Judentum

Friedensbäume mit Davidstern

von Dinah A. Spritzer

Das erste, was einem beim Betreten der einzigen jüdischen Schule in Warschau auffällt, ist die Kunst. In einem Treppenhaus sind sieben Abbildungen des Davidsterns zu sehen, in einem anderen sechs verschiedene Darstellungen von Schabbatkerzen. Es gibt aber auch raschelnde Friedensbäume mit Blättern aus Papier, die sich durch die Flure ranken, Menorot in allen denkbaren Farben und Größen und fröhlich gemalte Grüße an Israel.
Etwa ein Drittel der 250 Kinder in der Schule sind nicht jüdisch, sie sind aber bei der Gestaltung ihrer Beiträge zum jüdischen Kalender genauso begeistert wie ihre jüdischen Klassenkameraden. Was 1993 in einer Wohnung mit achtzehn Kindern anfing, hat sich zu einer gut ausgestatteten Einrichtung mit Kindergarten, Grundschule und Mittelschule herausgemacht.
Ohne die Ronald-S.-Lauder-Stiftung wäre die Schule wohl eine reine Wunschvorstellung geblieben. Die wachsende Anzahl der von der Stiftung getragenen Schulen in allen Ländern des früheren Ostblocks, gilt vielen als Mitursache für das Wiedererstarken jüdischen Lebens, das durch den Holocaust und die nachfolgenden Jahrzehnte der Religionsverfolgung unter dem Kommunismus beinahe erloschen war. „Ohne Lauder gäbe es heute in Polen vielleicht keinerlei jüdische Erziehung oder nur eine äußerst eingeschränkte. Wir sind das Puzzlestück, das gefehlt hat“, sagt die Direktorin der Schule, Helise Lieberman.
Ronald S. Lauder, Erbe des Vermögens von Estée Lauder Kosmetik und ehemaliger US‐Botschafter in Österreich, erkannte 1987, daß den Kindern der nach Wien strömenden Juden aus der ehemaligen Sowjetunion geholfen werden mußte. Im selben Jahr rief er die Stiftung ins Leben. Die erste Lauder‐Schule wurde 1988 gegründet.
Heute betreut die Stiftung 10.000 Familien, 34 Schulen und Kindergärten in 14 Ländern sowie Ferienlager, Jugendklubs und Ausbildungszentren für technische Berufe. Das Budget der Stiftung für dieses Jahr beträgt über 10 Millionen US‐Dollar.
Lauder wählte eine Herangehensweise, die sich von der anderer Spender unterscheidet: Die Eltern gestalten die Schulen gemäß ihren Überzeugungen und Bedürfnissen.
In der Slowakei und Österreich werden die Schulen von Chabad geleitet. Die Schule im bulgarischen Sofia ist öffentlich, wobei die Stiftung bestimmte Kurse für jüdische Kinder finanziert, die hier 30 Prozent der Schülerschaft ausmachen. „Die nichtjüdischen Kinder, die unsere Schulen verlassen, sind Botschafter für die Juden in Bulgarien und für Israel“, sagt Becca Lazarova, Rektorin der Schule in Sofia. Andere Schulen, wie die Lauder Morascha in Warschau, akzeptieren nichtjüdische Schüler, weil die Eltern es so wollten. Aber alle Kinder in der Schule müssen am Unterricht über das Judentum teilnehmen.
An der Lauder‐Schalom‐Grundschule in Tula, Rußland, zu der auch ein Kindergarten gehört, ist jüdischer Religionsunterricht nicht vorgeschrieben, dennoch nehmen nichtjüdische Kinder häufig daran teil. „Sie werden neugierig, nachdem sie festgestellt haben, daß Juden weder Hörner auf dem Kopf haben noch Mazzot aus Blut backen“, sagte Rektorin Inessa Feldman – nur halb im Scherz. Nach Meinung von Eltern und Rektoren entscheiden sich nichtjüdische Eltern nicht selten für eine Lauder‐Schule, weil diese laut Prüfungsergebnissen zu den jeweils besten in der Stadt gehört.
Alle Lauder‐Schulen verlangen von ihren Schülern, daß sie intensiv Hebräisch und Englisch lernen. Oft sind sie der einzige Ort in einer Stadt, wo Muttersprachler unterrichten. Der Geschäftsführer der Lauder‐Stiftung, George Ban, sieht keinen Grund, sich für die gemischte Schülerschaft an vielen Lauder‐Schulen zu rechtfertigen. „Was ist besser: eine Schule, an der eine jüdische Erziehung angeboten wird, oder gar keine jüdische Schule?“
Nach Einschätzung von Rabbiner Hershel Lieber, der die Hebräische Akademie Moldawiens leitet, werden „nur 15 Prozent unserer Absolventen ihre Religion praktizieren, was aber mehr als null Prozent ist, wie das Ergebnis ohne Schule lauten würde“.
In der Mitte des Spektrums findet sich die Lauder‐Javne‐Schule in Budapest, die der Neolog‐Tradition des ungarischen Judentums, einer Mischung aus reformierten und konservativen Doktrinen, folgt und einzigartig im Land ist. „Bei Lauder sagt Ihnen keiner, Sie müßten sich an dieses oder jenes halten. Sie erfahren etwas über die verschiedenen Traditionen und entscheiden selbst“, sagt David Feher, der zum ersten Jahrgang der Schule gehörte und das Gymnasium im vergangenen Jahr abschloß. „Ein Schüler, der von einer Lauder‐Schule kommt, ist nicht unbedingt religiös“, fügt Feher hinzu, „aber er wird sich als Jude fühlen, und das ist, was zählt.“

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