Tevje der Milchmann

Es war einmal in Anatevka

von Kathrin Diehl

Scholem Alejchems jiddischer Klassiker Tevje der Milchiger von 1914 ist inzwischen so etwas wie ein Weltkulturerbe. Von der Musicalaufführung am Broadway 1964 über die erfolgreiche Verfilmung hat Fiddler on the Roof, deutsch Anatewka, den halben Globus erobert. Selbst in Tokio kennt man die Geschichte von dem armen Juden, der so viel ertragen muß: Sein redlich verdientes Geld verliert er an einen Spekulanten, seine Frau Golde stirbt viel zu früh, er wird über Nacht aus seiner Heimat vertrieben.
Und erst das Pech mit seinen fünf Töchtern: Zeitel heiratet einen hoffnungslos armen Schneider, Hodel folgt ihrem im politischen Untergrund arbeitenden Mann bis ins sibirische Straflager, Chawe nimmt einen Goi zum Manne. Sprinze geht aus Liebesleid ins Wasser. Bejlke ehelicht einen ungeliebten Reichen.
Jetzt gibt es Tewje auch als Kinderbuch. Martin Köller hat den Text besorgt, Lukas Ruegenberg die Illustrationen. Allerdings fehlt auf dem Cover jeder Hinweis auf Scholem Alejchem, immerhin der eigentlichen Urheber der Geschichte. Köller hat wie er schreibt, „den Text stark gekürzt und nur wenn nötig, einige wenige verbindende Worte hinzugefügt“. Nun ja. Scholem Alejchem hatte mit seinem Original ein befreiendes Lachen als neuen Ton in die jiddische Literatur gebracht, der Satire sehr verwandt. Bei der Übersetzung und Bearbeitung geht davon einiges verloren. Der ursprüngliche Handlungsstrang bleibt immerhin erhalten, häufig auch die traurige Ironie, mit der allerdings Kinder sicherlich ihre Schwierigkeiten haben dürften. In jedem Fall bekommen jüdische wie christliche Kinder hier die inzwischen selten gewordene Gelegenheit, einem Menschen zuzuhören, dessen täglich Brot Tora, Talmud und Midrasch sind. Wenn Tewje lauthals und bestechend naiv Gott heraus fordert, um ihm letztlich dann doch die Schulter statt die Stirn zu bieten, können auch jüngste Leser das verstehen.
Bildlich steht Atmosphärisches im Mittelpunkt des Buchs. Lukas Ruegenberg, der Illustrator, läßt das ostjüdische Schtetl um die vorletzte Jahrhundertwende in Bildern wieder aufleben, wobei er angenehmerweise auf folkloristische Stereotypen verzichtet. Der malende Benediktiner‐ mönch hat schon vorher jüdische Erwachsenentitel als Kinderbücher bebildert, wie Jurek Beckers Jakob der Lügner und Inge Deutschkrons Papa Weidt. Seine kräftigen, sehr kindgerechten, leicht krakelig wirkenden Bilder passen zur Geschichte.
Das Buch endet mit einem großflächigen Bild, eindrucksvoll und bleibend wie das Schlußbild auf einer Theaterbühne. Tewje hat sich selbst vor seinen Wagen gespannt. Er zieht, was ihm geblieben ist: ein paar Stoffsäcke, ein klappernder Samowar, eine graue Katze, ein paar dick eingemummte Töchter, die voller Sorge und Trauer die Habseligkeiten auf dem Wagen zusammenhalten. Zwei rotnasige Enkelkinder trippeln hinterher. Über ihnen kreisen Krähen vor einer strahlenlosen Sonne, die das zurückgelassene Dorf in eisiges Licht taucht.

martin köller/lukas ruegenberg: anatewka. die geschichte von
tewje, dem milchmann
Butzon & Bercker, Kevelaer 2006.
74 S., 16,50 €

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