Mauritius

Gefangen unter Palmen

von Carsten Dippel

Mauritius. Wer denkt dabei nicht an weiße Sandstrände und grüne Berge, an Palmen, die sich im tropischen Wind wiegen? Heute ist die Insel im Osten Madagaskars für viele ein Ort der Sehnsucht. Als im Dezember 1940 mehr als 1.500 Juden in der damaligen britischen Kolonie landeten, erfüllte sich für sie alles andere als ein Traum. Fünf lange Jahre wurden sie in der Inselfestung Beau Bassin inhaftiert. Ihr Vergehen? Sie hatten versucht, »illegal« nach Palästina zu gelangen. Dass sie auf der Flucht vor den Nazis waren, zählte dabei wenig. Ihre Odyssee begann in Danzig, Berlin, Prag und Wien. Nach Monaten bangen Wartens hielten sie die begehrten Auswanderungszertifikate in der Hand, die sie über die Donau bis ans Schwarze Meer brachten, wo die klapprigen Schiffe eines griechischen Reeders auf sie warteten. Doch die Briten hielten stur an ihrer 1939 begonnenen Weißbuchpolitik fest und brachten die überfüllten Schiffe vor der Küste Haifas auf. Nach kurzer Internierung im Lager Atlit deportierten sie die Flüchtlinge nach Mauritius. Wohl wissend, dass die meisten nach den physischen wie psychischen Strapazen krank und erschöpft waren.
Ihre Geschichte ist bisher kaum erzählt worden. Eine Lücke, die sich nun mit der Übersetzung von Geneviève Pitots Der Mauritius-Schekel schließt. Eher zufällig war die aus Mauritius stammende, im Jahr 2002 verstorbene Autorin bei Recherchen über den Namen ihrer einstigen Zeichenlehrerin Anna Frank gestolpert. Eine jener Flüchtlinge, die 1940 nach Beau Bassin kamen. Pitot, Bauingenieurin in London und Frankfurt/Main, begab sich auf die Suche nach Anna Frank, musste aber feststellen, dass sie nicht mehr lebte. Doch sie knüpfte Kontakt zu deren Sohn Vincent, der mehr über das Schicksal seiner Mutter und das der anderen auf Mauritius internierten Flüchtlinge wissen wollte.
Diesem persönlichen Zugang ist es wohl zu danken, dass eine mitfühlende, lebendige und überaus packende Schilderung des weithin vergessenen Themas »Mauritius« entstanden ist. Pitot nimmt den Leser förmlich mit auf die Flucht der Männer, Frauen und Kinder. Detailliert schildert die Autorin die Unwägbarkeiten der »Reise«, die Enttäuschung, nicht in Palästina bleiben zu dürfen, die ohnmächtige Wut angesichts der Gefängnismauern auf Mauritius. Gestützt auf zahlreiche Tagebuchnotizen, Erinnerungen, Dokumente und Gespräche mit Überlebenden zeichnet sie den schwierigen Alltag in der Festung nach. Das Aufbegehren gegen die willkürlichen Lagerregeln, das ständige Ringen um ein kleines Stückchen Freiheit. Da galt es schon als Glück, als sich nach Monaten des Getrenntseins Paare mit ihren Kindern täglich für wenige Stunden treffen konnten. Der britische Kommandant hatte die Männer in Zellen, die Frauen in einfachen Baracken separiert. Dazu das tropische Klima, Wirbelstürme, Malaria, die unzureichenden hygienischen Bedingungen. Pitot erzählt aber auch von selbst organisiertem Unterricht, Gottesdiensten, handwerklichen Tätigkeiten und Kontakten zu den Einheimischen – alles genau beobachtet und den strengen Regeln der Haft unterworfen.
In den Augen der britischen Kolonialbehörden galten die Flüchtlinge als Gefangene. Gemäß ihrer pro-arabisch ausgerichteten Nahostpolitik schlossen sie eine Entlas- sung nach Palästina selbst für die Zeit nach dem Krieg aus. Dabei befanden sich unter den Flüchtlingen Angehörige von mit England verbündeten Staaten, und auf manche warteten Verwandte in Palästina. Am Ende gaben die Briten ihre starre Haltung auf und ließen die Flüchtlinge im Sommer 1945 nach Palästina ziehen. Sie hatten überlebt, aber jahrelang wurden sie ihrer Freiheit beraubt.
Mit ihrer Schilderung der dramatischen Ereignisse legt Pitot schonungslos die Ignoranz der britischen Kolonialbehörden gegenüber dem jüdischen Flüchtlingsdrama offen. Wobei sie nicht vergisst, auch erhebliche Differenzen innerhalb der Regierung Churchills bezüglich des Umgangs mit dem leidigen Mauritiusproblem aufzuzeigen. Man sieht dem Text kleine sprachliche Unstimmigkeiten gerne nach. Denn das engagiert geschriebene Buch liefert einen wichtigen Beitrag zur Exilgeschichte. Und wirft zugleich ein Licht auf das Versagen der britischen Palästinapolitik.

geneviève pitot: der mauritius-schekel. geschichte der jüdischen häftlinge
Grasset, Paris 2008, 640 S., 23,90 €

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