Koschere Lebensmittel

Für Leib und Seele

von Detlef David Kauschke

Eine kulinarische Weltreise können die Besucher der Internationalen Grünen Woche in Berlin noch bis zum kommenden Sonntag unternehmen. In den Messehallen unterm Funkturm präsentieren die Aussteller zehn Tage lang ihre Produkte: Mehr als 100.000 Spezialitäten – vom Ka‐
viar aus Ungarn über Känguru‐Burger aus Australien bis zu Bratnudeln aus Japan. Kulinarische Genüsse aus 52 Ländern. Für jeden etwas? Nicht ganz. Denn wer auf die jüdischen Speisegesetze achtet, wird auf der „größten Schlemmermeile der Welt“ hungrig bleiben.
Wer sich auf der Grünen Woche nach koscheren Lebensmitteln erkundigt, erntet Schulterzucken oder Kopfschütteln. Selbst eine Nachfrage beim Bundesverband der Ernährungswirtschaft bleibt ergebnislos. Mit diesem Thema habe man sich noch nie beschäftigt, heißt es dort. Fehlanzeige auch bei der Pressestelle der Messe Berlin: „Wenn wir den Begriff in den Computer eingeben, zeigt er uns gar nichts an: keinen Aussteller, kein Seminar oder Kongress“, sagt die freundliche Mitarbeiterin am Telefon.
Kaschrut kommt auf diesem „Weltmarkt der Ernährungswirtschaft“ nicht vor. Dabei liegen koschere Lebensmittel im Trend. Beispiel USA: Dort greifen immer mehr Verbraucher zu Produkten mit Kaschrut‐Siegel. 11,2 Millionen Konsumenten werden inzwischen in diesem Marktsegment ge‐
zählt, berichtete kürzlich das in New York erscheinende Wochenmagazin „Mishpacha“. Unter den Konsumenten seien nur etwa zehn Prozent Juden, die das ganze Jahr über ausschließlich koschere Produkte kaufen. Dazu kämen etwa zwei Millionen jüdische Verbraucher, die gelegentlich ko‐
scher essen, zum Beispiel zu Pessach oder den Hohen Feiertagen. Dann seien da noch drei Millionen Muslime oder Angehörige anderer Glaubensrichtungen, die aus religiösen Gründen zu Koscherprodukten greifen. Und etwa sieben Millionen Kunden würden koschere Waren aus anderen, zum Beispiel gesundheitlichen Gründen bevorzugen. Einer Umfrage zufolge meinen etwa 55 Prozent der Verbraucher in den USA, koschere Waren seien in Zeiten von Gammelfleisch und anderen Lebensmittelskandalen gesünder und daher unbedenklicher. 38 Prozent der nichtjüdischen Konsumenten sind zudem Vegetarier, die darauf vertrauen, dass in den als „parve“ (neutral) deklarierten Speisen wirklich keine tierischen Bestandteile enthalten sind.
Entsprechend der Nachfrage wächst das Angebot: in nordamerikanischen Geschäften und Supermärkten sind bereits über 102.000 Produkte mit Kaschrut‐Zertifikat zu haben. Da sieht es in Deutschland ganz anders aus. Die aktuelle „Koscher‐Liste“ der ORD, der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands, umfasst gerade mal gut 3.000 Lebensmittel. Der Markt ist – wie die Zahl der Konsumenten – noch sehr überschaubar. Rabbiner Tuvia Hod, Kaschrut‐Experte der ORD: „Ich schätze, es sind einige Tausend Menschen, die sich in Deutschland koscher ernähren. Aber ob es nun 5.000 oder 10.000 sind, kann ich nicht sagen.“ Gleichzeitig, so Hod, nimmt die Zahl der jüdischen Interessenten an einer halachisch einwandfreien Ernährung zu. Und er erhalte inzwischen auch schon zahlreiche Anfragen von nichtjüdischen Verbrauchern. Viele Antworten auf entsprechende Fragen gibt die Koscher‐Liste, die seit 1998 inzwischen in vierter Auflage veröffentlicht ist (www.ordonline.de).
Klar ist: Immer mehr Deutsche wollen genau wissen, was auf den Teller kommt. Ganz unabhängig von religiösen Gedanken beschäftigt sich auch Umwelt‐ und Verbraucherrechtsaktivist Thilo Bode mit den Inhaltsstoffen der Nahrungsmittel. Der Gründer der Organisation foodwatch und ehemalige Greenpeace‐Geschäftsführer hat es unlängst mit seinem Buch Abgespeist. Wie wir beim Essen betrogen werden und was wir dagegen tun können (S. Fischer, Frankfurt am Main, 2007, 14,90 Euro) in die Bestsellerlisten geschafft. Seine These: Beim Einkauf von Lebensmitteln und beim Essen würden wir systematisch getäuscht und betrogen, Gift in Lebensmitteln sei legal, die Verbraucher könnten sich nicht dagegen wehren. Er beklagt zum Beispiel, wie Gammelfleisch zu Döner, Gulasch und Bratwurst verarbeitet wird und wie Schlachtabfälle zu Tortellinifüllung oder Gelatine für Gummibärchen werden. Diese Sorgen betreffen den gläubigen Juden, der koscheres Fleisch und keine herkömmliche Gelatine kauft, eher weniger. Dennoch treffen sich die Interessen, wenn es um Bodes Forderung nach Transparenz der Herkunft und Rückverfolgbarkeit der Lebensmittel geht.
Gemeinsam ist zum Beispiel die Bedeutung einer genauen Deklaration der Lebensmittelzusatzstoffe. Dazu gehört die „geheimnisvolle und unheimliche Welt der E‐Stoffe“, wie Bode es ausdrückt. Dabei handelt es sich um Substanzen, die konservieren, stabilisieren, färben, vor Oxidationen schützen oder den Geschmack verstärken. In der Koscher‐Liste der ORD sind die gängigsten E‐Stoffe mit dem Hinweis versehen, welche gesundheitlich bedenklich oder welche nicht koscher für Pessach sind. Für E 120 gibt es sogar die generelle Warnung „nichtkoscher“, („Mijozer Me‐
charkim“: hergestellt aus Insekten). Denn bei E 120 handelt es sich um den Farbstoff Cochenille, der aus den getrockneten Weibchen der Scharlach‐Schildlaus gewonnen wird. Ein anderes Beispiel: E 107. Darüber schreibt Thilo Bode in seinem Buch: „Im Reagenzglas und in Tierversuchen erwies sich der Farbstoff in hohen Dosen als potenziell erbgutschädigend, krebserregend und schädlich für das Im‐
munsystem.“ In der Koscher‐Liste ist dieser Zusatzstoff als „Mugbal Beschimusch Messibot Briutiot“ (aus gesundheitlichen Gründen begrenzt verwendbar) aufgeführt.
Gleiche Ergebnisse, unterschiedlicher Ausgangspunkt: Tuvia Hod hat Verständnis für das Anliegen von foodwatch. „Aber das ist nicht unser Ansatz. Wir betrachten diese Frage nicht aus verbraucherrechtlichen oder gesundheitlichen Aspekten.“ Die Kaschrutgesetze beziehen sich nicht alleine auf Hygiene und Gesundheit. „Darauf werde ich sehr oft angesprochen“, meint der Rabbiner. „Ich sage dann immer: ‚Als Gott uns gesagt hat, wir sollen koscher essen, hat er sicherlich gewusst, dass es gesünder ist.‘ Aber darum geht es nicht. Kaschrut ist eine Frage unserer Religion. Entweder man glaubt daran, oder nicht. Hier geht es nicht um Logik. Die Einhaltung der Kaschrutgesetze dient der Seele des Menschen und nicht unbedingt seinem Körper.“
Gleichwohl wirbt ein koscheres Feinkostgeschäft in München mit dem Slogan: „Gesundheitsbewusste essen koscher, denn koscher ist gesund!“ und wendet sich damit an ihre jüdische und nichtjüdische Kundschaft. Vielleicht entdeckt auch bald die deutsche Ernährungswirtschaft dieses Thema – möglicherweise für die nächste Interternationale Grüne Woche in Berlin.

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