Diaspora

Ewige Sehnsucht

von Anat Feinberg

„Wajis‘u, wajachanu“ – nach diesem Muster verläuft der erste Teil des letzten Wochenabschnitts im Buch Bemidbar, der demzufolge „Mass‘ej“ genannt wird. Mich faszinieren die unscheinbaren Worte, diese mehrfach wiederholte schlichte Formulierung, „wajis‘u, wajachanu“, also „sie zogen aus […] und lagerten in […]“.
Es ist der lange Weg von Pharaos Ägypten zum Land Kanaan, vom Joch der Sklaverei zur Freiheit. Der Weg musste lang sein, meinte einer der vielen Bibellehrer, die ich, eine Sabra aus Tel Aviv, im Laufe von zwölf Schuljahren in Israel hatte. Sich auf die lange Tradition der Bibelexegese stützend, erklärte er uns Kindern, für die es selbstverständlich war, in einem souveränen Staat zu leben, dass der biblische Weg ins Gelobte Land deswegen lang war, damit das Volk Israel sich auf seine Heimat seelisch und vielleicht auch körperlich vorbereiten konnte. Eine neue Generation sollte das Land betreten, und so dienen die zahlreichen Lagerplätze als Stationen der Läuterungen, die oft mit einer Heimsuchung Gottes oder mit einem „Rückfall“ der unzufrie‐
denen, nörgelnden Hebräer verknüpft sind.
Stationen der Vorbereitung? Vielleicht. Und doch lese ich, unorthodox wie ich bin, hin und wieder trotzig, gar ketzerisch, meine erlebte sowie literarisch angeeignete Erfahrung mit hinein: Ist das Ziel entscheidend oder vielleicht eher der Weg dorthin? Vielleicht ist das Ankommen längst nicht so wichtig wie die Sehnsucht?
Wie viele Worte für Sehnsucht gibt es im Hebräischen: ga‘agu‘im – ein Wort, das für ein fremdes Ohr nicht unbedingt attraktiv klingen mag –, aber auch kisufim, kemiha, erga, um nur einige Beispiele zu nennen. Man denkt in diesem Zusammenhang unweigerlich an die Sehnsucht des vertriebenen und in aller Herren Länder zerstreuten Volkes nach der Heimat Zion. Die tiefste Sehnsucht, das innige Verlangen, gilt Gott. So beginnt der 42. Psalm mit dem Vers „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir“, und der Psalmist fährt fort: „Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“
Sehnsucht ist ein wichtiges Element der kollektiven jüdischen Mnemotechnik. Die jüdischen Feste dienen der kollektiven Erinnerung, so zum Beispiel das Pessach‐Fest, mit dem man des Auszugs aus Ägypten, der Befreiung von der Sklaverei, gedenkt. Bevor man die Lektüre der Haggada vollendet und zu den gesungenen Texten und Liedern übergeht, sagt man: „Leschana haba’a bijeruschalajim (habnuja)“ – „Nächstes Jahr in (dem wiedererbauten) Jerusalem“. Dieser Satz drückte über Generationen hinweg die Sehnsucht der Diaspora‐Juden nach ihrer heiligen Stadt aus. Auch heute, in der souveränen Heimstätte der Juden, in Israel, ist dieser Segenswunsch weiterhin Teil der traditionellen Pessach‐Liturgie.
Ein Volk, zerstreut unter vielen Völkern, in fremder Umwelt lebend, das ist die Quintessenz der jüdischen Geschichte. Ausgegrenzt, stigmatisiert, gehasst, verfolgt, hin und wieder bewundert, so lebten die Juden in ihrer Mehrheit – mit Unterbrechungen – seit dem babylonischen Exil außerhalb ihrer biblischen Heimat. In Psalm 137 lesen wir: „An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande. Denn die uns gefangen hielten, hießen uns dort singen und in unserm Heulen fröhlich sein: ‚Singet uns ein Lied von Zion!‘ Wie könnten wir des Herrn Lied singen in fremdem Land? Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine Rechte. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke.“
Die Heimat vergaßen die Juden in der Diaspora nie, die Sehnsucht ließ niemals nach. Es war die Sehnsucht nach einem Leben in Freiheit, nach dem verheißenen Land, in dem die spirituelle Annäherung an den Allmächtigen möglich war. Wenn Juden, die unter den Völkern in Ost und West verstreut lebten, den Trauergesang anstimmten, von dem uns der Psalmist berichtet, dann stand man, ob nun in der Synagoge oder zu Hause, beim Gebet mit dem Gesicht nach Osten.
Diese Sehnsucht war auch mit der Hoffnung auf den Messias verknüpft. Der Gesalbte, ein Nachkomme König Davids, wird, so glaubte man, in der letzten Phase der Weltgeschichte auftreten, um Heil und Verdammnis anzukündigen. Denn mit der Ankunft des Erlösers wird das jüdische Königreich, das Haus Davids, wiederhergestellt und der Tempel wieder errichtet werden. Je schlimmer die Zeiten, je stärker die Not, desto mehr wuchs das Verlangen nach dem Erlöser. Diese Sehnsucht inmitten tiefer Not, die man mit dem hebräischen Ausdruck chewlej maschiach (wörtlich: Qualen oder Geburtswehen des Erlösers) umschrieb, brachte eine ganze Anzahl von falschen Erlösern hervor, die im jüdischen Volk Hoffnung aufflammen ließen.
„Singet uns ein Lied von Zion“, forderten die babylonischen Herrscher von ihren gefangenen Hebräern, was diesen jedoch unmöglich war. Im Laufe der Jahre mussten sie es lernen. So drückt also das Lied von Zion die brennende Sehnsucht zur Zeit des Exils aus. Einer der Dichter, der diesem Gefühl poetischen Ausdruck verlieh, war Jehuda Halevi, der im Spanien des 11. Jahrhunderts lebte. In seinem wohl berühmtesten Gedicht, das den Titel Zwischen Ost und West trägt, heißt es: „Mein Herz im Osten, und ich / selber am westlichsten Rand. // Wie schmeckte Trank mir und Speis! / wie? dran Gefallen je ich fand? // Weh, wie vollend ich Gelübd? / wie meine Weihung? da noch // Zion in römischer Haft, / ich in arabischem Band.“ Jehuda Halevis Leidens‐ und Sehnsuchtslied ahmt – was Struktur und Wortwahl angeht – den Psalm aus dem babylonischen Exil nach. Die deutsche Übersetzung des Gedichts stammt von dem deutsch‐jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig. Dieser schrieb in seinem Kommentar zu Halevis Sehnsuchtslied: „Jehuda Halevis Zionssehnsucht, die Gespaltenheit der Person er erst in Zion lösen konnte, ist in der Geschichte des Exiljudentums ein Wendepunkt […]. Mit dem Jahrtausend nach der Zerstörung, an dessen Beginn Jehuda Halevi geboren wurde, beginnt der Rückstrom des jüdischen Lebens ins alte Land […] Jehuda Halevis einsames Seelenschicksal ist das erste Feuerzeichen der neuen Bewegung.“
Ob Halevi tatsächlich in Eretz Israel ankam, ist umstritten. Er verließ im hohen Alter seine Familie, seine Freunde und Schüler in Spanien und begab sich auf eine lange Reise mit zahlreichen Stationen auf dem Weg nach Jerusalem. Die Legende erzählt, dass er schließlich an die Klagemauer gelangte. Als er dort ein Trauerlied über das Schicksal des jüdischen Volkes anstimmte, habe ihn ein arabischer Fanatiker mit seinem Pferd niedergetrampelt.
Auch spätere Dichter besangen diese Sehnsucht nach dem Land an dem Gestade des Mittelmeeres. So zum Beispiel Chajim Nachman Bialik, der später zum Nationaldichter des hebräischen Volkes aufstieg. Er veröffentlichte, kaum 20 Jahre alt, sein erstes Gedicht. Der Titel lautet El hatzipor („An das Vöglein“). Es ist der lyrische Ausdruck seiner Sehnsucht nach der Heimat in Eretz Israel. Und so beginnt das Gedicht: „Gruß, Vöglein lieb, dass du wiederkamst / Aus fernem, warmem Land! / Wie lechzte die Seele nach deinem Sang, / In Winters Qual gebannt. // O sing mir, erzähle, mein Vöglein wert, / Von fernem Wundergefild, / Voll Schönheit, Wärme: ob denn auch dort / Beschwerd’ und Elend quillt.“
Erst recht spät kam Bialik nach Eretz Israel. Odessa, Warschau, Berlin waren nur einige Stationen auf seinem langen Weg ins Altneuland. 1909 stattete er Palästina einen Besuch ab, wurde dort gefeiert und umjubelt, doch erst 1924 wanderte er schließlich ein. Nur zehn Jahre, seine letzten, lebte der Nationaldichter in Tel Aviv.
„Wajis‘u, wajachanu“: Koffer‐Juden, zwischen Hier und Dort zerrissen, angetrieben von der Energie des Suchens, der Träume. Der Sehnsucht verdanken wir einige der schönsten Werke nicht nur der hebräischen Literatur.

Die Autorin ist Professorin für hebräische und jüdische Literatur an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Der Text erschien in „Kol Ischa. Jüdische Frauen lesen die Tora“ (Chronos Verlag, Zürich 2007)

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