Restaurants

Essen, trinken, tanken

von Sabine Brandes

Die weißen Tischtücher sind aufgelegt, die Kerzen spenden warmes Licht. Aus der Küche duftet es nach italienischen Köstlichkeiten, die Kellnerin begrüßt die Gäste lächelnd mit einem sanften „Schalom“. Es ist Freitagabend im „La Francesca“. Langsam füllt sich das edle Restaurant in Kiriat Tivon. Während drinnen die Kunden überlegen, ob sie Penne mit Morcheln und Safranspänen oder Meeresfrüchte mit Zitronenschaum wählen sollen, ruft draußen Mosche seinem Kollegen zu, er soll Zapfsäule drei abschalten, „da tropft das Benzin nur, das läuft nicht richtig“.
Vor zwei Jahren eröffneten Ido und Ornit Schenhar ihr italienisches Restaurant in der kleinen Stadt bei Haifa. Sie lieben diese Gegend, den Blick auf den Karmelberg. Durch die Fenster ihres Lokals aber sehen sie Zapfsäulen. „La Francesca“ liegt direkt auf dem Platz der Paz‐Tankstelle am Ortseingang. Warme Holzeinrichtung bestimmt den Ton im Innern, Hingucker sind dicke Säulen mit Blumen‐
muster in Weiß und Braun, die Dekorationen sind ausgesucht und fein. Krasser Ge‐
gensatz dazu ist die Tankstelle vor der Tür: Parkende Mazdas, Mitsubishis und Subarus, junge Männer in ölverschmierten Overalls, Pakete plastikverschnürter Mineralwasserflaschen im Sonderangebot.
„Wenn wir unsere Tür schließen, spürt man nichts davon“, sagt Ido Schenhar überzeugt, „so soll ein Restaurant sein, ist man drinnen, bleibt die ganze Welt draußen“. Leise plätschert die Musik vor sich hin, vom Gestank des Benzins keine Spur, hier verwöhnen Oregano und Rosmarin die Nase.
Extra für den Sommer haben die Schenhars eine Terrasse an den Eingang gebaut – direkt neben die Waschanlage. Man sitzt auf Teakmöbeln unter Sonnenschirmen aus weißem Leinen, während die Männer von „Easy Wash“ nebenan die Motorhauben seifen und schrubben. Bei Wind rieselt manchmal etwas klares Wasser auf die Terrasse. „Dann sagen wir den Gästen, wir liefern sogar die Gischt mit. Wie an einem echten Kliff.“ Ido zwinkert. „Es hat sich noch niemand beschwert.“
Den Anfang der Tankstellen‐Restaurants hätten die Hummus‐Läden gemacht, die wie Pilze aus dem Boden geschossen seien. „Die sind zwar einfach, aber meist sauber gewesen. Die Leute haben die schnellen Stops mit gutem Essen mehr und mehr angenommen, und so sind zusehends gute Cafés und Restaurants diesem Zeitgeist gefolgt“, weiß er. Auch für die Betreiberfirmen der Tankstellen lohnt sich die Vermietung an die Gastronomen. Viele lassen gleich ihre Autos auftanken und waschen, während die Leute zu Mittag oder Abend essen.
Speisen an der Tankstelle ist ein Trend. Schmuddelig war einmal. Freitagnachmittag genießt man seinen Cappuccino gern mal im „Green Café“ an der A2 unter riesigen Fikus‐Bäumen, die angenehmen Schatten spenden – und stört sich nicht an der Blechkolonne, die sich zum Wochen‐ende in Richtung Norden schiebt. Besonders entlang der Autobahnen entstehen immer mehr Restaurants, Cafés und Espressobars, darunter Ketten wie Aroma, Café Netto oder Cup O´Joe, die nicht ferner von schmierigen Würstchenbuden entfernt sein könnten.
Zwischen Netanja und Hadera liegt die Ruppin‐Kreuzung. Viele, die auf ihrem Weg in den Norden sind, legen hier einen Stopp ein. Seit gut drei Wochen können sie es stilvoller als bisher. Neben der Tankstelle mit dem gelben Schild prangt jetzt das schwarz‐weiße Logo einer der bekanntesten Ketten des Landes. In der Aroma‐Espressobar gibt es neben Kaffeespezialitäten aller Art täglich frisch gebackenes Brot, Salate, Suppen und Kuchen. „Wunderbar“, freut sich Geschäftsmann Gil Ben‐Schimon, „hier halte ich immer, um meinen Wagen zu tanken und kehre auf einen guten Kaffee ein, Das ist eine prima Art, den Tag zu beginnen.“
Draußen stehen die Pkw und Lkw in der Schlange, der Benzol‐Geruch wabert durch die Luft. Hinter der Tür duftet es nach frisch gebackenem Brot und gebrühtem Kaffee. Die Inneneinrichtung ist durchgestylt und, wie alle anderen Filialen, ganz in den Farben Rot, Schwarz und Weiß gehalten. Nach dem Aufbau von mehr als 70 Standorten im ganzen Land setzt die Restaurantkette ihren Erfolgszug neben den USA jetzt auch in Kanada fort. Und nun der Abstieg an der Tankstelle?
Geschäftsführerin Yael Holdingriver lacht. „Im Gegenteil. Es ist ein Aufstieg.“ Aber warum dieser Ort für eine Espressobar, die sonst in schicken Einkaufszentren oder der Stadtmitte zu finden ist? Sie erklärt es so: „In erster Linie lieben Israelis Bequemlichkeit. Eine Tankstelle ist ein zentraler Punkt, den alle aufsuchen müssen. Dort ein Lokal zu haben, ist einfach sehr angenehm.“ Doch heutzutage ginge es um mehr, sagt die Geschäftsführerin, während sie die kleinen Heftchen zur bewussten Ernährung neben der Kasse auslegt. Die Menschen würden zunehmend auf gesundes Essen achten. „Jeden Tag kommen Kunden, die sich nach dem Nährgehalt unserer Speisen erkundigen, und wir können genau Auskunft geben. Das gehört zu unserem Konzept.“ Vor allem Männer und Frauen, die viel arbeiten oder lange Stre‐cken im Auto zurücklegen, ernähren sich zunehmend bewusster. „Das genau sind die Leute, die hier einen Stopp einlegen.“
Die Gastronomin weiß, was ihre Gäste wünschen. Zum Beispiel Wireless‐Lan für all jene, die auch in den Mittagspausen ihre Laptops nicht ausschalten möchten oder können. Mittlerweile finden tagsüber viele Geschäftstreffen statt, weil das „Aroma“ verkehrsgünstig an der Schnellstraße 4 liegt. „Und draußen wird währenddessen das Auto betankt und gewaschen“, sagt Holdingriver und zeigt auf die Zapfsäulen um die Ecke, „die perfekte Synergie“.

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