Häftlinge

Gebete hinter Gittern

von Wladimir Struminski

Eigentlich sieht das kleine Lehrhaus »Abrahams Zelt« ganz normal aus. Von außen ist das Gebäude zwar eher bescheiden, im Innern aber säumen heilige Bücher die Wände, grübeln Männer, zumeist nach ultraorthodoxer Manier gekleidet, über aufgeschlagenen Folianten. An dem schönen Herbsttag könnte man meinen, mitten in eine fromme Idylle geraten zu sein. Wäre da bloß nicht das Gefängnistor gewesen, das der Besucher durchschritten hat, um in den Trakt der Justizvollzugsanstalt Maassijahu in Lod zu gelangen, der für religiöse Insassen bestimmt ist. Häftlinge, die »draußen« einen strengreligiösen Lebenswandel geführt haben oder im Gefängnis orthodox werden, können sich um einen Platz in einem »Leschem«-Trakt bewerben. Die Abkürzung bedeutet: »Für Hüter der Gebote«. Die drei Leschem-Abteilungen, die es in den insgesamt 28 Gefängnissen des israelischen Justizvollzugsdienstes Schabas gibt, beherbergen rund 300 der insgesamt 6.100 jüdischen Insassen. Rund 70 Prozent der Leschem-Insassen sind ultraorthodox. Anders als in anderen Abteilungen des Justizvollzugs ist die dunkelbraune Gefängniskluft keine Pflicht.
Allerdings sind die Tora-Trakte keine Zufluchtstätten für Fromme, die es etwas bequemer haben wollen, sondern Teil eines umfassenden Systems, das die Resozialisierung der Insassen mithilfe des Gottesglaubens fördern will. »Wir sind kein Teil der Strafe. Wir sind da, um den Menschen zu helfen«, sagt Yekutiel Yehuda Visner, Oberrabbiner des Justizvollzugs. Die Logik hinter den Tora-Trakten: Wer das Studium der Schrift gewohnt ist, soll es im Gefängnis zu seinem moralischen Nutzen fortsetzen. »Bei den Tora-Lektionen wird großes Gewicht auf jüdische Moral und Ethik gelegt«, sagt Ejal Salman, Rabbiner des JVA-Bezirks Mitte. Zu den Texten, die im Lehrhaus »Ohel Awraham« besonders in-
tensiv durchgenommen werden, gehört beispielsweise Orchot Zaddikim. Das im 14. oder 15. Jahrhundert verfasste Buch eines heute unbekannten Autors, das menschliche Eigenschaften unter die Lupe nimmt: Stolz und Großzügigkeit, Arroganz und Reue. Oder auch Zorn: ein Übel, ohne das viele der Insassen nicht hinter Gitter ge-
kommen wären. Zu den fleißigen Lernern von »Ohel Awraham« gehört unter anderem Schlomo B. (Name geändert). »Die Tora-Lektionen helfen, sich auf moralische Werte zu besinnen«, bekräftigt der Chassid, der über eine Wirtschaftsstraftat ge-
strauchelt ist. Neben den Leschem-
Abteilungen gibt es auch einen in religiöser Hinsicht etwas weniger strengen »religiösen Flügel«. Ein weiterer ist geplant.
Indessen ist der Zugang zur Tora nicht auf die Frommen-Trakte beschränkt. Auch in den ganz normalen Abteilungen, einschließlich des Frauengefängnisses Newe Tirza, kann sich jeder dem Studium der Religion widmen. Mehrere Hundert Häftlinge tun es regelmäßig. So in der ebenfalls in Lod gelegenen JVA Giwon. Im Innenhof des Trakts herrscht reges Treiben. Im Klassenraum von Rabbiner Elijahu Friedman aber ist die Ruhe vorbildlich. Hier werden einfachere Themen als in den orthodoxen Abteilungen durchgenommen, doch sind manche Schüler, weiß der Rabbiner zu berichten, einigermaßen gut bewandert. Wie andere Religionslehrer, die in Gefängnissen unterrichten, ist Friedman kein Angestellter des Gefängnisdienstes, sondern kommt von außerhalb. »Nicht wegen des Geldes«, lächelt er. Das staatlich festgelegte Entgelt liegt nicht allzu weit über dem Mindestlohn. Für Friedman ist der Unterricht hinter Gittern eine Mitzwa. Religion, so der Rabbiner, gebe vielen Insassen Halt. Lior K., ein junger Mann aus Jerusalem, hat vor seiner Festnahme säkular gelebt. Heute ist er ein Musterschüler in Rabbiner Friemans Klasse. Religion, sagt Lior, hilft ihm. Etwa dabei, Streitigkeiten mit anderen Insassen zu vermeiden. »Nachdem man Tora gelernt hat, gehört es sich nicht, schmutzige Worte in den Mund zu nehmen.« Auch nach der Freilassung will der junge Jerusalemer einen religiösen Lebenswandel führen und den Schabbat nicht entweihen. Allein das, glaubt er, wird ihm bei der Resozialisierung helfen. »Den meisten Unsinn«, auf Einzelheiten geht er nicht ein, »habe ich am Wochenende gemacht. Wenn ich nach der Haftentlassung den Schabbat halte, komme ich gar nicht dazu.« Grundsätzlich verfolgen die Gefängnisse nicht den weiteren Lebensweg ihrer Ex-Insassen, doch sind Rabbiner Salman Fälle bekannt, in denen ehemalige Häftlinge auch in der Freiheit fromm bleiben, ja orthodox werden.
Leicht ist die Arbeit der 22 Amtsrabbiner, die als Offiziere des JVA-Systems dienen, nicht. »Wenn ein Mörder mich um einen Segen bittet und mir um den Hals fällt, ist es nicht immer leicht zu vergessen, weswegen er im Gefängnis sitzt«, sagt Oberrabbiner Visner. »Allerdings glauben wir daran, dass jeder Mensch besserungsfähig ist.« Seine Arbeit sieht der 50-jährige Schriftgelehrte als Berufung. Um des zermürbenden Dienstes willen schlug der ehemalige Panzersoldat und Militärrabbiner die ihm angetragene Rabbinerstelle einer prestigereichen orthodoxen Gemeinde in Europa aus. Das Justizvollzugsrabbinat bildet Insassen auch als Kaschrut-Aufseher oder als Schreiber heiliger Texte – Tora-Bücher, Tefillin und Mesusot – aus. Das wird ihnen nach der Entlassung die Arbeitssuche erleichtern. Allerdings darf nicht jeder mitmachen: Mörder oder Sexualstraftäter werden als Texte-Schreiber nicht akzeptiert. »Es geht nicht«, glaubt Visner, »dass solche Menschen die Tora niederschreiben.«
Ganz verboten ist es den Rabbinern, Übertritte zum Judentum vorzunehmen. Nach den Gefängnisstatuten dürfen die Vollzugsbeamten nämlich keinem Insassen zum Glaubenswechsel verhelfen – in welche Richtung auch immer. Für Andrej S. bedeutet diese Vorschrift eine große Härte. Der GUS-Einwanderer führt im Gefängnis einen streng orthodoxen Lebenswandel, doch ist seine Mutter keine Jüdin. Daher beschied das Gefängnisrabbinat Andrejs Bitte, ihm die Konversion zu ermöglichen, negativ. Visner konnte den Gefangenen nicht einmal mit der Aussicht trösten, nach der Haftentlassung vor ein ordentliches Rabbinatsgericht treten zu können. So schnell kommt Andrej nämlich nicht frei.

Berlin

Chabad-Gemeinde feiert 30-jähriges Bestehen

Musik, Street-Food und ein Festakt: Die jüdische Chabad-Gemeinde in Berlin hat ihr 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Dabei gab es auch einen virtuellen Ausblick auf ein großes Bauprojekt, das nächstes Jahr starten soll

 30.08.2026

Westjordanland

Auslandspresseverband in Israel fordert Schutz für Journalisten

Gewalttätige Siedler attackieren US-Journalisten im Westjordanland – der Auslandspresseverband warnt vor einem gefährlichen Trend

 30.08.2026

Antisemitismus

Ire in Frankreich verhaftet, nachdem er gedroht hatte, jüdisches Paar zu ermorden

Nachdem der Australier und seine Frau aus dem Tunesien-Urlaub zurück waren, gingen sie zur Polizei

 27.08.2026

Desinformation

Was steckt hinter dem International Burke Institute?

Die KI-Firma OpenAI hat nach eigenen Angaben eine verdeckte russische Beeinflussungskampagne aufgedeckt, die sich als israelisch inszeniert haben soll

 26.08.2026

Würdigung

Hamburg ehrt Esther Bejarano und Jina Mahsa Amini

In der Hansestadt gibt es künftig eine Esther-Bejarano-Straße und einen Jina-Mahsa-Amini-Park

 24.08.2026

Nahost

Israel soll Militärflugplatz in Nordsyrien attackiert haben

Israel hat seit dem Umsturz wiederholt auch Ziele in Syrien ins Visier genommen. Nun wird ein erneuter Angriff gemeldet. Der US-Sondergesandte für Syrien übt deutliche Kritik

 18.08.2026

Vandalismus

Deportationsmahnmal in Berlin beschmiert

Das Denkmal an der Putlitzbrücke soll an die über 30.000 Juden erinnern, die zu NS-Zeiten vom benachbarten Moabiter Güterbahnhof aus in Konzentrationslager deportiert wurden

 18.08.2026

Sachsen-Anhalt

Gericht: AfD-Mitgliedern kann Waffenbesitzkarte entzogen werden

Mitglieder und Unterstützer der AfD in Sachsen-Anhalt haben gegen den Entzug ihrer Waffenbesitzkarte geklagt. Das Verwaltungsgericht Magdeburg wies die Klage ab. Nun entschied das Oberverwaltungsgericht.

 10.08.2026

Potsdam

Jüdische Gelehrsamkeit in berühmter Schlösserlandschaft - Rabbinerseminare im Wandel

Vor fünf Jahren wurde das Europäische Zentrum Jüdischer Gelehrsamkeit eröffnet - mit Rabbinerseminaren und einer Synagoge. Seitdem hat sich in der Rabbinerausbildung viel verändert. Wie geht es weiter?

von Leticia Witte  10.08.2026