1968

Erinnerung an eine Epoche

von Hans Jakob Ginsburg

In der Bundesrepublik versetzt eine junge Frau, mit einem Juden verheiratet, in aller Öffentlichkeit dem damaligen Bundeskanzler eine Ohrfeige, weil der keine Reue über seine Vergangenheit als NSDAP‐Mitglied zeigt. Ein paar Monate zuvor sind in Paris Möchtegern‐Revolutionäre in Massen mit dem Schlachtruf „Wir sind alle deutsche Juden!“ durch Paris gezogen, weil ihr Wortführer, Sohn von Flüchtlingen aus Hitlers Deutschland, von den französischen Behörden ausgewiesen wurde. Junge Leute rebellieren: gegen alle nur möglichen Konventionen, gegen tatsächliches und vermeintliches Unrecht, gegen den scheinbar unüberbietbar bösen Krieg der USA in Vietnam und prinzipiell gegen jede überkommene Autorität, in fast allen westlichen Industrieländern
Das war „1968“, das Jahr, das zur Chiffre wurde, und weil das jetzt 40 Jahre her ist, wird 2008 zum Jahr der Erinnerung an eine Epoche. Für manche zur nostalgischen Verklärung des vermeintlich grenzenlosen Aufbruchs zu mehr Freiheit und Aufklärung, für viele andere zur Gelegenheit, mit Revoluzzern, angeblichen Tagträumern und Leistungsverweigerern abzurechnen – und mit einer Israel‐ oder gar Judenfeindschaft von links, die uns seitdem nicht verlassen hat.
Wie war das aber wirklich mit den wenigen Juden in Deutschland und der Protestbewegung der späten sechziger Jahre? Von Anfang an paradox. Für die Rebellion der deutschen Studenten gegen die gesellschaftlichen Zustände und ihre Nutznießer – „Establishment“ hieß das damals – war nichts motivierender als der Widerwille gegen die allerorten noch sichtbaren personellen und sachlichen Überreste der Nazibarbarei. Und bei keinem Thema waren die Achtundsechziger, die 1968 natürlich keiner so nannte, langfristig erfolgreicher als bei der Bekämpfung des braunen Erbes.
Und trotzdem konnten die wenigen Ju‐
den im Deutschland der sechziger Jahre, in der Regel von ihrer Lebensgeschichte traumatisierte, prinzipiell von Veränderungen das Schlechteste befürchtende Menschen, mit dieser Veränderung wenig anfangen. Für die meisten von ihnen war 1968 auch kein bemerkenswertes Datum. Sie hatten ihr Epochenjahr gerade erst hinter sich: 1967, als im Sechstagekrieg Juden sich als militärische Sieger über ihre Feinde er‐
wiesen hatten und Israel nach Wochen der Angst vor einem neuen Auschwitz seine Stellung glänzend gefestigt zu haben schien.
Da gab es trotz des gemeinsamen Antinazismus Probleme mit der neuen Bewegung, in der von Anfang an Israels Politik gegenüber den Arabern kritisiert wurde, was sich mit der Fortentwicklung eines Teils der Bewegung in linksradikale Kleingruppen zur totalen Identifizierung mit den extremen palästinensischen Gruppen steigerte. Aber schon 1968 war eine Delegation der Vereinigten Deutschen Studentenschaften von einer kurzen Israelreise mit der Erkenntnis zurückgekommen, es sei ganz falsch, aus deutschen Schuldgefühlen heraus irgendwelche Sympathien für diesen mit den USA verbündeten, wenig friedfertigen Staat zu zeigen. Kritisch und ganz in der Sprache der Zeit erklärte Detlev Albers, der prominenteste Reiseteilnehmer, die Freundschaft zu Israel zur grundfalschen Konsequenz aus der deutschen Vergangenheit: „Als Reaktion des schlechten Gewissens projizierte man den nun entstandenen Philosemitismus auf den Staat Israel“.
Für die Juden war in späteren Jahren die Verbreitung solcher Israelkritik bis in die Mitte der Gesellschaft ein Problem. Der viel militantere Israel‐, ja Judenhass der linksradikalen Ableger der Protestbewegung machte aber noch ganz andere Sorgen. Der missglückte Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin 1969 war ein Fanal für diesen Hass, der Israel, aber auch den „Zionisten“ in aller Welt – und das waren eigentlich alle Juden – nicht ihre Politik zum Vorwurf machte, sondern die Existenz bestritt. Was die Juden gerade auch in Deutschland dazu brachte, Unterstützung bei eben jenem „Establishment“ zu suchen, das die rebellischen Studenten von 1967 und 1968 prinzipiell zu Recht attackiert hatten.
Alle Juden? Natürlich nicht. Auch die „Siebenundsechziger“, für die Angst, Triumph und erneute Sorge angesichts des israelischen Sechstagekrieges alles Denken beherrschte, waren vom Aufbruch in der Gesellschaft um sie herum erfasst worden. „Ein beträchtlicher Teil der jüdischen intellektuellen Jugend“, konstatierte 1969 Henrik George van Dam, Generalsekretär des Zentralrats der Juden, „folgt weitgehend der Ideologie einer Neuen Linken, die abseits vom Establishment der Sozialdemokratie, aber auch des offiziellen Kommunismus steht.“ 1968 hatte – nicht viel weniger als das israelische Krisenjahr 1967 – die kleine jüdische Gruppe auch in ihrem Inneren aufgewühlt und verändert. Und damit wurde sie mehr als zuvor zu einem Teil jener deutlichen Mehrheitsgesellschaft, mit der sich die Juden nach wie vor schwer taten. Aber das ist eine Geschichte, die auch nach 40 Jahren nicht vorbei ist.

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