Familienmentsch

Für die ganze Mischpoche

von Ayala Goldman

Von der Titelseite lächelt ein Baby. Ernst, aber optimistisch, so scheint es, richtet der kleine blonde Junge seine Augen keck in die Höhe – in die Zukunft. Der Kleine ist Titelheld der ersten Ausgabe von »Familienmentsch«, einem Ratgeber für jüdische Eltern – und solche, die es werden wollen. Das Heft widmet sich einem Thema, das den meisten jüdischen Eltern von Söhnen Kopfzerbrechen bereitet. »Brit Mila – alles, was Eltern über Beschneidung wissen müssen.«
Blattmacherinnen sind die Erziehungswissenschaftlerin Sandra Anusiewiecz-Baer (33), die PR-Referentin des American Jewish Comitee, Anja Spiller (34), und für die erste Ausgabe auch die Journalistin Myriam Halberstam (45), die maßgeblich an der Entwicklung des Heftes beteiligt und unter anderem einige Jahre für die »Jerusalem Post« tätig war. Alle drei Frauen haben selbst Kinder. Am Montag stellte die kleine Redaktion die erste Ausgabe der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift im Jüdischen Museum in Berlin vor.
Sandra Anusiewicz-Baer, eine der Redakteurinnen, ist Mutter eines kleinen Sohnes. Zum Namen der neuen Zeitschrift klärt sie die Verwirrung um das »T« im Wort Mensch auf. »Mentsch kommt aus dem Jiddischen und beschreibt einfach eine anständige Person. Nur Mentsch als Name für unsere Zeitschrift wäre aber zu kurz gewesen, und Familienmentsch war dann das Ergebnis.«
Der »Familienmentsch« kostet 3,50 Euro, kann ab dieser Woche im Abonnement oder über das Internet bezogen werden (www.famlienmentsch.de). Das Magazin erscheint zunächst in einer Auflage von 1.500 Exemplaren. Finanziell wird das Projekt vom American Joint Jewish Distribution Committee unterstützt. Das Heft ist optisch ansprechend gestaltet – mit 24 Seiten zunächst dünn, aber gehaltvoll. Die Idee, ein jüdisches Elternmagazin zu gründen, stammt von Sandra Anusiewicz-Baer. Als sie vor der Frage stand, ob sie ihren Sohn als Zeichen des Bundes zwischen Gott und den Juden beschneiden lassen soll, fand sie darüber nur im Internet Material – und das fast ausschließlich auf Englisch. Der »Familienmentsch« will hier Abhilfe schaffen und Eltern im deutschsprachigen Raum dabei unterstützen, ihren Kindern eine positive jüdische Identität zu vermitteln. Konkrete Tipps gibt es auch: Zur Beschneidung der Vorhaut des männlichen Säuglings bringt das erste Heft eigene Beiträge einer Ärztin, eines Mohel und einer Familientherapeutin. Diskutiert wird etwa, ob eine Betäubungssalbe vonnöten ist und wie man die Wunde behandelt und welche Vorteile eine Brit Mila im eigenen Haus mit sich bringt.
Für die kommenden Ausgaben haben sich die Redakteurinnen viel vorgenommen. Sie wollen die Beziehung zu ihren eigenen Eltern untersuchen, sich mit jüdischen Pflegeheimen beschäftigen, mit einem Tabuthema, nämlich Gewalt in der Familie, mit jüdischer Identität bei Kindern. Das Januarheft soll sich der jüdischen Kita-Landschaft in Deutschland widmen.
650 Abonnenten hat der »Familienmentsch« bereits – darunter Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrates – selbst Mutter und Großmutter –, Gemeindebibliotheken und viele Juden aus ländlichen Gebieten. »Wir richten uns in erster Linie an ein jüdisches Publikum. Aber gerade über den Zugang der gemischten Ehe kommen natürlich auch viele nichtjüdische Leser für uns in Frage«, sagt Anja Spiller. Die Redakteurinnen hoffen auf eine zukünftige Auflage von bis zu 5.000 Stück. Bewusst, sagt Spiller, habe man auf eine zweisprachige Ausgabe verzichtet: »Weil wir der Meinung sind, dass Integration über Sprache funktioniert. Wenn die russischsprachigen Zuwanderer in Deutschland integriert sein wollen, müssen sie die Sprache können.« Außerdem richte sich das Heft auch an die zweite Generation der Zuwanderer, die schon als Kinder nach Deutschland gekommen sind. Der nächste »Familienmentsch« erscheint Januar 2008.

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