolf und dem Schafspelz konfrontiert. Es ist einfach zu verlockend, weil so absurd: Denn wären alle Menschen im Nahen Osten so gefährlich wie Nusseibeh, die Region wäre ein Hort des Friedens.
Sari Nusseibeh stammt aus einer der ältesten und bedeutendsten palästinensischen Familien und ist Präsident der arabischen Al-Quds-Universität in Ostjerusa- lem. Er hat in England studiert und in den USA promoviert, und doch ist er immer nach Jerusalem zurückgekehrt, in diese Stadt, die der israelisch-palästinensische Konflikt seit Jahrzehnten zerreißt. »Ich wünsche mir immer, an einem anderen Ort ein anderes Leben zu leben«, sagt er. »Aber genauso bereue ich keine Sekunde lang, dass ich es gelebt habe.« Vor Kurzem ist Nusseibehs neues Buch erschienen: Es war einmal ein Land – ein Leben in Palästina (Kunstmann-Verlag).
Jerusalem, Al-Quds, der Name seiner Familie ist mit dem der Stadt untrennbar verbunden. 638 n. u. Z. kam der erste Nusseibeh nach Jerusalem, dort machte ihn der Kalif zum Hohen Richter. Er gab der Familie den Schlüssel zur Grabeskirche. Seit über 1.000 Jahren schließt seitdem ein Muslim, ein Nusseibeh, das Heiligtum der Christen morgens auf und abends zu. Dutzende Pilger schauen sich diese Schlüssel-Zeremonie jeden Tag an. Sari Nusseibeh war noch nie dabei. »Ich respektiere die Tatsache, dass wir diese Tradition haben«, sagt er. »Aber ich will sie nicht zu wichtig nehmen.« Lieber erzählt der Palästinenser die Geschichte des Familiennamens: Die Schwester des ersten Nusseibeh in Jerusalem war Nusaiba, »eine mutige Frau, die für den Propheten Mohammed gekämpft hatte«. Von ihr stammt der Familienname. Man sieht seinem Gesicht die spitzbübische Freude an, als er sagt: »Nicht gerade viele arabische Familien berufen sich auf matriarchalische Wurzeln. Wir schon.«
Sari Nusseibeh liebt das Überraschende. Das Erwartbare und die Tradition waren nie seins. Er ist nicht Politiker geworden, Staatsmann, wie einige Verwandte und wie sein Vater, der unter anderem jordanischer Verteidigungsminister und Botschafter war, sondern studierte Philosophie. Er heiratete keine palästinensische Muslimin, sondern verliebte sich in eine Engländerin: Lucy Austin, die Tochter eines englischen Philosophen. Als der Mufti von Jerusalem sie Mitte der 70er traute, versprach er ihr als finanzielle Sicherheit im Fall der Scheidung eine frisch geschnittene Sonnenblume. Auf Fotos von damals konkurriert sein wilder Lockenkopf in der Breite nur mit dem Schlag seiner Hose. »Die Eltern meiner Freunde hielten mich für einen Hippie.« Und ihm kam seine Familie vor wie russische Aristokraten im Exil. »Sie hingen an einer Welt, die in Jerusalem nicht mehr existierte.«
Das Jerusalem seiner Familie ging 1948 mit dem israelischen Unabhängigkeitskrieg verloren. Sari Nusseibeh wuchs in einer geteilten Stadt auf, direkt hinter dem Garten verlief die Grenze. Als Kind blickte er oft hinüber, in die Welt hinter dem Niemandsland. Dort lag Mea Schearim, das Viertel der ultraorthodoxen Juden. Angst jagten sie ihm ein, diese schwarzen Gestalten, von denen seine Familie erzählte, sie seien grausam. Hinter dem Garten, da war er sich sicher, beginnt das Böse. Was man nicht kennt, sagt Sari Nusseibeh, das macht einem Angst. Bei ihm wich diese Angst der Neugier. 1968 verbrachte er den Sommer im Kibbuz Hasorea. Ein paar Wochen, die sein Bild von Israel und den aggressiven Israelis gründlich auf den Kopf stellten. »Genau deshalb bin ich ja hingefahren.« Erfahren, was die anderen denken, erhoffen, erlebt haben – das ist für Nusseibeh der erste Schritt zum Frieden. »Palästinenser und Israelis sehen zu oft nur ihr eigenes Leiden. Über das der anderen wissen sie viel zu wenig.«
Als er vor ein paar Jahren Amos Oz’ autobiografischen Roman Eine Geschichte von Liebe und Finsternis las, war er erstaunt: Der israelische Schriftsteller war wenige Hundert Meter von ihm entfernt aufgewachsen, genauso unwissend, was hinter der Grenze passierte. Auch deshalb hat Sari Nusseibeh sein Buch geschrieben: Um zu erzählen, wie es war und wie es ist, seit fast sechs Jahrzehnten in Ostjerusalem und dem Westjordanland zu leben.
Sein Ostjerusalem hat sich verändert, sagt er, von einer provinziellen Stadt in eine unter Druck stehende mit einer zerrissenen Gesellschaft, die immer religiöser wird. Sari Nusseibeh ist ein ruhiger Mann. Doch wenn er davon spricht, wie die Imame in seiner Stadt predigen, dann spürt man, dass es ihn wütend macht, was er hören muss. Wenn er in seinem Garten sitzt und die Gebete zu ihm hinüberschallen. »Sie zwingen mir ihre Worte auf. Und es ist Unsinn. Würden die Imame mir ihre Reden als Klausur abgeben, ich würde sie durchfallen lassen!« Es schmerzt ihn, der in islamischer Philosophie promoviert hat, zu hören, wie die Ima

me über die Welt der Dunkelheit und des Lichts predigen, über das Feuer, in das Gott die Menschen werfen wird. Und er wundert sich nicht, dass den Westen dieser Islam beunruhigt. »Die muslimischen Führer sagen, der Islam sei tolerant. Aber dann wird ein Flugzeug ins World Trade Center gelenkt, im Namen des Islam – und die religiösen Führer schweigen. Als der Papst sagte: Der Islam ist eine Religion der Gewalt, protestierten sie – mit Gewalt.«
Nusseibeh hat Gewalt immer verurteilt. Während der zweiten Intifada wollte kein arabischer TV-Sender ihn interviewen, weil er nicht zu Selbstmordattentaten aufrief.

Seine Philosophie ist die des gewaltlosen Widerstands, des zivilen Ungehorsams. Gewalt erzeuge Gegengewalt, ein Teufelskreis, der Israelis und Palästinenser fest im Griff habe. Immer wieder hat er versucht, ihn zu durchbrechen: Während der ersten Intifada organisierte er Streiks, druckte Flugblätter und rief dazu auf, israelische Waren zu boykottieren und Steuern nicht zu zahlen. Als der Sperrzaun, den Israel an der Grenze zum Westjordanland errichten wollte, quer über das Fußballfeld auf dem Campus seiner Universität gebaut werden sollte, protestierte er mit seinen Studenten friedlich, so lange, bis der Verlauf geändert wurde. Widerstand, sagt er, muss unter allen Umständen gewaltlos bleiben. Als junger Professor wurde er einmal nach einer Vorlesung über Toleranz von Radikalen verprügelt, er schlug nicht zurück. Gibt es nicht einen Punkt, an dem die Gewaltlosigkeit endet? Den gibt es, sagt er und macht eine Pause. »Im Grab.«
Widerstand gegen die Besatzung sei nur gerechtfertigt, wenn er nicht das unterminiere, was ihm Berechtigung verleihe: die Menschenwürde. Einmal sprach Sari Nusseibeh vor militanten Anführern der Intifada, die er in einer Art Workshop für ein Friedensprojekt gewinnen wollte. Da stand er, der weißhaarige Philosoph im Tweedjackett, und gab ihnen eine Lektion über den kategorischen Imperativ: Es sei unlogisch, mit Gewalt gegen Gewalt zu protestieren. »Das war Immanuel Kant in Reinform«, schreibt er in seinem Buch.
Zwei Staaten wünscht er sich und ist trotzdem kein Nationalist. Werte wie Freiheit, Menschenwürde, Gleichheit, Gerechtigkeit seien ihm wichtig. Und wenn ein palästinensischer Staat ihm das nicht bieten könne, »dann verzichte ich lieber auf ihn«. 1998 gehörte er einer von Arafat berufenen Kommission an, die die Korruption in der Palästinensischen Autonomiebehörde untersuchen sollte. Als sie nach drei Monaten ihren 300 Seiten starken Bericht vorlegten, der dem Versickern von über 300 Millionen Dollar nachspürte, bedankte Arafat sich. Und ließ die Untersuchung in der Schublade verschwinden. »Das war sehr deprimierend: Hier ging es nicht um eine einzelne kriminelle Person, es ging ums Ganze«. Damals dachte Nusseibeh erstmals daran, ein Buch darüber zu schreiben. Den ersten Satz hatte er schon im Kopf: »Dies ist nicht das Land, für das ich gekämpft habe.«
Macht korrumpiert, davon können Palästinenser wie Israelis einiges erzählen. Macht, sagt Nusseibeh, birgt immer die Gefahr, ein Wert an sich zu werden. »Für mich ist Macht aber ein Mittel, um ein höheres Ziel zu erreichen.« Jedes Mal, wenn Arafat ihm einen Posten in der Autonomiebehörde anbot, stellte er eine simple Rechnung auf: Wo könnte ich mehr erreichen, in der angebotenen Position oder als Präsident meiner Universität? »Ich kannte die Möglichkeiten und Grenzen dieser Regierung sehr gut und sah mich nicht in der Lage, dort viel zu verändern.« Nusseibeh lehnte jedes Angebot ab.
Nur einmal, von 2001 bis 2002, war er PLO-Repräsentant in Jerusalem. Damals schockte er die Palästinenser, als er verkündete, sie müssten in einem Friedensvertrag vielleicht auf das Rückkehrrecht der Flüchtlinge verzichten. Als Teil eines Kompromisses, in dem Israel seinerseits zum Beispiel ein souveränes Ostjerusalem als palästinensische Hauptstadt anerkennt. Genauer aus- geführt hat er dies in seinem Friedensplan, den er 2003 mit Ami Ajalon lancierte. Ein überraschendes Paar: der ehemalige Chef des israelischen Geheimdienstes und ein palästinensischer Philosophieprofessor. »Destination Map« nannten sie ih- ren Friedensentwurf, »denn was nützt eine Roadmap, wenn keiner weiß, wo genau diese Straße eigentlich hinführt?« Sie sammelten Unterschriften für ihr Projekt, Ami Ajalon in Israel, Sari Nusseibeh in Ostjerusalem und dem Westjordanland, 400.000 unterschrieben. »Tief im Innern«, sagt Nusseibeh, »sehnen wir uns alle nach Frieden.«
An diesen Frieden glaubt Sari Nusseibeh in jedem Augenblick. Da ist er wieder ganz bei Kant, seinem Modell als Philosoph. »Ich trage seine Botschaft ständig in mir: Wir sind die Herren unseres Schicksals.« Die verheerende Situation sei von Menschen geschaffen worden, und Menschen hätten auch die Macht, sie zu ändern. So geschwächt Mahmud Abbas und Ehud Olmert auch sein mögen – mit einem Abkommen in der Hand würden sie sofort jede Wahl gewinnen. Da ist sich Nusseibeh ganz sicher. »Ich glaube an politische Magie, die eine Realität verschwinden lässt und eine andere hervorbringt.« In diesem Moment fällt der Glaube daran, dass Sari Nusseibeh recht haben könnte, erstaunlich leicht.

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