Hippie-Hauptstadt

Flower Power

Sie liebt es, früh aufzustehen. Während ihre Kinder und ihr Ehemann noch gemütlich in den Betten liegen, holt Inbal Levy ihre Yogamatte hervor und fährt zum Unterricht. Anschließend gönnt sie sich einen Bio-Kaffee aus fairem Anbau im Café Moschaw nebenan. Die Wände zieren Mandalas, orange und gelb sind die dominierenden Farben. »Es ist wunderschön, den Tag mit dieser Ruhe zu beginnen«, findet sie. »Und in der Gewissheit, dass ich hier alles finden kann, was ich für unseren Lebensstil brauche.« Hier, das ist die Kleinstadt Pardes Channa, etwa 45 Minuten nördlich von Tel Aviv gelegen. In den vergangenen zehn Jahren avancierte das einst verschlafene Örtchen zur Hochburg der Individualisten, Indien-Rückkehrer, Alternativen und Künstler.
Damals kehrten mehr und mehr Leute aus der Szene der Tel Aviver Schenkin-Straße mit ihren steigenden Preisen den Rücken, wollten ihre alternative Lebenseinstellung im Grünen feiern. Die Ersten, die hier Häuser kauften, luden ihre Freunde ein, in großen Zelten in ihren Gärten zu wohnen. Die nächtelangen Partys mit La-
gerfeuer, im Hebräischen »Chafla« genannt, verliehen der Stadt vorübergehend den Titel »Pardes Chafla«. Einst, als noch die Veteranen, ein Gemisch aus aschkenasischen Einwanderern, Bauern und einigen religiösen Juden, die Gegend bevölkerten, waren Pardes Channa und das Nachbardorf Karkur zwei separate Orte. 1969 wurden sie zusammengelegt, heute leben insgesamt um die 20.000 Menschen hier. Schätzungsweise ein Viertel von ihnen pflegen einen mehr oder weniger alternativen Lebensstil. Sie haben neben diversen Geschäften, Restaurants, Yoga- sowie Meditationszentren und Kindergärten eine freie Grundschule und eine »holistische Schule« für alternative Medizin gegründet.
Am einstigen Übergang der beiden Ortschaften glitzert das chinesische Yin-Yang-Zeichen als überdimensionale Statue im Sonnenlicht, als wäre es eine Verheißung der Glückseligkeit. Biegt man rechts ab, gelangt man in die Moschawa-Straße, das Zentrum des alternativen Lebens der Stadt. Gleich am Anfang liegt die holistische Schule, wegen derer sich viele hier niedergelassen haben. Etwas weiter geradeaus bekommt der bewusste Kunde im »Green« alles rund ums Organische. »Echter Chai-Tee gerade aus Indien eingetroffen«, lockt das Schild am Eingang. Dazwischen liegen Wohnhäuser, an deren Gartentüren auffällig viele New-Age-Symbole hängen, Schilder bieten Yoga- und Meditationskurse an, in Töpfen wachsen selbst gezüchtete Heilkräuter und -blumen.

Babyglück Hier betreiben auch Tova und Mosche Furman ihren Laden, »Baby Oscher«, Babyglück, genannt. Eigentlich hatte ihre Tochter das Geschäft vor fünf Jahren eröffnet, doch ihrem australischen Ehemann war das Leben in Israel zu hart, nach kurzer Zeit kehrten sie zurück nach Down Under, und die Pensionäre Furman übernahmen. »Es macht Spaß«, sagt Mo-
sche und man glaubt ihm sofort. »Wir mussten uns ein wenig dran gewöhnen, doch jetzt ist es wunderbar.« Baby Oscher ist kein gewöhnlicher Secondhand-Laden, sondern Recycling. Kinderkleidung und Babyzubehör soll nicht nur gekauft, sondern auch zurückgebracht werden, solange es nutzbar ist. »Ein Profit ist dabei nicht wirklich drin«, erklärt der Eigentümer, »es reicht für den Anteil der Leute, die Sachen bringen, Miete, Nebenkosten und Steuern. Aber das ist nicht schlimm. Wir sehen es als ein Geschenk, das wir an die Gemeinde geben. Das fühlt sich sehr schön an.«
Seine Enkeltochter, nach der das Ge-
schäft benannt ist, ist in Indien geboren. Das sei logisch, meint der Großvater: Denn lebt man hier, müsse man mindestens einmal dort gewesen sein. »Sonst stimmt die Chemie nicht«, sagt er und zwinkert. »In Pardes Channa ist doch alles Schanti Banti.« Vor 30 Jahren, als seine Frau und er herzogen, sei der Ort das reinste Loch gewesen. Heute aber sei es fantastisch hier. Dazu hätten die Alternativen und Künstler mit ihrer positiven Einstellung beigetragen, ist Mosche überzeugt und zeigt auf die Pinnwand im Laden: Zu Stammestänzen wird da eingeladen, es gibt alternative Babybetreuung, einen Glückskindergarten, das Sommerlager der Erdkinder, holistische Massage, und vieles andere mehr aus dem esoterischen Universum.
Wer sich passend gewandet durch die Straßen Pardes Channas bewegen will, kehrt im indischen Laden im Zentrum ein. Einen Namen hat er nicht, doch frei nach dem Motto »Panta rei – alles fließt« sind die Stoffe weich und reichlich. Neben Hosen, Kleidern, Röcken und Blusen im üblichen Schanti-Stil gibt es Schals in allen erdenklichen Längen, mit und ohne Pailletten oder Perlen in warmen Farben von gelb über orange und rot bis zu lila, die sich der Indienkenner geschickt um den Kopf zwirbeln kann. Sie sollen neben dem Zeigen der Bewusstseinsstufe übrigens auch vor Sonnenstich schützen.

Blauer Bus Hippies haben auch Hunger. Deshalb blieb der argentinische Einwanderer Marcello Adato mit seinem alten VW-Bus einfach auf einem Feld am Stadtrand Pardes Channas stehen, pinselte ihn blau an, schraubte die Räder ab und begann, Humus aus den Fenstern zu verkaufen. Das war vor zehn Jahren. »Heute gibt es den ›Blue Bus‹ immer noch.« Küchenchef Bob Markus zeigt stolz auf die Erweiterungen: eine Wellblechhütte für die Küche, ein Holzverschlag mit Plastikplane für die Gäste. »Der Laden läuft«, freut sich Bob und versichert, es liege daran, dass Humus und Atmosphäre so einzigartig seien. Das findet auch Inbal Levy. Freitags hat sie kein Yoga. Wenn ihre Kinder in der demokratischen Schule und dem Glückskindergarten sind, entführt sie ihren Ehemann zum romantischen Frühstück – unter der Plastikplane im Blue Bus.

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