Harald Welzer

»Es gab Handlungsspielräume«

Herr Welzer, 2005 haben Sie das Buch »Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden« veröffentlicht, eine sogenannte Täterstudie. Nun planen Sie als Gegenstück eine Helferstudie über Menschen, die verfolgten Juden im Dritten Reich geholfen haben. Wie kamen Sie auf das Thema?
welzer: Der Befund, dass man eine ganz normale psychische Konstitution haben und sich dennoch dafür entscheiden kann, zum Mörder zu werden, trifft ja nicht auf alle Menschen zu. Sondern es gab ja, wenn auch selten, Menschen, die in der Lage gewesen sind, sich den herrschenden Normen zu widersetzen und kleinere oder größere Dinge zugunsten der Opfer zu tun. Sei es, sich einer Erschießung zu verweigern, sei es, Leute zu beschützen oder zu verstecken. Ich habe mit Überraschung festgestellt, dass es darüber erstaunlich wenig Literatur gibt. Es gibt den Ansatz, nach altruistischen, selbstlosen Helferpersönlichkeiten zu suchen. Es gibt eine große Studie, die mittlerweile 20 Jahre alt ist, die die untersuchten Personen nach den Kriterien von Yad Vashem ausgesucht hat. Da müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein – die gar nicht zwingend zum Beispiel für Gelegenheitshelfer sind –, unter anderem, dass die Hilfe unentgeltlich geschehen musste. Das halte ich soziologisch betrachtet für ein relativ unrealistisches Kriterium, weil es häufig einfach notwendig war, Geld zu haben, um irgendwie auf dunklen Wegen an Nahrungsmittel zu kommen. Der Einzige, der in den vergangenen Jahren etwas dazu gemacht hat, ist Wolfram Wette, der einige Bände mit Einzelfallbeschreibungen veröffentlicht hat. Und Wolfgang Benz und das Zentrum für Antisemitismusforschung haben eine ganze Reihe von Fällen erhoben, die aber noch nicht wissenschaftlich ausgewertet sind.

Was ist denn Ihr Ausgangsmaterial?
welzer: Es gibt mehr als 4.000 dokumentierte Fälle, die bei der Gedenkstätte deutscher Widerstand liegen, die diesen gigantischen Bestand mit uns auswertet. Zusätzlich suchen wir nach Überlebenden, sowohl auf Seiten der Helfer als auch auf Seiten derjenigen, denen geholfen wurde, die Auskunft geben können, wie es eigentlich war.

Warum wurde jemand zum Helfer?
welzer: Ähnlich wie bei dem Täterbuch glaube ich, es gibt keine besonders zum Helfer disponierte Persönlichkeit. Leute geraten in solche Situationen auch einfach hinein und entscheiden sich zum Handeln. Die Frage ist: Warum entscheidet sich in einer vergleichbaren Situation der eine, zum Täter oder Wegschauer zu werden, und der andere entscheidet sich zu helfen?

Und warum? Was haben alle Helfer gemeinsam?
welzer: Ich glaube, der Zufall spielt eine große Rolle. Man wird vielleicht schlicht und ergreifend angesprochen und um Hilfe gebeten. Dann ist auch soziale Nähe etwas Entscheidendes, und zwar in zweierlei Hinsicht. Entweder besteht eine soziale Nähebeziehung zur Opfergruppe, weil man Freundschaften gepflegt hat. Also eine Form von Verbindlichkeit, die man nicht einfach kappen kann. Oder aber eine soziale Nähe zu einer Person, die es nicht gutheißen würde, wenn ich mich anders verhalten würde. Ich soll jemanden erschießen und weiß genau, meine Frau würde das niemals billigen. Oder umgekehrt, ich begebe mich in Gefahr und weiß, ich habe sozusagen die virtuelle Unterstützung durch meine Frau oder meinen Vater, oder meine Kinder erwarten das von mir. Durch diese sozialen Beziehungen gibt es einen anderen Referenzrahmen. Dann wird die Sache noch mal kompli‐ ziert, denn es gibt Leute, die werden in Situation A zum Täter und in Situation B zum Helfer. Und dann gibt es regelrechte Helferkarrieren: Jemand hilft einmal aus einer spontanen Situation heraus, und dann verstetigt sich dieses Hilfeverhalten.

Wie kommt es dazu?
welzer: Wenn man sich einmal normenwidrig verhält und jemandem hilft, steht man potenziell auf derselben Seite wie die Opfer. Man bewegt sich quasi aus der sicheren Seite der Mehrheitsgesellschaft heraus. Auch im eigenen Erleben, denn man ist ja gefährdet, wenn man das tut.

Das heißt, die Opferperspektive wird auf einmal spürbar?
welzer: Ja. Wir möchten solche Helferkarrieren rekonstruieren. Da fängt jemand aus Zufall an, und dann soll jemand mal für eine Nacht dableiben, dann bleibt er eine ganze Woche, dann bleibt er einen Monat, plötzlich kommt noch jemand dazu. Die Leute wachsen hinein in so eine Situation.

Gibt es Schätzungen, wie viele Helfer es gab?
welzer: Das kann man seriös erst am Ende des Projektes sagen. Wolfram Wette sagt, in der Wehrmacht waren es ungefähr 100 Personen, bei 18 Millionen Wehrmachtsangehörigen. Dann ist es natürlich schwer zu definieren, was eigentlich Helferverhalten ist. Das berühmte Brot, das rübergeschoben wurde, das ja in jedem deutschen Zeitzeugeninterview vorkommt? Oder muss es wirklich etwas Nachweisbares und Selbstgefährdendes gewesen sein? Wobei ich zunächst, um das Ganze zu sortieren, eher strengere Kriterien anlegen würde.
Wieso ist das Thema bisher so wenig erforscht?
welzer: Es hat etwas mit dieser Lebenslüge der Nachkriegszeit zu tun, dass man nichts hätte machen können. Und die Helfer sind der lebendige Beweis dafür, dass das eben nicht stimmt, dass es Handlungsspielräume gegeben hat. Daher lernte man in den Schulen alles über die Verbrechen, aber nichts über diejenigen, die dem haben widerstehen können.

Haben Sie schon Kontakte zu möglichen Interviewpartnern geknüpft?
welzer: Ich habe gerade ein Interview mit Cioma Schönhaus geführt, der das Buch »Der Passfälscher« geschrieben hat. Der hat als »U‐Boot« in Berlin gelebt und war Teil eines ganzen Passfälschernetzwerks. Wir haben noch etwa 50 Personen auf unseren Listen und hoffen, dass es dann nach dem Schneeballprinzip weitergeht.

Wann rechnen Sie damit, erste Ergebnisse vorlegen zu können?
welzer: Interessante Fallgeschichten kann man sicherlich in einem Jahr schon berichten. Theoretische Beiträge über Helferprofile – das wird noch eine ganze Weile dauern. Das Projekt soll drei Jahre laufen. Die Interviews kann man recht schnell machen, aber das Systematisieren wird sicher eine sehr aufwendige Geschichte.

Und am Ende steht die Buchpublikation?
welzer: Möglicherweise auch mehrere Bücher, über verschiedene Länder. In einem Land wie Polen, wo die Repression durch die deutsche Besatzungsmacht schon ungeheuer groß ist, ohne dass man überhaupt irgendwas tut, ist es natürlich noch gefährlicher für einen polnischen Landarbeiter, jemanden zu verstecken, als etwa in einem skandinavischen Land. Insofern sind die Kontexte und Möglichkeiten des Helfens sehr unterschiedlich.

Demnach forschen Sie europaweit?
welzer: Der Holocaust war ein europäisches Projekt, insofern ergibt sich das automatisch. Ein anderer Aspekt ist: Was sind eigentlich die gesellschaftlichen Erwartungen? Erwartet man, dass man den Leuten nicht hilft, und denunziert die Helfer, oder erwartet man das Gegenteil? Da gibt es auch Unterschiede, je nachdem, ob ich mir das Deutsche Reich ansehe oder die Niederlande oder Luxemburg.

Zeitzeugen können sich melden unter: harald.welzer@kwi-nrw.de

Mit dem Leiter des Zentrums für interdisziplinäre Gedächtnisforschung am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen sprach Ingo Way.

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