Sophie Solomon

„Es war wie eine Erleuchtung“

Sophie Solomon, Sie haben im Januar in Berlin ihr erstes Deutschlandkonzert gegeben. Wie war es?
solomon: Es war großartig. Ein tolles Publikum. Nach der Zugabe hat es einfach nicht aufgehört zu applaudieren. Also mußte ich nach zehn Minuten noch einmal raus.

Ein paar Monate zuvor ist die von Ihnen gegründete Band Oi Va Voi bei den Berliner Jüdischen Kulturtagen 2005 aufgetreten. Sie waren nicht dabei. Warum?
solomon: Nach sechs Jahren Oi Va Voi habe ich die Möglichkeit bekommen, ein Soloprojekt beim Label Decca zu machen. Die Jungs von der Band dachten, es bleibt nicht genügend Zeit für zwei Projekte. Und sie hatten recht.

Stimmt es, daß Sie schon mit zwei Jahren angefangen haben, Geige zu spielen?
solomon: Ja, tatsächlich, mit zwei. Ich hatte ein kleines Holzbrett in Form einer Geige. Mein Teddybär und mein Vater haben auch immer mitgespielt. Das war so etwas wie eine Familienangelegenheit. Ich habe rein nach Gehör gelernt.

Sie sind ausgebildete klassische Violinistin, spielen aber seit Ihren Teenager‐tagen keine Klassik mehr. Warum?
solomon: Während meiner gesamten Kindheit habe ich Kammermusik und in Orchestern gespielt. Aber dabei muß man immer ganz still sitzen. Es gibt leider diese gewisse Etikette in der klassischen Musik, und darin war ich nie besonders gut. Ich bin während des Spiels immer aufgesprungen, ich wollte mich ausdrücken. Ich liebe klassische Musik bis heute. Aber als klassischer Musiker muß man wahrhaftig demgegenüber sein, was ein anderer Mensch geschrieben hat. An meiner Musik liebe ich gerade die Tatsache, daß ich alle Freiheiten der Interpretation genieße.

Ihr neues Solo‐Album, das dieser Tage herauskommt, heißt „Poison Sweet Madeira“. Was bedeutet dieser Name?
solomon: Er stammt von dem Gebräu, mit dem Rasputin getötet werden sollte. Seine aristokratischen Feinde versuchten, ihn mit einer Mischung aus Zyanid und Madeira‐Wein zu vergiften. Das schlug fehl, weil sie nicht wußten, daß Zucker die Wirkung von Zyanid aufhebt, dabei hatten sie genug Gift gemischt, um 40 Menschen ins Jenseits zu befördern. Diese Geschichte hat mir gut gefallen. Ich mag Rasputin und diese ganze Periode mit den russischen Zaren, den aristokra‐ tischen Salons und all den mystischen Charakteren, die dort verkehrten.

Woher das Interesse an Rußland?
solomon: Ich habe dort ein ganzes Jahr lang gelebt. Die Familie meines Vaters kam aus Litauen und Polen, also wollte ich Russisch studieren. Außerdem hat mein Bruder eine russische Tänzerin geheiratet, als ich Teenager war. Jede Schulferien bin ich nach St. Petersburg zu ihr und ihren Freunden gefahren, die Künstler, DJs, Tänzer und Musiker waren. Das waren ganz wilde Zeiten mit Raver‐Parties in alten Bunkern und Abhängen in Künstlertreffs. Als Teenager findet man diese Sachen extrem cool.

Haben Sie in Rußland auch ihre Liebe zur jüdischen Musik entdeckt?
solomon: Ja. Eines Nachts bin ich betrunken durch eine Unterführung nach Hause gewankt, wo ein alter Mann Akkordeon spielte. Das war wie eine Erleuchtung, weil es mich an die eigene Kindheit erinnerte, als mein Vater in der Küche jiddische Lieder sang und ich um ihn herum tanzte. Damit fing es an. Und dann bekam ich eines Tages ein Klezmatics‐Album geschenkt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich ganze drei Jahre nicht Geige gespielt, sondern als DJ gearbeitet. Jetzt fing ich an, meine Geige schmerzlich zu vermissen. Das war der Weg zurück zu meinem Instrument.

Wie jüdisch ist Sophie Solomon?
solomon: Oh, ich bin nur halbjüdisch. Jüdisch ist mein Vater, der aber nie in die Synagoge geht. Der wichtigste jüdische Aspekt meiner Jugend war, daß ich in das jüdische Deli zum Einkaufen von Haarreifen und solchem Schnickschnack gegangen bin. Aber ich fühle mich kulturell jüdisch. Es gibt diesen Sog hin zu Osteuropa und meinen Vorfahren. Mich faszinieren die alten Schwarzweißfotografien dieser bärtigen Männer, auch wenn ich keine Ahnung habe, woher sie kamen und wann sie nach England zogen.

Sie gelten als Vorreiterin der jüdischen musikalischen Renaissance in England. solomon: Ich fühle mich nicht als Jüdin, wenn ich auf der Bühne stehe. In England treten wir vor ganz normalem Publikum auf, das den jüdischen Kontext gar nicht erahnt und gar nicht danach fragt. Vielleicht denken die, es handele sich um eine Mischung aus Tango, Gypsy, osteuropäischer Folklore und auch ein wenig Klesmer.

Trotzdem: Es tut sich was in der Londoner jüdischen Musikszene.
solomon: Es findet dort definitiv mehr statt, als vor zehn Jahren, als ich mit Oi Va Voi angefangen habe. Damals gab es nur eine winzige jüdische Musikszene. Und nun gibt es ein Aufblühen jüdischer Bands aller Richtungen und Stile, angefangen von traditionellem Klesmer bis hin zu Hiphop und Crossover.

Das Gespräch führte Jonathan Scheiner.

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