Tora

Geben ist Gesetz

Wenn man die Tora irgendwie anders nennen wollte, würde einem bestimmt zuerst das Wort »Gesetzbuch« einfallen. Denn zum größten Teil besteht die Tora aus Geboten und Verboten. Wie jedes andere Volk besitzen also auch wir ein Gesetzbuch – wie die Deutschen das Grundgesetz, die Amerikaner ihre Bill of Rights, die Russen die Konstituziya. Wir haben die Tora.
Doch gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen den anderen Gesetzbüchern und der Tora. In allen anderen Verfassungen wird der Wert besonders auf die Rechte des Menschen gelegt. Zum Beispiel auf seine unantastbare Würde oder das Recht auf eine freie Meinungsäußerung. Die Tora hingegen konzentriert sich hauptsächlich auf die Pflichten des Menschen, zum Beispiel den Schabbat zu ehren oder den Nächsten zu lieben, »wie dich selbst«.
Eigentlich könnte die Tora viele Gebote auch ganz anders formulieren. Wenn sie zum Beispiel einem Herren gebietet, seinen Sklaven gut zu behandeln. Es heißt dort unter anderem, dass er seinem Sklaven das Kissen überlassen soll, wenn nur eines im Haus ist, und stattdessen ohne schlafen soll. Einem Sklaven wird hingegen geboten, sich in seiner Arbeitszeit voll und ganz der Tätigkeit für seinen Herren zu widmen und keine einzige Minute für eigene Zwecke zu verwenden.
Doch warum heißt es dort nicht: »Der Sklave hat das Recht, von seinem Herrn gut behandelt zu werden und sogar das Recht auf das letzte Kissen« oder »jeder, der einen Sklaven besitzt, hat Anspruch auf die gesamte Zeit und Kraft seines Sklaven. Falls der diese Zeit für eigene Zwecke nutzt, hat sein Herr ein Recht auf Entschädigung«. Klingt doch viel besser! Warum muss die Tora unbedingt alles in Form einer Pflicht formulieren?
Die Antwort auf diese Frage gibt uns Rabbiner Eliyahu Eliezer Dessler (1891–1953). Er sagte, dass man Rechte als Nehmen und Pflichten als Geben bezeichnen kann. Ein Beispiel macht deutlich, was er damit meint: Wenn ich ein Recht auf einen Parkplatz habe, haben alle anderen Menschen um mich herum die Pflicht, mir diesen freizuhalten. Das heißt, ich nehme mir das Recht, wobei die anderen mir dieses Recht geben, indem sie ihre Pflicht erfül‐len. Also sind diejenigen, die sich auf ihre Rechte konzentrieren, die Nehmer. Und die sich auf ihre Pflichten konzentrieren, sind die Geber. Da uns die Tora von klein auf als Geber erziehen möchte, schreibt sie alles in einer Form der Verpflichtung.

Beziehung zu anderen Aber wieso müssen wir unbedingt als Geber erzogen werden? Kommen wir zum Beispiel des Sklaven und seines Herrn zurück. Wie stellen sie sich ihre Beziehung vor, wenn jeder der beiden sich nur auf seine Pflichten konzentriert? Der Sklave arbeitet fleißig, und der Herr versorgt ihn mit allem, was er zur Verfügung hat. Solange es dabei bleibt, werden beide immer glücklich sein und in Frieden miteinander leben. Doch angenommen, der Sklave beginnt, nur auf seine Rechte zu achten und bei jeder Kleinigkeit seinem Herrn Vorwürfe zu machen: Dann wird auch der immer mehr Fehler in der Arbeit des Sklaven finden. So kann die Beziehung nicht funktionieren.
Genau so ist es auch mit jeder anderen Beziehung, also in Freundschaften oder der Ehe. Solange jeder nur auf seine Pflichten schaut und versucht, dem anderen alles recht zu machen, funktioniert es. Doch sobald eine der Parteien beginnt, nur zu nehmen, geht sofort jede Beziehung in die Brüche. Und das ist es, was die Tora erreichen möchte: uns zu beziehungsfähigen Menschen zu erziehen, zu Gebern.

beziehung zu G’tt Ein anderer Grund dafür wäre, dass wir uns dem Allmächtigen nähern sollen. Doch wie schafft man es, in Seinen Wegen zu gehen? Diese Frage wird im Talmud im Traktat Sota gestellt. Die Antwort lautet: Die einzige Möglichkeit ist, Ihm in den Eigenschaften zu ähneln. Als Beispiele führt der Talmud an, dass der Mensch wie der Allmächtige – der Adam kleidete – die Nackten mit Kleidung versehen soll. Wie Er Kranke besucht – zum Beispiel Awraham nach dessen Be‐
schneidung – so sollen auch wir sie besuchen. Genau wie Er die Trauernden tröstet – G’tt sprach Itzchak nach Awrahams Tod Trost zu – sollen auch wir sie trösten. Alle Beispiele, die der Talmud aufführt, sind Beispiele von selbstlosem Geben. Ohne dafür etwas verlangen zu können. Denn das ist die größte Eigenschaft von G’tt: Chessed, Wohltätigkeit, das absolute Geben ohne zu nehmen. Denn wer vollkommen ist, nimmt nichts, da er schon alles hat. Die einzige Möglichkeit, auf G’ttes Wegen zu gehen, ist ebenfalls zu geben. Um des Gebens willen, und nicht, weil man etwas dafür bekommen will.
Doch kann man die Frage stellen, wie wir sagen können, dass G’tt nichts von uns nimmt? Schließlich gebietet Er selbst, Ihm Opfer zu bringen, Gebete an Ihn zu richten oder die Gebote »um Seines Willen« zu erfüllen? Diese Frage kann man mit einer Allegorie beantworten. Stellen wir uns vor, wie ein König eine seiner Siedlungen auf dem Land besucht. Alle Bauern bringen ihre besten Früchte, damit der König von ihnen kostet. Doch der König nimmt nur von einem Bauern. Wie glücklich würde sich dieser Bauer schätzen, weil der König seine Gaben angenommen hat? Das heißt, dass der König mit seinem Nehmen dem Bauern eigentlich viel mehr gegeben hat, als von ihm nahm. Also war das Nehmen in Wirklichkeit das Geben. In diesem Fall ging es um einen König aus Fleisch und Blut. Wie glücklich sollten wir uns schätzen, wenn uns einfachen Bauern die Möglichkeit gegeben wird, unsere Gaben dem König des Universums anzubieten? Also ist G’ttes Nehmen in Wirklichkeit das größte Geben, das wir uns vorstellen können.

Voraussetzung Zurück zum Anfang. Wenn die Tora wirklich ein Gesetzbuch ist, was macht dann in den fünf Büchern Moses das 1. Buch Moses (Bereschit)? Die anderen vier Bücher sind voll mit Gesetzen verschiedener Art, doch das 1. Buch besteht überwiegen nur aus Geschichten über unsere Vorväter. Die Antwort auf diese Frage versteckt sich im Wochenabschnitt »Noach«, denn es steht: »Noach war ein Mensch, ein Gerechter in seiner Generation«. Das Wort »Mensch« scheint überflüssig zu sein, denn wir wissen, dass Noach ein Mensch war und kein Tier, und das Wort »Gerechter« beinhaltet auch in sich, dass er ein Mensch war, falls jemand noch Zweifel daran haben sollte. Doch wir wissen, dass kein einziges Wort in der Tora überflüssig ist. Und so erläutern die Weisen, dass uns die Tora damit lehren will, dass man zuerst ein Mensch sein sollte, und erst danach ein Gerechter werden kann. Dies ist auch der Grund dafür, warum uns die Tora zuerst das Buch Bereschit präsentiert: Um uns auf die Gastfreundschaft und Wohltätigkeit von Awraham hinzuweisen. Um uns am Beispiel von Itzchak zu zeigen, was für eine innere Stärke man in sich aufbauen soll. Damit wir von Yaakow lernen können, wie ehrlich man mit anderen sein soll. Kurz gesagt: Um aus uns Menschen zu machen. Und erst danach kann man anfangen, die anderen Gesetze zu lernen. Um schließlich zu einem Gerechten zu werden.

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