Fahne

Flagge zeigen?

von Sue Fishkoff

Als Serena Eisenberg im Herbst 2005 das Amt der Hillel-Leiterin an der Brown University in Providence übernahm, war sie überrascht, dass es im Gebäude der Gruppe keine israelische Flagge gab. Die Rabbinerin war der Meinung, dass eine aufgehängt werden sollte. Doch es stellte sich heraus, dass dieses Thema die Studenten polarisierte.
»Die israelische Fahne ist ein machtvolles Symbol mit vielen verschiedenen Bedeutungen«, sagt Benj Kamm, damals studentischer Leiter des Hillel. »Die meisten stimmten darin überein, dass die Fahne ein nationalistisches israelisches Symbol ist. Uneinig war man sich darüber, inwieweit wir als jüdische Gemeinschaft verpflichtet sind, Israel zu unterstützen, und wenn ja, in welcher Weise.« Einige Studenten wollten eine Fahne. Andere wollten sie nicht.
Alle erdenklichen Vorschläge wurden gemacht: eine israelische und daneben eine palästinensische Fahne; eine Fahne, aber nicht im Haupteingang. Im Herbst 2006 schließlich hissten die Hillel-Vertreter die israelische und die us-amerikanische Fahne. Beide waren hier jahrelang nicht zu sehen gewesen. Manchen gefiel das überhaupt nicht. Eisenberg hingegen beharrt darauf, dass die Sache, nachdem die Fahnen einmal aufgehängt waren, »nicht mehr strittig gewesen ist«.
Das Hillel an der Brown University ist nicht die einzige amerikanisch-jüdische Organisation, die sich fragt, ob sie die israelische Fahne hissen soll. Die Diskussionen bei vielen anderen jüdischen Studentengruppen, Organisationen und Gemein- den verlaufen ganz ähnlich – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Für die einen repräsentiert die israelische Fahne die Solidarität mit dem jüdischen Volk. Für andere feiert sie nach 2.000 Jahren des Kampfes die israelische Staatlichkeit. Und für wieder andere signalisiert sie die Unterstützung für die israelische Regierung und ihre Politik. »Für mich ist sie die Fahne des jüdischen Volkes«, sagt Vavi Toran, eine jüdische, in Israel geborene Pädagogin in San Francisco. Aber, räumt sie ein, die Fahne »ist historisch ganz schön befrachtet – ein Davidstern, ein Tallit (Gebetsschal). Vor der Gründung des Staates Israel war sie das Symbol der zionistischen Bewegung. Aber sie ist heute nicht mehr nur das, was sie ursprünglich bedeuten sollte.«
Der Hillel-Institut an der University of Michigan in Ann Arbor hatte in seinem Gebäude schon seit langem israelische Fahnen hängen, bis vor kurzem jedoch keine direkt am Haupteingang. Vor zwei Jahren stellte ein Student den Antrag, dort eine Flagge anzubringen. Der Antrag wurde angenommen, was nach Aussage von Perry Teicher, dem damaligen Vorsitzenden des Hillel-Verwaltungsrats, zu intensiven Diskussionen führte. Wayne Firestone, der Präsident von »Hillel: The Foundation for Jewish Campus Life«, meinte, es sei richtig, dass jüdische Studenten solche Diskussionen führten und dass Hillel sie ermögliche. »Israel ist ein Kernstück unserer jüdischen Identität, und daraus erwachsen Fragen«, sagt er. »Neue Gruppen junger Studenten kommen hierher, um zu lernen, und wenn sie fragen, warum dort eine Flagge hängt, ist das eine gute Sache.«
In den Synagogen nimmt die Debatte eine andere Dimension an: Ist ein nationales Symbol in einem Gebetshaus angemessen? Keine der religiösen Strömungen vertritt in Hinblick auf diese Frage eine of- fizielle Linie. Es gibt eine Handvoll Antworten von Reform-, konservativen und orthodoxen Rabbinern, die alle bereits Jahrzehnte zurückliegen. In der Tendenz stimmen sie darin überein, dass es hinnehm- bar, aber nicht obligatorisch – und vielleicht nicht einmal wünschenswert – ist, im Allerheiligsten eine Flagge zur Schau zu stellen. Letztendlich aber liegt die Entscheidung bei den einzelnen Gemeinden.
Rabbiner Dan Freelander, Vizepräsident der Union for Reform Judaism, sagt, es sei »gang und gäbe«, dass eine Reformgemeinde zusammen mit der amerikanischen eine israelische Fahne aufhänge, entweder im Allerheiligsten oder irgendwo sonst im Gebäude. Doch hänge die Praxis von der jeweiligen Haltung zur Politik Israels ab. In Zeiten des Friedens würden mehr Gemeinden öffentlich die Fahne zeigen. In Zeiten der Gewalt gehe die Tendenz dahin, die Flagge zu verbannen. Das sei, so Freelander, genauso falsch, wie die eigenen Eltern zu verleugnen, wenn man wütend auf sie ist. Die meisten Synagogen haben zur Flaggenfrage keinen festen Standpunkt. Diskussionen entstehen immer dann, wenn eine Sonderveranstaltung geplant ist. So wie in der Gemeinde Sha’ar Zahav in San Francisco, die im Jahr 2000 eine Gedenkveranstaltung anlässlich des fünften Jahrestags des Attentats auf Jitzhak Rabin vorbereitete. Der Vorstand war schockiert, als einige Gemeindemitglieder sagten, sie wollten bei der Veranstaltung keine israelische Fahne haben.
»Wir hätten verstehen können, wenn sie die Gedenkveranstaltung an sich abgelehnt hätten. Aber den ermordeten Premierminister Israels zu ehren – wie ginge das ohne Fahne?«, fragt ein Vorstandsmitglied, das anonym bleiben möchte. Letzten Endes wurde die Fahne doch gezeigt, aber erst nach einer langen und heftigen Debatte. Ob man die Flagge nun ausstellt oder herunternimmt – beides ist nicht das Ende der Diskussion.
Zuweilen nehmen Gemeindemitglieder die Sache in die eigene Hand. Or Shalom, eine Erneuerungs-Gemeinde in San Francisco, trifft sich in einer konservativen Synagoge, die in ihrem Allerheiligsten sowohl die amerikanische als auch die israe- lische Fahnen zur Schau stellt. Or Shalom lässt sie hängen, bei Beerdigungen oder Trauungen von Angehörigen jedoch nehmen einige Or-Shalom-Mitglieder sie herab.
Charlie Varon, Mitglied von Or Shalom, ließ bei der Bar-Mitzwa seines ersten Sohnes die Fahnen entfernen. Im August, anlässlich der Bar-Mitzwa seines zweiten Sohnes, wird er es wieder tun. »Ich möchte sie in meinem Allerheiligsten nicht haben«, sagt er. Varon, ein bekannter Dramatiker und Performer, dessen Mutter in Jerusalem geboren wurde, sagt, er habe »eine sehr starke Verbindung zu Israel«. Doch darum gehe es nicht. »Für mich ist die Religion eine Suche nach dem Universellen und dem Ewigen. Ich sehe in dieser Suche keinen Raum für einen Nationalstaat«, sagt er.

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