Umweltkollaps

Es tut sich was

von Wladimir Struminski

In Israel kommt ökologischer Pessimis‐
mus in Mode. In dem Land, in dem Um‐
weltschutz jahrzehntelang ein Fremdwort war, sind Katastrophenmeldungen heute en vogue. Ob vergiftete Flüsse, verseuchte Böden oder das Zubetonieren offener Flächen – der moderne Leser verschlingt einschlägige Nachrichten mit einer Mischung aus Schuldbewusstsein und Untergangslust. Kürzlich rechnete das Infrastrukturministerium publikumswirksam vor, die Luftverschmutzung koste das Land jährlich fast zwei Prozent der Gesamtwirt‐schaftsleistung.
Für Furore sorgte auch die Nachricht, der Durchschnitts‐Israeli hinterlasse einen viel zu großen „ökologischen Fußabdruck“. Soll heißen: sein Lebensstil belaste viel zu große Flächen. „Israel braucht zehnmal mehr Land als es hat“, titelte verängstigt die sonst jeglicher Sensationslust abholde Tageszeitung Haaretz. Da muss man meinen, Israel stehe der ökologische Kollaps unmittelbar ins Haus.
Keinen Grund zur Panik sieht Jeschajahu Bar‐Or. Und als Chefwissenschaftler des Umweltschutzministeriums muss er es eigentlich wissen. Dass der jüdische Staat vor großen ökologischen Herausforderungen steht, bestreitet der Experte keineswegs. Auch ist er nicht sicher, dass das Land alle Probleme optimal lösen wird. Den ökologischen Untergang sieht er aber nicht, jedenfalls nicht in den kommenden 20 Jahren. Längerfristige Prognosen wie‐
derum hält der Wissenschaftler für zu un‐
zuverlässig, weil die den technologischen Fortschritt und andere Einflussgrößen ungenügend berücksichtigen. „Viele Krisen, die für das Jahr 2040 oder 2050 als unvermeidlich prognostiziert werden“, gibt sich Bar‐Or überzeugt, „lassen sich ein Jahrzehnt vorher lösen“.
Manchmal kommt die Lösung schneller als man denkt. Als Beispiel nennt Bar‐Or die Wasserwirtschaft. Noch Anfang des Jahrzehnts sah es beim kostbaren Nass nach einer baldigen Katastrophe aus. Durch verantwortungslose Übernutzung wiesen die Wasserreserven des Landes ein enormes Defizit auf. Sparmaßnahmen, und seien sie noch so streng, waren keine Antwort auf die Krise: Bei ständiger Bevölkerungsexpansion und anhaltendem Wirtschaftswachstum bedeutet Wassersparen lediglich eine Verlangsamung des Wachstumstempos. Inzwischen aber hat Israel die Entsalzung von Meerwasser entdeckt. Moderne Technologie drückt die Kosten auf heute knapp über 50 US‐Cent pro Kubikmeter, Tendenz sinkend. Unter diesen Umständen ist Süßwasser nach Belieben herstellbar. Heute stellen Entsalzungsanlagen sieben Prozent des israelischen Wasserverbrauchs dar. Bis 2013 soll der Anteil bereits bis zu einem Viertel betragen. In vielerlei Hinsicht ist das israelische Wassermanagement vorbildhaft, etwa bei der umfassenden Reinigung und Wiederverwendung von Abwässern. Auch bei Verhinderung der Luftbelas‐tung erkennt Bar‐Or gute Ansätze. An erster Stelle nennt dabei den schnellen Ausbau des öffentlichen Verkehrs, der die end‐
losen Pkw‐Lawinen eindämmen soll. Bei der Nutzung des umweltfreundlichen Schienenverkehrs hinkt Israel dem Westen noch hinterher. Allerdings hat sich das Fahrgastaufkommen innerhalb eines Jahrzehnts auf heute 30 Millionen pro Jahr verfünffacht. In einem weiteren Jahrzehnt, das geht jedenfalls aus Prognosen der Bahngesellschaft hervor, werden die Israelis als Bahnreisende europäisches Niveau erreicht haben. Zudem werden innerhalb des nächs‐ten Jahrzehnts auch der Großraum Tel Aviv und Jerusalem, vielleicht auch weitere Ballungsräume über eigene S‐Bahnnetze verfügen.
Auch Industrie und Energiewirtschaft wollen in Sachen Luftreinhaltung bis Mitte des nächsten Jahrzehnts mit dem lange Zeit als unerreichbares Vorbild geltenden Europa gleichziehen.
Wie aber ist es um die knappen Bodenreserven des Landes bestellt? Heute schon gehört Israel mit 340 Bewohnern je Quadratkilometer zu den am dichtesten besiedelten Staaten der Erde. Und die Bevölkerungszahl steigt weiter. In zwei Jahrzehn‐
ten werden bereits 420 bis 470 Menschen je Quadratkilometer unterzubringen sein. Das, so Bar‐Or, wird eine Verdichtung der Bausubstanz erfordern. Was derzeit schon geschieht: Im Durchschnitt werden Israels Neubauten immer höher. Auch der Bau von Familien‐ und Reihenhäuschen muss eingeschränkt werden. Eine Umwälzung aber wie etwa ein drastischer Abbau landwirtschaftlicher Abbauflächen wird aber nicht erforderlich sein. Welche Technologien in den Jahrzehnten danach das Überleben auf engstem Raum erleichtern, will Bar‐Or nicht prognostizieren. Wird Israel irgendwann nach dem Muster holländischer Polder Siedlungsland dem Meer abgewinnen? Oder zumindest eine Kette künstlicher Inseln im Mittelmeer anlegen? Gegenwärtig sind das nur Spekulationen.
Gefahren der Welterwärmung betreffen auch Israel. Allerdings, so Bar‐Or, kann das kleine Land ohnehin nicht viel daran ändern. Selbst wenn das Land gar keinen Strom mehr verbrauchen würde, ginge der weltweite Elektrizitätskonsum dadurch gerade mal um ein Viertelprozent zurück. Umgekehrt aber muss Israel seine Probleme nicht immer aus eigener Kraft lösen: An Zukunftstechnologien, die dem jüdischen Staat beim Überleben auf engstem Raum helfen werden, arbeiten auch viele andere Länder in der Welt. So gilt: Planung statt Panik.

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