Schächten

Fleischlos per Gesetz

von Katharina
Schmidt‐Hirschfelder

Vor Benny Rungs Laden, dem „Kosherian Blecher & Co.“ in der Stockholmer Nybrogatan, stapeln sich die Kisten. Es ist Mittwochmorgen, gerade wird frische Ware geliefert. Putenbrust aus Frankreich, Hühnchenschenkel aus England, Schnitzel aus Israel, Beef aus Deutschland. Alles Importware. „Richtig voll wird es immer vor Schabbat und den Feiertagen. Sonst ist es eher ruhig“, sagt Benny Rung. Knapp 250 Familien, die strikt koscher essen, zählen zu seinen Stammkunden. Viele Hotels ebenso. Jeder dritte Stockholmer Jude kauft ab und zu ein paar Delikatessen im einzigen Koschershop der Stadt: Hummus, Saure Gurken, Gefilte Fisch. Die Mehrheit der etwa 5000 jüdischen Stockholmer jedoch isst, was ihr gefällt.
Koscher ist Luxus in Stockholm. Denn seit 1933 ist Schächten in Schweden verboten. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern hat Schweden das diskriminierende Gesetz seitdem aufrechterhal‐ ten. Seit Jahrzehnten kämpft die jüdische Gemeinde für seine Änderung. Bislang ohne Erfolg. Für Lena Posner‐Körösi, Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Schweden, ein Skandal. „Im Supermarkt kostet Falukorv, das schwedische Nationalgericht, zwanzig Kronen. Koschere Falukorv ist fünfmal so teuer. Wie soll eine junge Familie sich das leisten können“, empört sie sich. Schächten ist verboten, doch der Import des Verbotenen erlaubt – eine zweifelhafte Politik, meint Posner‐Körösi.
Immerhin, als Benny Rung den Laden vor zehn Jahren zusammen mit seinem Geschäftspartner Jan Erik Blecher übernahm, hatten einige schwedische Supermärkte noch eine „koschere Ecke“. Die Zeiten sind lange vorbei. Vor einem Jahr hat auch die letzte schwedische Supermarktkette, Coop in Malmö, ihr koscheres Sortiment aus den Regalen entfernt. Märit Wikström, Coops Pressesprecherin, beteuert, dies habe weder politische noch religiöse Gründe. Es gehe Coop einzig und allein um den Tierschutz.
Es sei höchste Zeit für eine Gesetzesänderung, findet auch Meir Horden, seit zehn Jahren orthodoxer Rabbiner in Stockholm. Tierschutz sei ein merkwürdiges Argument, meint er. „Bei der Jagd auf Rentiere weiß niemand, wo die Kugel trifft. Aber wir Juden sollen ein Tier betäuben, bevor wir es töten“, wundert er sich.
Bislang traute sich kaum ein schwedischer Politiker an das heikle Thema heran. Das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben, so die düstere Prognose von Zentralratschefin Posner‐Körösi. Die kulturelle Differenz in dieser Frage sei für viele einfach zu groß, meint sie.
„Koscher zu leben ist nicht leicht hier. Aber unmöglich ist es auch nicht“, stellt Meir Horden fest. Als Maschgiach ist er für sämtliche Kaschrut‐Angelegenheiten zuständig. Die jüdischen Schulen und das jüdische Altersheim, deren Küchen er regelmäßig inspiziert, seien strikt koscher. Au‐ ßerdem hat er eine lange Liste mit schwedischen Lebensmitteln für den koscheren Verzehr zusammengestellt. Gerade ist er dabei, seine Kollegen in Norwegen und Finnland bei einer ähnlichen Liste zu beraten. Was er wirklich vermisse, sei ein koscheres Restaurant in Stockholm. „Das Erste, was ich in Israel mache, ist, essen zu gehen“, schwärmt er. Meir Horden ist sich sicher, dass mehr Stockholmer Juden die Kaschrut befolgen würden, wäre das Schächten erlaubt. Vor allem an den Feiertagen würde es sich lohnen. Was Benny Rung bezweifelt. „Schächten ist ein komplizierter Prozess. Und ein teurer. Das würde an den Preisen nichts ändern“, meint er kopfschüttelnd.
Da sind andere Alternativen gefragt. Koscheres Fastfood zum Beispiel. Jeden Mittwoch macht JewCBurger McDonalds und anderen Fastfoodketten mit koscheren Hamburgern Konkurrenz. Die Initiative junger Leute füllt damit offenbar eine Marktlücke. Denn „RabbiBurger“ und „KingSizeBurger“ kommen bei Jugendlichen besser an als Gefilte Fisch und Burekas. Wem das zu teuer ist, kauft im Orient‐Markt Halal‐Fleisch. So wie Menachem Harari. Der IT‐Geschäftsmann hat sein Büro in Akalla, einem Stockholmer Einwanderervorort mit vielen arabischen Läden. „Da kann ich zumindest sicher sein, dass Schweine und Kühe nicht am selben Ort geschlachtet werden“, begründet er seine Wahl.
Online‐Weinhändler Mark Majzner bringt koscheres Fleisch oft von seinen Geschäftsreisen mit. Aus Amsterdam, Paris oder London. Der gebürtige Australier, der die Kaschrut hält und auch koschere Weine vertreibt, fühlt sich vom Schächtverbot in Schweden extrem eingeschränkt. „Keine Wahlfreiheit zu haben, macht keinen Spaß. Will ich mit meiner Familie essen gehen, bedeutet das immer: vegetarisch“, ärgert er sich. Stockholm sei kein Vergleich zu seiner Heimatstadt Sydney, wo es koschere Restaurants gebe und koscheres Fleisch in jedem Supermarkt verkauft werde. „Schwedens Regierung soll das Schächten endlich zulassen“, wünscht sich Majzner. Für Leute wie ihn würde das die Lebensqualität entscheidend verbessern. Das weiß auch Lena Posner‐Körösi. Sie bringt das Dauerthema immer wieder auf den Tisch. Und hofft, dass die nächste schwedische Regierung sich endlich seiner annimmt.

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