Nobelviertel

Fifth Avenue am Jaffa-Tor

von Sabine Brandes

Vor gar nicht allzu langer Zeit rümpfte man die Nase, wenn man Mamila hörte. Die Gegend um die gleichnamige Straße hatte einen miserablen Ruf. Dabei könnte das Viertel nicht besser gelegen sein. Di‐
rekt unterhalb des Jaffa‐Tores schmiegt es sich an die weltberühmten Mauern der Altstadt wie den modernen Teil Jerusalems gleichermaßen. Die Bauten waren heruntergekommen, verdreckt und ärmlich, eine Infrastruktur quasi nicht vorhanden. Zwar konnten einige der Häuser aus dem 19. Jahrhundert zweifelsohne als ar‐
chitektonische Schmuckstücke bezeichnet werden, ihr Zustand aber war bejammernswert.
Statt der Abrissbirne kam die Immobiliengesellschaft Alrov des Magnaten Al‐
fred Akirov. So wurde aus dem einstigen Slum die größte Baustelle der Stadt. Das Mamila‐Projekt, von vielen bereits als „Fifth Avenue Jerusalems“ bezeichnet, umfasst eine Fläche von 110.000 Quadratmetern und wird auf mindestens 300 Millionen Euro geschätzt. Es beginnt am Jaffator mit einer bepflanzten Plaza und Flaniermeile und verläuft parallel zur alten Stadtmauer mit Einkaufspassage, Luxushotel sowie Wohnanlage mit 50 noblen Apartments bis zum Unabhängigkeitspark.
Im 25.000 Quadratmeter großen Shoppingzentrum unter freiem Himmel sind 140 Geschäfte untergebracht. Jerusalemer, die das nötige Einkommen mitbringen, können zukünftig bei hochkarätigen Juwelieren wie H. Stern, den internationalen Designern Tommy Hilfiger, Ralph Lauren oder den heimischen Ronen Chen und Castro einkaufen und anschließend gleich durch die historischen Gassen spazieren. Auch Ladenketten wie Steimatzky und Bodyshop sowie diverse Restaurants und Galerien werden dabei sein. Der Quadratmeter Ladenfläche wird für etwa 30 bis 60 Euro vermietet.
Nach jahrelanger Konstruktion und ei‐
nem Baustopp von sieben Jahren wegen eines Disputes zwischen der staatlichen Entwicklungsgesellschaft Karta und Alrov steht das Mamila‐Projekt jetzt kurz vor der Vollendung. Passend zur festlichen Atmosphäre der Wiedervereinigung Jerusalems vor 40 Jahren werden Ende Mai die ersten Geschäfte öffnen, wie eine Sprecherin der Stadtverwaltung mitteilte. Hotel und Wohnungen sollen Mitte bis Ende 2008 be‐
zugsfertig sein. „Und die ganze Stadt freut sich darauf“, ist sie sicher.
Noch ist alles hinter einem hohen Blechzaun und Stacheldraht versteckt, das Aufmöbeln Mamilas wird wie ein kleines Staatsgeheimnis behandelt. „Jerusalem wird richtig schick, und das soll eine wundervolle Überraschung für unsere Bürger werden“, so die Sprecherin weiter. An einem Ende wird gesägt, gehämmert und gehobelt, doch auf der anderen Seite haben die Feinarbeiten begonnen. Letzte Firmenschilder werden angeschraubt, Schaufenster geputzt, die Böden gewienert. Reinigungskräfte und Bauarbeiter mit bunten Helmen laufen geschäftig hin und her und setzen all ihre Muskelkraft ein, um den riesigen Bau rechtzeitig auf Hochglanz zu bringen. Alles, aber auch alles soll perfekt sein. „So wie der Ring dort“, ruft ein Bauarbeiter mit starkem osteuropäischen Akzent und zeigt auf das glitzernde Schmuckstück der Werbung von H. Stern.
Einige der Läden sind in den historischen Gebäuden aus dem vorigen Jahrhundert untergebracht, die Stein für Stein originalgetreu mit ihren Bogenfenstern und schmucken Fassaden wieder aufgebaut wurden. Ein Fünf‐Sterne‐Hotel mit Namen „Alrov Mamila“ und mehr als 200 Zimmern soll das Herzstück werden. Das gesamte Projekt ist vom israelisch‐kanadischen Architekten Mosche Safdie ent‐
worfen worden, der national wie international erfolgreich ist. Unter anderem plante er die Nationalgalerie in Kanada sowie Israels neues Jad Vaschem‐Museum, die Stadt Modiin und den Terminal drei des Ben‐Gurion‐Flughafens.
Ob arabisch, christlich oder jüdisch –nur die wenigsten Bewohner der Stadt werden sich hier ein Apartment oder Hotelzimmer mieten können. Ronit Porat, die am Blechzaun vorbeischlendert, freut sich dennoch über die Verschönerung: „Diese Gegend, so nah an der berühmtesten Altstadt der Welt, war ein riesengroßer Schandfleck. Jetzt bekommt sie das Aussehen, das sie verdient.“ Zwar meint die Sozialarbeiterin, sie werde wohl selten hier einkaufen gehen, „aber wenn es Touristen und Geld anlockt, erfüllt es den Zweck und wird letztendlich gut für uns alle sein“.
„Gut für alle“ könnte als Motto gelten. Geschäftsführer Schmuel Ben‐Mosche bezeichnete das Bauvorhaben einst als Brü‐cke zwischen dem alten und neuen Teil der Stadt und gleichermaßen als Verbindungsglied zwischen den Religionen. Erklimmt man die steilen Stufen der antiken Mauer, eröffnet sich ein umfassender Blick. Ganz im gelben Jerusalemer Sandstein gehalten, passt die eindrucksvolle Anlage trotz ihrer Modernität wie ein fehlendes Mosaikstück ins Gesamtbild. Dank der offenen Plätze und großzügigen Spazierwege wirkt sie luftig und sitzt doch kompakt zwischen den anderen Gebäuden. Nebenan, am Eingang zur Altstadt, wird der Zahal‐Platz von Grund auf erneuert. Im mondänen Mamila muss eben alles stimmen.
Schon in den 1970er‐Jahren hatte sich der damalige Bürgermeister und Visionär Teddy Kollek für eine komplette Umgestaltung des desolaten Stückes Land mit der exquisiten Adresse eingesetzt. Wie jetzt tatsächlich gebaut, schwebte ihm eine gehobene Wohngegend mit Einkaufsmöglichkeiten vor. Bürokratische Hindernisse und der scharfe Widerstand reli‐
giöser Gruppen, die im Boden an der Stadtmauer jüdische Gräber vermuteten, lähmten Kolleks Traum, zerstörten ihn jedoch nicht. Zwar dauerte es mehr als 35 Jahre – aber am Ende ist er doch noch wahr geworden.

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