Schoa-Überlebende

„Erinnern kann gefährlich sein“

Die französische Sozialpsychologin, Dokumentarfilmautorin und preisgekrönte Essayistin Dominique Frischer hat für ihr Buch Les enfants du silence et de la reconstruction („Die Kinder des Schweigens und der Rekonstruktion“) mit über 150 Schoa‐Überlebenden und ihren Nachkommen in Frankreich, den USA und Israel gesprochen. Es geht dabei in erster Linie um die Gründe für das Schweigen der Opfer und um dessen Auswirkungen auf drei Generationen.

Frau Frischer, erst 1995 hat Staatspräsident Jacques Chirac in einer Rede die Mitverantwortung Frankreichs für die Judendeportationen der Nationalsozialisten offiziell anerkannt. Seitdem scheint die Aufarbeitung der Schoa in Frankreich erst richtig in Gang zu kommen. Warum schreiben Sie gerade jetzt ein Buch über den Sinn des Schweigens?
frischer: Weil das Sprechen, wie es in den Talkshows und Zeitschriften zelebriert wird, aber wie es teilweise auch die Familie einfordert, in seinen Folgen oft unterschätzt wird. Man spricht von der „Pflicht des Erinnerns“, dabei geht es oft nur um persönliche Interessen. Dass die Aufarbeitung von Traumata auch auf nationaler Ebene erst nach einer Dauer von biblischen Generationen wirklich beginnen kann, ist ein wiederkehrendes historisches Phänomen.

Der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim, selbst KZ‐Überlebender, hat darauf bestanden, erst das Sprechen über das Verdrängte mache die Verarbeitung möglich. Hat er sich geirrt?
frischer: Bettelheim hat sich auf sexuellen Missbrauch an Kindern bezogen. Über die Schoa hat er so gut wie nie gesprochen. Erst am Ende seines Lebens. Ich gehe nicht so weit, zu sagen, dass er deshalb seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Ich konstatiere lediglich, dass diejenigen, die nicht geschwiegen haben, große Probleme hatten. Paul Celan ist dafür ein Beispiel, aber auch Primo Levi, Jean Améry, Sarah Kofman und viele andere. Und das gilt auch für diejenigen, die erst spät zu sprechen beginnen. Was sie über Jahrzehnte nicht daran gehindert hat, ein relativ normales Leben zu führen, holt sie mit enormer Gewalt wieder ein. Viele können gar nichts anderes mehr tun, als sich zu erinnern. Ab einem gewissen Grad des Grauens kann man nur weiterleben, indem man das Erlebte in sich verschlossen hält.

Bisher ging man davon aus, dass lange Zeit niemand etwas hören wollte von den Erlebnissen der Schoa‐Überlebenden. Sie sprechen in ihrem Buch aber von einer „willentlichen Amnesie“.
frischer: Das Interessante ist ja gerade, dass es sich nicht um eine Amnesie handelt. Wenn die Schoa‐Überlebenden zu sprechen beginnen, haben sie nichts vergessen. Das ist nicht dasselbe wie eine Verdrängung ins Unbewusste. Selbst unter den Überlebenden gibt es Tabus, Dinge, die selbst für Menschen, die sie gemeinsam erlebt haben, zu schrecklich sind, um sie auszusprechen. Angesichts des unvermittelbaren Grauens bleibt jedes Verständnis und somit auch jede psychologische Hilfe ohnehin unmöglich.

Welche Auswirkungen hatte das Schweigen auf die Kinder‐ und Enkelgeneration?
frischer: Die meisten Schoa‐Opfer, sogar diejenigen, die ihre Eltern oder ihre gesamte Familie verloren haben und deren Schmerzen keine Trauer auslöschen kann, haben ein relativ normales Leben führen können, indem sie schwiegen. Für die zweite Generation gilt, dass sie trotz der äußerlichen Normalität ihrer Eltern oft furchtbar unter ihnen gelitten haben. Das waren oft gewalttätige, harte Eltern, die ihre Gefühle und ihre Zuneigung nicht zeigen konnten und ein pathologisches Verhältnis zum Essen hatten, das bei der zweiten und dritten Generation häufig Anorexie zur Folge hat. Die große Veränderung bei der dritten Generation ist, dass die Großeltern mit ihren Enkelkindern gesprochen haben. Die Zeit, in der sie sich durch ihr Schweigen selber „rekonstruiert“ haben, scheint gerade in dem Augenblick beendet, wenn die dritte Generation im Alter ist, zu verstehen. Einige sagen allerdings zu viel, nehmen ihren Enkeln Versprechen ab, wie nie nach Deutschland oder Polen zu fahren oder keinen Nichtjuden zu heiraten, weil der ein Nazi sein könnte. Auf der dritten Generation lastet oft eine schwere Verantwortung. In Frankreich sind viele der jungen Menschen schwer geschädigt.
Warum gerade in Frankreich?
frischer: Weil viele der französischen Nachkommen von Schoa‐Opfern sich heute nur noch aufgrund der Schoa überhaupt als Juden fühlen. In diesem laizistischen Land haben noch die Neuankömmlinge das Bedürfnis gehabt, in erster Linie Franzosen zu sein. Und doch trägt Frankreich anders als die USA eine Mitschuld an der Schoa; es gab hier ebenfalls Lager. In Amerika scheinen die jungen Juden viel integrierter in ihre Gemeinschaft. Sie beschäftigen sich mit der Vergangenheit, mit den Menschenrechten in einem weiteren Sinn. Nicht zufällig benutzt man in Frankreich das Wort „Schoa“ und in Amerika das allgemeinere „Holocaust“. In Israel hat man einen Nationalstolz und ein Zugehörigkeitsgefühl zur jüdischen Familie, das weit über die Geschichte der Schoa hinausgeht. Hinzu kommt, dass die jungen Israelis sich vor allem mit den Widerstandskämpfern und den Ghettoaufständischen identifizieren. Sie denken, die Schoa‐Opfer hätten die Gräuel passiv hingenom‐ men, und ihnen könnte das nicht passieren.

Womit erklären Sie sich diese Unterschiede?
frischer: Das Auswandern in die USA oder nach Israel bedeutete den Verlust aller Heimat, aber auch das Glück eines Neuanfangs. In Frankreich musste man lernen, mit den Schatten der Vergangenheit zu leben. Manche kamen sogar in die Wohnungen zurück, in denen sie oder ihre Eltern verhaftet worden waren. Deshalb ist die zweite Generation hierzulande so stark betroffen, sie hat das Gefühl, mit den Phantomen der Vergangenheit zu leben, die anstelle der Überlebenden sprechen.

Sie kritisieren, dass einige der Überlebenden von der allgemeinen Atmosphäre des Gedenkens und der Pflicht des Erinnerns geradezu genötigt werden, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten.
frischer: Es gibt Menschen, die können die Dankbarkeit derer, denen sie ihre Geschichte erzählen, genießen. Aber das hindert sie nicht daran, immer wieder die schlimmsten Albträume zu haben. Ich habe eine Familie interviewt, in der eine Tochter ihren Vater dazu gezwungen hat, endlich zu sprechen, weil sie hoffte, dadurch ihre eigenen Probleme zu lösen. Der Mann steckt heute in einer tiefen Depression und kann nicht mehr arbeiten. Man darf dem Vergessen keinen Raum bieten. Aber auf der anderen Seite muss man wissen, dass für die Betroffenen eine Rückkehr in die Vergangenheit sehr gefährlich sein kann.

Das Gespräch führte Katharina Born.

dominique frischer: les enfants du silence et de la réconstruction
Grasset, Paris 2008, 640 S., 23,90 €

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