Kasachstan

Fernbeziehung

von Michael J. Jordan

Manche Herausforderungen sind geografisch. In Kasachstan, einem Land acht Mal so groß wie die Bundesrepublik, leben nur 15 Millionen Menschen. Die meisten konzentrieren sich auf wenige besiedelte Gebiete, verteilt über die weiten, kahlen Landstriche unwirtlicher Wüste und Steppe. 15.000 bis 20.000 Juden gibt es in Kasachstan, die Hälfte von ihnen lebt in den Ballungsgebieten, der Rest in kleineren Städten und Dörfern. Sie alle zu erreichen und zu einer Gemeinschaft zusammenzubringen, ist schwer. Vor allem im Winter wird es zum logistischen Problem, die Armen und Alten mit Lebensmitteln und medizinischer Hilfe zu versorgen.
Doch nicht nur die Größe des Landes erschwert die Aufgabe, die Juden zu vereinigen. Im Gegensatz zu den gewachsenen jüdischen Gemeinschaften in anderen Teilen der ehemaligen Sowjetunion – etwa den bucharischen Juden Usbekistans oder den aserbaidschanischen Bergjuden – stammen die Juden Kasachstans ursprünglich aus anderen Gegenden und wurden hierher verpflanzt. Selten geschah dies freiwillig.
In den 30er‐Jahren gehörten Juden zu den Millionen Menschen, die Stalins Régime nach Kasachstan verfrachtete. Hier befand sich der südlichste Zweig des gefürchteten Lagersystems GULAG. Unter den vielen Menschen, die als „inländische Exilanten“ hierher deportiert wurden, waren auch Juden. Ihr Aufenthaltsrecht blieb auf einzelne Dörfer beschränkt.
Während des Zweiten Weltkriegs erreichte eine weitere Welle von Juden die zweitgrößte Sowjetrepublik. Es waren Menschen, die von der westlichen Kriegsfront, aus der Ukraine und Weißrussland, evakuiert wurden – Gegenden, in denen die Nazis systematisch Juden ermordeten. Aus ihren Familien und Gemeinden gerissen, assimilierten sich viele von ihnen unter der allgegenwärtigen Repression und gingen Mischehen ein.
Seit der Unabhängigkeit Kasachstans im Jahr 1991 sind rund 75.000 Juden ausgewandert, die meisten nach Israel, in die USA und nach Deutschland, einige nach Russland. Geschätzte weitere 30.000 verheimlichen ihr Jüdischsein oder leben zu weit entfernt von jüdischen Gemeinden und können nicht erreicht werden, sagt Alexander Baron, Präsident von Mizwa, der Vereinigung Landesweiter Jüdischer Organisationen in Kasachstan.
In die weit abgelegenen Gebiete zu gelangen, ist im Winter besonders schwierig. Die Eisenbahn ist zwar im Allgemeinen zuverlässig, doch das Schienennetz verbindet vor allem die Großstädte. Überall sonst sind die meist einspurigen Holperpisten monatelang schneebedeckt. Kommt dann endlich der Frühling, sind die ungepflasterten Straßen wochenlang schlammig.
Um der Logistik der Entfernung beizukommen, betreibt das American Jewish Joint Distribution Committee 13 Hesed‐Büros, verstreut über das ganze Land. Die Mitarbeiter stellen soziale Dienste zur Verfügung und versorgen die Menschen mit Lebensmitteln.
Daneben verfügt der Joint über sechs „Hesed‐Mobils“ – Lastwagen, die Monat für Monat Lebensmittel, Medizin und Kleidung an Menschen in abseits gelegenen Gemeinden verteilen. Ein Fahrer, ein Sozialarbeiter und ein Sanitäter sind jeweils drei Tage unterwegs; sie steuern 15 Ortschaften an und legen etwa 1.500 Kilometer zurück, bevor sie nach Almaty zurückkehren, den Lastwagen erneut beladen und zu einer weiteren dreitägigen Reise aufbrechen.
Die Besuche bieten mehr als nur Hilfe zum Lebensunterhalt. In Karaganda, der drittgrößten Stadt des Landes, beschreibt ein Hesed‐Mobil‐Fahrer seinen Lastwagen als Lebensader für Menschen, die in fast vollständiger Isolation leben. „Sie sind einsam und freuen sich, jemanden zu sehen, der sich für sie interessiert“, sagt der 55‐jährige Leonid.
Vor zehn Jahren hat Chabad eine Synagoge auf Rädern eingeführt. Der Lastwagen besucht ein halbes Dutzend kleiner Städte für jeweils ein, zwei Tage. Chabad stützt sich zumeist auf junge enthusiastische Jeschiwa‐Studenten, die an den Hohen Feiertagen aus Israel kommen und ins ganze Land ausschwärmen.
Doch das Jahr über herrscht Einsamkeit. Gegen dieses Gefühl ist auch mancher Rabbiner nicht gefeit. So lud die Gemeinde in der Stadt Ust Kamenogorsk vergangenes Jahr einen Chabad‐Gesandten ein, um die neu errichtete Synagoge in Betrieb zu nehmen. Aber der junge Mann hielt es nur wenige Monate aus. Die langen Bahnfahrten, die ihn von seinem benachbarten Kollegen trennten, raubten ihm die Nerven.
Die Juden Kasachstans haben sich im Laufe der Jahre mit den Entfernungen abgefunden. Es sei ganz einfach, sagt Dina Itkina, 24, eine junge jüdische Aktivistin und Leiterin des Jüdischen Gemeindezentrums in der Hauptstadt Astana. „Ganz egal, ob es ein kleines Land oder ein großes Land ist; wenn jemand tatsächlich etwas tun will, tut er es auch.“

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