Menschenrechte

Freiheit, welche Freiheit?

von Thomas Kistner

Pekings Spiele werden China verändern, sagt Thomas Bach, sie werden das Land öffnen für Demokratie und Menschenrechte. Das wäre monumental. Doch folgt man dem, was der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) so erzählt, ist auch seine Organisation über jeden Zweifel erhaben, irgendwo zwischen UNO und Heilsarmee. Gefragt, warum die Spiele an Peking vergeben wurden, philosophiert Bach gern von »zwei Denkschulen« in seinem Gremium: Die einen wollen Spiele nur an Länder vergeben, wo die Menschenrechte schon »voll verwirklicht« seien. Die anderen wollen dringend Ländern helfen, die auf dem Weg dorthin sind. So setzt sich im IOC ständig eine Wohltäter-Fraktion gegen die andere durch, und in Peking will Bach »mit der Welt ein friedliches und heiteres Fest feiern«.
Solche Märchen glauben nur noch wenige. Das IOC ist ein Interessenverbund aus Hoch- und Geldadel, eitlen Funktionären und obskuren Geschäftemachern, vereint in der Denkschule des Totalkommerzes. Peking wird eine Wirtschaftsmesse der neuen Dimension erleben, dazu die größten Dopingspiele aller Zeiten. Während das IOC Ersteres mit Frömmelei übertüncht, hält es dem weitflächigen Pharmabetrug eine vermeintlich magische Zahl entgegen: 4.500! So viele Dopingtests wird es geben. Dass diese Tests wenig effektiv sind, weil die Mittel moderner Hightech-Doper gar nicht auffindbar sind, sagen sie nicht. Das Publikum ist ohnehin schon misstrauisch gegenüber der Milliardenindustrie Spitzensport. Umso mehr Weihrauch schwenkt das IOC, für das ein Hohepriester wie Bach geradezu kongenial ist. Im Ehrenamt hütet er die moralischen Werte des Sports, beruflich vernetzt der Industrielobbyist deutsche Konzerne mit arabischen.
Weil diesem IOC keine politische Heilkraft eignet, kann das Konzept der Veränderung nicht funktionieren. Auch wenn das nicht immer so war. Richtig ist, dass sich schon 1936 die Welt Entspannung von einer Appeasement-Politik erhofft hatte: Lasst den Irren von Berlin und seine braunen Heil-Scharen ihre minutiös orchestrierten Spiele spielen, damit sie Ruhe geben.
Die Hoffnung ging gründlich in die Binsen. Man hätte es eher wissen können, etwa, als zum Präludium Sinti und Roma aus dem Reich der Spiele vertrieben wurden. Bewirkt haben sie nichts Gutes, die Wochen der Nazi-Nabelschau, nur die späte Bestätigung des Ende 1935 in Paris gegründeten »Internationalen Komitee zur Verteidigung der olympischen Idee« – das zum Ziel hatte, einen Boykott der Nazi-Spiele zu koordinieren. Doch auch Boykotte fruchteten kaum. 1952 in Helsinki gab es den Boykott Taiwans wegen der Zulassung des kommunistischen China durch das IOC. 1956 in Melbourne fehlten drei Länder wegen des Ungarn-Konflikts und drei wegen der Suez-Krise.
Die Absenz afrikanischer Nationen von den Spielen 1976 in Montreal aufgrund von Südafrikas Apartheidspolitik bewirkte nichts. Wirkung hat wohl nur der Moskau-Boykott 1980 entfaltet. Er blieb in der kollektiven Erinnerung haften: Wer wüsste heute noch, dass die Sowjetunion Ende 1979 in Afghanistan einmarschierte und welchen öffentlichen Preis sie dafür zahlte? Hätten die Sowjets damals nur kurz eingelenkt, um einen Boykott zu vermeiden, danach die Invasion fortgesetzt – die Welt wüsste auch nichts mehr von diesem Krieg. Zudem war dieser Boykott, so erlebten es viele Auslandsreporter, ein Aufbruchssignal für diejenigen, die später die Moskauer Opposition werden sollten. Das Unverständnis war ja groß bei Russlands Athleten, der jungen Funktionärsgarde und allen, die ihre Heimat gut gerüstet für den Wettstreit mit dem Westen gesehen hatten – den Westen, der im Sport damals hauptsächlich aus den Athleten Amerikas und Westdeutschlands bestand, die Moskau fernblieben.
Auch China hätte wohl eher ein Boykott beeindruckt. Ein solcher Affront gegenüber dem asiatischen Giganten hätte die Welt bewegt, er hätte ein neues Licht auf die Konsumprodukte geworfen, die längst die Märkte des Westen unterm Siegel »Made in China« erobert haben. Vor allem hätte es die Pläne der KP-Bonzen durchkreuzt. Denn aus Pekings Sicht sind dies reine Binnen-Spiele, Olympia soll nach innen wirken, dem 1,3-Milliarden-Volk mit seinen divergierenden Ethnien Identität stiften. Olympia als Bruchband. Der Westen spielt dabei keine Rolle. Warum auch? China thront auf gigantischen Währungsreserven und kauft den Ölmarkt leer, es wird im UNO-Sicherheitsrat hofiert und bleibt in heiklen Konflikten wie der Israel-Iran-Frage unberechenbar.
Kurz vor den Spielen zieht Amnesty International eine düstere Zwischenbilanz. Peking habe das Versprechen, die Spiele für die Verbesserung der Menschenrechte zu nutzen, gebrochen. In fast allen Bereichen sei Verschlechterung festzustellen. Die »stille Diplomatie« des IOC ist gescheitert – falls es überhaupt eine gab.

Der Autor ist Redakteur der Süddeutschen Zeitung und zuständig für Sportpolitik.

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