Briefwechsel

Frühlingsfest der Mutmaßungen

von Thomas Meyer

Fast ein Vierteljahrhundert ist es her, da lief der Berliner Judaist und Philosoph Jacob Taubes durch die damals noch geteilte Stadt und wedelte mit einem Stück Papier, das er eine »Mine« nannte, die »unsere Vorstellungen von der Geistesgeschichte der Weimarer Periode schlechthin hätte explodieren« lassen. So Taubes am 20. Juli 1985 in der taz über den einzigen überlieferten Brief Walter Benjamins an Carl Schmitt. Der allerdings stellte sich als vollkommen belangloses Schreiben vom 9. Dezember 1930 heraus, das seine durch Taubes hochgejubelte Bedeutung einzig durch die Tatsache erhielt, dass ein späteres jüdisches Opfer der Nationalsozialisten und der künftige Kronjurist des Dritten Reiches einmal miteinander in Kontakt gestanden und übereinander nachgedacht hatten. Dennoch beschäftigt sich seitdem eine gut laufende Auslegungsindustrie damit, der Beziehung zwischen Täter und Opfer etwas Grundsätzliches für das deutsch‐jüdische Verhältnis abzugewinnen.
Jetzt ist wieder eine angebliche geistesgeschichtliche Bombe ähnlicher Qualität hochgegangen. Detlev Schöttker, ein über jeden Zweifel erhabener, philologisch akribischer Brecht‐ und Benjamin‐Spezialist, hat in der Zeitschrift Sinn und Form die Korrespondenz zwischen Ernst Jünger und Gershom Scholem erstmals vollständig veröffentlicht und sie einführend kommentiert. 1975 wendet sich der 80‐jährige deutschnationale Schriftsteller an den zwei Jahre jüngeren Erforscher der jüdischen Mystik, um eine Erinnerung abzugleichen: Saß man vielleicht in Hannover gemeinsam auf der Schulbank? Es entwi‐ckelt sich eine kurze Korrespondenz, in der zunächst klar wird, dass es nicht Gershom, sondern sein Bruder Werner Scholem war, ein kommunistischer Politiker, der 1940 in Buchenwald ermordet wurde. Später wendet sich Scholem an Jünger, denn ein im Februar und März 1951 geführter Austausch mit Theodor Adorno hatte Jünger in den Zusammenhang mit einer vermeintlichen Rettungsaktion für Walter Benjamin gebracht. Jünger kann sich aber nicht recht erinnern, will gleichzeitig nichts ausschließen. 1981 endet der gerade elf Dokumente umfassende Briefwechsel mit Jüngers Jeremiade: »Die Weltlage ist düster; vielleicht kommen wir ohne Wunder nicht aus.« In Rehavia dürfte Scholem an Martin Heideggers »Nur noch ein Gott kann uns retten« aus dem berühmten Spiegel‐Interview gedacht haben, das er einst heftig annotiert hatte.
So weit, so, mit Verlaub gesagt, banal. Doch in den deutschen Feuilletons führen sich manche auf, als habe man mit diesen zehn Briefen plus einer Postkarte die geis‐tesgeschichtliche Entsprechung der Schriftrollen vom Toten Meer entdeckt. »Zwei Männer um die achtzig, Jahrhundertfiguren, der eine von ihnen Soldat in zwei Kriegen, ausgezeichnet mit dem höchsten deutschen Orden, der andere zionistischer Pionier in Palästina, schreiben einander. Sie sind sich selbst schon historisch geworden und überschauen von ihren getrennten Gipfeln aus die eigene Jugend«, orakelt Lorenz Jäger in der FAZ und bemüht gleich den Parnass des deutschen Bildungsbürgertums: »Man denkt an den letzten Brief Goethes an Wilhelm von Humboldt … wenn man nach Vergleichbarem sucht.« Auch Ijoma Mangold in der ZEIT greift zu hoch, wenn er in einem ansonsten klugen Text meint: »Weil beide, Jünger wie Scholem, so außerordentliche charakteristische, alles andere als weichgespülte Persönlichkeiten waren, die jeweils ein Moment der geschichtlichen Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts prägnant, ja fast überspitzt verkörperten, liest man diese Briefe mit angehaltenem Atem.«
Für solche geschichtsphilosophische Spekulationen über das deutsch‐jüdische Verhältnis aber geben die wenigen Zeilen der Korrespondenz Jünger‐Scholem nichts her. Man sollte den Ball flach halten, sich auf die Fakten konzentrieren und Schöttkers Kommentar in Ruhe studieren. Mehr als Hinweise auf eine gelegentliche Kontaktaufnahme gibt es nicht rauszuholen. Unter dem Strich hatte Scholem Jünger nichts zu sagen. Und man sollte endlich lernen, was jeder Archivgänger weiß: Wenn zwei Große sich schreiben, muss dabei nicht unbedingt auch etwas Großes herauskommen.
Vollends daneben sind Verschwörungstheorien, in welche die FAZ sich verirrt: »Als 1999 der dritte Band der Briefe Gershom Scholems im Verlag C. H. Beck erschien, fehlten nicht nur die Briefe an Jünger selbst, sondern jeder Hinweis auf ihre Existenz«, schreibt Lorenz Jäger. »Bis heute konnte die Vermutung nicht ausgeräumt werden, dass für diese Entscheidung nicht sachliche, sondern politische Überlegungen die Hauptrolle spielten: Jünger galt vielen als ‚Wegbereiter des deutschen Faschismus‘.«
Gershom Scholem als später Ehrenretter Ernst Jüngers? Ausgerechnet der Kritiker der Assimilation, der das »deutsch‐jüdische Gespräch« als »Fiktion« schon lange vor der Schoa charakterisiert hatte und einmal meinte, er werde nie eine deutsche Gesamtausgabe erhalten, weil er »zu jüdisch« sei. Sprechen wir höflich von Überinterpretation, über deren Gründe Sozial‐ psychologen sich bei Gelegenheit Gedanken machen sollten.
Derweil steht schon der nächste Knüller in der Dauerdokusoap »Deutsch‐jüdisches Denken« an. Im Rahmen der neuen Benjamin‐Edition wird zu erfahren sein, dass Walter Benjamin, weil ihm die eingehende Lektüre Hegels zu aufwendig war, seine Zitate – etwa für das berühmte Trauerspielbuch – aus Kompilationen des späteren Na‐zi‐Philosophen Alfred Baeumler abschrieb, die 1923 und 1927 erschienen waren. Was wohl die Exegeten des extremen Denkens daraus alles herauslesen werden? Mehr demnächst in Ihrem Feuilleton.

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