Versöhnungstag

Fasten reicht nicht

von Rabbiner Jonathan Magonet

Wenn man einen durchschnittlichen Juden oder auch einen gebildeten Nichtjuden fragt, was er über Jom Kippur weiß, wird ihm wahrscheinlich als erstes das Fasten einfallen. Traditionell grüßt man Freunde in der Zeit vor Jom Kippur »inoffiziell« mit dem Wunsch »komm gut übers Fasten«. Die Bedeutung dieses Themas liegt auf der Hand. Deshalb ist man auch ziemlich schockiert, wenn man sich die Texte ansieht, die die rabbinische Tradition zur Lesung an diesem Tag ausgewählt hat.
Zum Morgengottesdienst lesen wir aus dem 57. Kapitel der Schriften des Propheten Jesaja. Die Gelehrten streiten über den Hintergrund dieses Teils des Buches. Es wurde eindeutig später als die ersten 39 Kapitel verfaßt, die mit Jerusalem ein Jahrhundert vor der Niederlage gegen die Babylonier verbunden sind. Ab Kapitel 40 wendet sich der Verfasser an die, die ins babylonische Exil gehen mußten, während der Text ab Kapitel 56 in einer noch späteren Zeit angesiedelt scheint. Hier sieht sich der Verfasser schon imstande, seine wiederhergestellte Gesellschaft zu kritisieren. Dabei kann er sich allerdings das Vergnügen von Sprachspielen mit dem Hebräischen nicht ganz versagen.
Gleich ab Beginn des Kapitels 58 greift er die, wie er sagt, unbotmäßigen Sünden seines Volkes an, und als erstes wendet er sich gegen die Scheinheiligkeit: »Da suchen sie mich Tag um Tag und meine Wege streben sie zu kennen, wie Volk, das übt Gerechtigkeit, und seines Gottes Recht nicht läßt. Sie fragen mich nach wahren Rechtsvorschriften und erstreben Gottes Nähe.«
Einer meiner Lehrer war der Meinung, dieses »Streben nach Gottes Nähe« sollte man so verstehen, daß sie einen Ehrenplatz ganz vorn in der Synagoge haben wollten! Wenn Jesaja sagt »sie streben«, lautet das entsprechende Verb: »chafatz«, und mit diesem Wort spielt er hier ein wenig. Sie aber beschweren sich gegenüber Gott: »Warum fasten wir und du siehst es nicht? Wir kasteien uns und du merkst es nicht!«
»Uns kasteien« – das ist genau die Wortwahl der Tora für das, was von uns an Jom Kippur erwartet wird. Wobei das Fasten eines der wichtigsten Elemente ist. Nun aber trifft Jesaja sie mit seiner Botschaft, und zwar in einer ganzen Reihe von Wortspielen mit dem hebräischen Ausdruck für »fasten« – »tzom«. Er fordert sie heraus: »B’jom tzom’chem timtzu cheifetz – »an eurem Fasttag suchet ihr Bedarf«. Er dreht das Wort »tzom« (fasten) um und macht »matza« (finden) daraus. Und ihr Streben – »chafatz« nach der Nähe Gottes erweist sich als Streben, ihre Geschäfte, »cheifetz« weiterzutreiben.
Das erinnert mich an die alte rabbinische Beschwerde: »Egal, ob sie in der Synagoge über ihre Geschäfte reden, solange sie in ihren Geschäften über Gott reden!«
Jesaja ist aber mit seinem Wortspiel noch nicht fertig. In Vers 4 beklagt er, daß sie zu »Hader und Streit« fasten, und Streit – »matzah« – ist ein weiteres Wortspiel mit »tzom«. Er verurteilt das Fasten aus Prestigegründen. Was Gott will, ist etwas anderes: »Die Unterdrückten frei entlassen, dem Hungernden dein Brot zu brechen, die Armen und Flüchtigen ins Haus zu bringen.« Es geht um Enthaltsamkeit von der Selbstbezogenheit, und es geht darum, Verantwortung gegenüber anderen zu zeigen. Das ist das Opfer, das sie Gott durch ihr Fasten bringen sollen.
Das ist ein recht heftiger Angriff. Und die, auf die er zielte, wußten genau, wen er im Sinn hatte. Dieses riskante Verhalten ließ die Rabbiner annehmen, daß die Propheten, um zu überleben, unabhängig sein und über eigene Mittel verfügen mußten!
Es ist nun deutlich geworden, weshalb gerade diese Haftara für Jom Kippur gewählt wurde. Sie kehrt unser gesamtes Verständnis dieses Tages um. Nicht die Tatsache des Fastens selbst ist von Bedeutung, sondern die Erneuerung unseres Engagements für die Bedürftigen.
Die Haftara für den Nachmittagsgottesdienst ist das Buch Jona, das eine Vielzahl von Lektionen für diesen Tag enthält, die uns mit großer Ironie erteilt werden. Eine zentrale Idee stammt aus dem dritten Kapitel. Als die Leute von Ninwe sich über die bevorstehende Zerstörung klar werden, hüllen sie sich in Sack und Asche. Das sind die konventionellen Zeichen der Trauer, die den zürnenden Gott besänftigen sollen.
Der König von Ninwe tut dasselbe, fügt dem aber etwas hinzu, das uns aus dem Text geradezu entgegenspringt. Es gehört zur Ironie des Buches, daß die fraglichen Worte dem Buch Jeremia entnommen und diesem heidnischen König in den Mund gelegt werden: »und sollen umkehren, jedermann von seinem bösen Weg und von dem Raub, der in ihren Händen ist.« Wie die Rabbiner bemerkten, reagiert Gott positiv auf diese Worte des Königs, ignoriert indes das Fasten und Trauern völlig: »Da sah Gott ihr Tun, daß sie umkehrten von ihrem bösen Weg, und Gott bedachte sich wegen des Unheils, das er ihnen zu tun verkündet hatte, und tat es nicht.« Einmal mehr sind es die Taten, die zählen. Es geht um die Änderung des Verhaltens, nicht um den mechanischen Akt des Fastens.
Mit der Auswahl dieser beiden Haftarot treten die Rabbiner genau in die Fußstapfen Jesajas und Jonas und entlarven das sichtbare Symbol der Reue, das Fasten, als unzureichend. Jom Kippur ist ein Aufruf zur Veränderung. Es geht darum einzusehen, welche unserer Taten anderen schaden und mit diesem Tun aufzuhören. Es geht darum, mehr Verantwortung für die Welt um uns zu übernehmen. »Das ist das Fasten, das ich wählte.”

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