Traum

Erweckung im Schlaf

von Alfred Bodenheimer

Jakob befindet sich in einer psychologisch schwierigen Situation. Er ist auf der Flucht. Er mußte Beer Schewa und sein Vaterhaus verlassen, nun ist er auf dem Weg nach Charan zum Haus seines Onkels Laban. Rabbiner Meir Simcha Hacohen aus Dwinsk schreibt in seinem Werk Meschech Chochma, Jakob habe keine besondere Hoffnung in diese Verwandtschaft gesetzt. Sein Ziel sei lediglich gewe‐ sen, eine Bleibe zu finden, und da bot sich dieser Ort eben an.
Der eigentliche Halt Jakobs habe in der Gewißheit der göttlichen Obhut bestanden, schreibt Rabbiner Meir Simcha. Diese Sichtweise vernachlässigt allerdings, daß Jakobs Mutter Riwka einen äußeren Grund für diese Flucht konstruiert hatte. Weil sie nicht wollte, daß Isaak etwas mitbekäme von Esaws Mordplänen, sagt Riwka ihrem Mann, Jakob verlasse die Familie aus demselben Grund, aus dem einst Abrahams Diener Elieser für ihn, Isaak selbst, auf Reisen gegangen sei: um in der Ferne eine Frau zu finden. Aus Riwkas Worten wird jedoch nicht klar, ob sie Isaak auch verrät, daß sie Jakob ausdrücklich zu ihrer Familie nach Charan geschickt hat. Jedenfalls entnimmt es Isaak ihrer Rede nicht. Jedenfalls segnet er Jakob mit dem Abrahamssegen und beauftragt ihn, eine Frau aus dem Hause Labans zu nehmen.
Es ist anzunehmen, daß Jakob, der seinen Vater hinterging, um den Erstgeborenensegen zu bekommen, auch den Abrahamssegen, den er nun mit auf den Weg bekommt, sehr ernst nimmt. Jakob ist also nicht nur ein Fliehender, sondern er ist zugleich ein Entsendeter, der Träger der ganzen Zukunft der abrahamitischen Idee.
Unter den zahlreichen Fragen, die schon die ersten Verse des Wochenabschnitts Wajeze aufwerfen, seien hier zwei genannt. Erstens: Wieso heißt es: „Jakob zog aus Beer Schewa aus, und er ging nach Charan.“ (1. Buch Moses, 28,10) und nicht einfach: „Er ging nach Charan“? Raschi erklärt diese zusätzliche Erwähnung seines Auszugs damit, daß der Weggang eines Gerechten aus einer Stadt immer spürbar sei. Man könnte aber auch sagen: Jakob mußte sich zuerst einmal von Beer Schewa losreißen, mit all den ambivalenten Gefühlen, die mit diesem Weggang verbunden waren. Die zweite Frage bezieht sich auf den Anfang des folgenden Verses. Auf hebräisch beginnt dieser Satz so: „Wajifga bamakom“, das heißt „er stieß auf den Ort“. Raschi interpretiert es so, daß Jakob eher zufällig nach Charan ging. Buber und Rosenzweig hingegen übersetzen besonders prägnant: „und geriet an jenen Ort“. Dieses „Geraten“ scheint so etwas wie ein von außen gesteuerter Akt zu sein. Was dies für ein Ort ist, wird zunächst nicht gesagt.
Der Midrasch schildert Jakobs Reise als Sprung direkt von einem Ort zum anderen. Daß Jakob allerdings nicht sofort Charan erreichte, lag daran, daß er in Beth‐El, wo schon seine Väter gebetet hatten, selbst auch beten wollte.
Diese Theorie ist jedoch nicht unumstritten. Zwar steht ausdrücklich geschrieben, daß Abraham bei Beth‐El einen Altar für Gott gebaut habe, doch gerade dies scheint Jakob nicht zu wissen. Denn nachdem er vom Traum mit der Himmelsleiter erwacht, ruft er aus: „So ist Gott an diesem Ort. Und ich wußte es nicht.“ (1. Buch Moses, 28,16). Der Midrasch illustriert schön, daß Jakobs Hingeraten an diesen Ort auch von den Gelehrten des Talmud als fast schockartiges äußeres Erlebnis aufgefaßt wurde.
Es scheint, daß in dem Hinausgehen aus Beer Schewa und dem unvermittelten Hingeraten an einen Ort viel gesagt ist über Jakobs Zustand in diesem Augenblick. Er, „der im Zelt saß“, einer, der wohl noch nie länger von zu Hause weg gewesen war, befindet sich zwischen Esaws nachvollziehbarem Haß und einem überwältigend starken und fordernden Segen seines Vaters in einer Situation größter Verwirrung. Er hat seine Heimatstadt verlassen, und er kennt sein Ziel, zu welchem es aus verschiedenen Gründen gar keine Alternative gibt. Aber sein Weg scheint mehr derjenige eines Verwirrten zu sein, der an einen Ort gerät, sich eine Schlafstatt einrichtet und sich niederlegt. Zwar hat der Midrasch das Wort „wajifga“ als Abendgebet interpretiert, und Raschi zitiert diese Meinung der Rabbanim auch – aber erst, nachdem er seine eigene, durchaus abweichende Deutung eines „auf den Ort Stoßens“ gegeben hat.
Der Traum von der Himmelsleiter und die göttliche Zusicherung des Schutzes verändern die Lage sofort. Es ist das erste Mal, daß Gott Jakob persönlich erscheint. Er erwacht am nächsten Morgen als anderer Mensch.
Die beiden Verse am Anfang dieses Wochenabschnitts zeigen, daß Jakob, der hinausgestoßen wurde aus seinem Lebensumfeld, noch kein geistiges Ziel hatte. Es bedurfte noch der göttlichen Erweckung, damit er später die ihm auferlegten Bürden tragen kann: 20 Jahre Exil bei seinem Onkel Laban, Konfrontation mit Esaw und schließlich der schwere Gang zu seinen Söhnen nach Ägypten. Erst durch die Nacht in Beth‐El wird Jakob zu jenem Mann, der auch im geistigen Sinne Abrahams Nachkomme ist.

Wajeze: 1. Buch Moses 28,10 bis 32,2

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