Gilad Schalit

»Es bricht einem das Herz«

Es ist Erew Sukkot. Der Abend, an dem das Laubhüttenfest beginnt. Die israelischen Familien sitzen in den selbst gezimmerten, bunt ge‐
schmückten Sukkot in ihren Gärten oder auf den Balkonen. Heute ist bei allen noch ein Gast. Es ist niemand, den man sehen kann, und doch ist er da. Zumindest in ih‐
ren Gedanken und Gesprächen. Es ist Gilad Schalit. Vor 1.200 Tagen wurde er in den Gasastreifen entführt, an diesem Abend ist er zum ersten Mal wieder gesehen worden. Auf einem Video der Hamas, das im nationalen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Zeitgleich, auf allen Kanälen.
»Hu chai!«, (Er lebt!), tönt es in vielen Wohnzimmern, als das Bild des ausgezehrt wirkenden, doch äußerlich unversehrten jungen Mannes plötzlich über den Bildschirm flimmert. Viele können kaum glauben, endlich ein echtes Lebenszeichen von Gilad zu sehen, einen Beweis, dass er allem Anschein nach gesund ist. Nicht wenige lassen auch ihren Tränen freien Lauf, als er sagt: »Ich lese Zeitungen, um etwas über mich darin zu lesen. Ich hoffe, Informationen zu finden, die darauf schließen lassen, dass meine Freilassung und meine Rück‐
kehr nach Hause kurz bevorstehen. Ich warte und hoffe schon so lange auf den Tag, an dem ich freikommen werde.«

Lebenszeichen Zohar Nir sitzt mit ihrer Familie vor dem Fernseher, auch die beiden Kinder sind mit dabei, sie halten einander an den Händen. »Ich war gleichzeitig erleichtert, dass er in Ordnung ist und so traurig, dass er immer noch nicht bei seiner Familie sein darf, es bricht einem das Herz«, meint die Sekretärin aus der Nähe von Tel Aviv. Das Video kam für die Bevölkerung relativ unerwartet, plötzlich hieß es in den Medien, es existiere Bildmaterial von Gilad, dass zeige, er sei wohlauf. Es handele sich dabei um eine Vorbereitung für den eigentlichen »Deal«, die Freilassung des Soldaten.
Im Video trägt Gilad eine olivgrüne Uniform, ist rasiert, seine Haare scheinen frisch geschnitten. Äußerlich sind bei ihm keine Verletzungen zu sehen, auch trägt er keine Fesseln. Doch der 23‐Jährige wirkt scheu. Auf einem Stuhl vor einer kahlen Wand liest er von einem Zettel ab, in der Hand hält er die in Gasa erscheinende Zeitung »Filistin« mit dem Datum: 14. September 2009. Als die zwei Minuten und 40 Sekunden um sind, schlägt Nir die Hände vors Gesicht: »Mein Gott, wenn ich mir vorstelle, es wäre mein Kind …«
Freilassung Mit deutscher Vermittlung war der Handel um die Videokassette zu‐
stande gekommen, 20 Palästinenserinnen hat Israel dafür aus den Gefängnissen entlassen. Die Hamas hat mit der Aufnahme letztlich mehr erfüllt, als die Regierung in Jerusalem gefordert hatte: ein authentisches Lebenszeichen des Soldaten, den Be‐
weis, dass er unversehrt ist, Gilad hat selbst gesprochen, ist aufgestanden und einige Schritte gegangen. Zudem war sie länger als die geforderte Minute. Die politischen Kommentatoren im Land sind sich einig: Die Hamas will einen Handel – und zwar schnell. Im Januar 2010 stehen Wahlen in den Palästinensergebieten an und das einzige wirkungsvolle Pfand der Terrororganisation ist der Israeli in ihren Händen.
Bis vor Kurzem mag noch in Israels Wohnzimmern hitzig diskutiert worden sein, ob es moralisch vertretbar sei, Mörder für ihn freizulassen, eventuell sogar zurück in ihre Dörfer in der Westbank zu schi‐cken, von wo aus es ein Leichtes sein wird, nach Israel zu gelangen und vielleicht neue Gräueltaten anzuzetteln. Auf der Liste der Hamas stehen Männer, für deren Taten nach Meinung vieler Israelis »lebenslänglich« noch zu kurz ist. Und es stehen viele Namen auf der Liste: Mal ist von 450 Ge‐
fangenen die Rede, mal von 1.000. Und noch immer steckt der Teufel im Detail. Heute wie bereits vor drei Jahren. Sollen die verurteilten Mörder in ihre Heimatorte zurückgelassen oder ins Ausland deportiert werden? Wenn ja, für immer oder nur für eine gewisse Zeit? Es könnte Monate dauern, Antworten auf diese Fragen zu finden, sind sich die Experten einig.
Dennoch ist für viele heue klar geworden: Nach dem Bild eines gesunden Gilad Schalits, der irgendwo in Gasa sitzt, kann kein Premierminister, kein Minister und kein Knessetmitglied mehr »Nein« zu ei‐
nem Deal sagen. Sogar, wenn es um Gefangene mit »Blut an den Händen« geht. Jetzt, nachdem die Bilder durch das ganze Land und sogar um die ganze Welt gegangen sind, ist der Druck zu groß geworden. Noch ein nationales Trauma, wie das des vor mehr als 20 Jahren im Libanon verschollenen Piloten Ron Arad, der noch lebend auf einem Video gesehen wurde und kurz danach verschwunden ist, kann sich Israel nicht leisten.

Familie »Ich hoffe, dass die derzeitige Regierung, die von Benjamin Netanjahu angeführt wird, diese Gelegenheit, einen Handel zu erreichen, nicht verstreichen lässt. Und dass als Ergebnis mein Traum Wirklichkeit werden wird – und ich freigelassen werde«, sagt Gilad. Obwohl die Hamas noch am Samstag eine Erklärung veröffentlichte, in der sie von Wochen oder wenigen Monaten bis zu einer Freilassung spricht, gab sich sein Vater Noam eher pessimistisch.
Nachdem die Schalit‐Familie in ihrem Heimatort Mizpe Hila das Video gemeinsam angeschaut hatte, gab er zu bedenken, dass kein Durchbruch bevorstehe, man nicht unmittelbar vor dem Ende der Geiselhaft stünde. Seine Bemerkungen verstehen sich als eine Warnung gegen Gleichgültigkeit, denn das würde den Druck von der israelischen Regierung nehmen, was wieder nur zu Gesprächen ohne Ergebnisse und bitteren Enttäuschungen für die Familie führen würde.
Niemand kann von den traurigen Au‐
gen dieses jungen Mannes mit den tiefen Schatten unberührt bleiben. Zutiefst be‐
wegt ist auch Zohar Nir: »Israel ist für diesen Jungen verantwortlich, zumal jetzt klar ist, dass er am Leben ist. Er muss endlich nach Hause kommen. Er ist doch so etwas wie unser aller Sohn.«
Seine Eltern sitzen unterdessen in ihrem Haus in dem kleinen Dörfchen in Obergaliläa und wünschen sich nichts sehnlicher als das. Dass Gilad nach drei endlosen Jahren endlich wieder da ist. Und mit ihnen gemeinsam in der Sukka sitzen kann.

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