Citroën

Erfinder mit Antrieb

von Sophie Neuberg

Genie, Visionär, Vorreiter – die Biographen überschlagen sich, wenn sie sich mit dem Leben des Autoherstellers André Gustave Citroën befassen. Sowohl in technischer Hinsicht als auch was soziale Maßnahmen oder den Einsatz von Werbung angeht, war Citroën seiner Zeit voraus.
André Gustave Citroën wurde 1878 in Paris geboren. Sein Vater stammte aus den Niederlanden, seine Mutter aus Polen. Das Paar zog um 1870 nach Paris und war wie weitere Teile der niederländischen Familie im Diamantenhandel tätig. Als André im Pariser Lycée Condorcet eingeschult wurde, lautete der Familienname noch Citroen (niederländisch für Zitrone), doch bei der Anmeldung wurde ihm der Doppelpunkt verpaßt, der es im Französischen ermöglicht, den Namen »SSi-tro-enn« auszusprechen. Die neue Schreibweise wurde von der ganzen Familie übernommen.
Ab 1898 besuchte André Citroën die renommierte Ecole Polytechnique und bestand 1900 die Abschlußprüfung. Allerdings war sein Ergebnis nicht gut genug, um ihm eine Karriere im Staatsdienst zu eröffnen. Doch im selben Jahr besuchte er seine Schwester, die in Polen lebte. Dort lernte er einen Industriebetrieb kennen, der auf die Herstellung von winkelförmigen Zahnrädern spezialisiert war. André Citroën erkannte das Potential dieser technischen Neuerung und erwarb das Patent. Diese Winkelform sollte später zum Symbol seiner Firma werden. Doch zunächst lernte er die Automobilbranche bei den Mors-Automobilwerken kennen und gründete dann seine eigene Firma zur Herstellung von Zahnrädern.
Bei Ausbruch des E rsten Weltkriegs 1914 wurde er eingezogen. Er bot sein Ingenieurswissen für die Granatenproduktion an, was von der Militärführung dankbar angenommen wurde. Am Ende des Krieges 1918 stieg er mit seiner Firma auf die Produktion von Automobilen um. Durch seinen Erfindungsreichtum und den Einsatz neuer Technologien wurde er zu einem der bedeutendsten Automobilhersteller weltweit. Für die Optimierung der Arbeitsorganisation ließ er sich von Henry Ford und Frederick Taylor in den USA inspirieren, er produzierte für das Volk Kleinwagen am Fließband und hatte mit Neuheiten wie dem sogenannten schwimmenden Motor oder dem Wagen mit Vorderantrieb »traction avant« große Erfolge. Der Torpédo Typ A war 1919 der erste Typ von André Citroën, der komplett ausgestattet war und aus einer modern eingerichteten Fließbandfertigung stammte. Mit einem Preis von 7.950 Franc war der Wagen für damalige Verhältnisse sensationell günstig und begründete den Erfolg der Firma. Ende 1919 wurden täglich 30 Wagen hergestellt.
Citroën investierte aber auch gern in abenteuerliche Projekte, wie Entdeckungsreisen durch die Wüste. Dafür entwickelte er Raupenfahrzeuge, die zwar keine Verkaufsschlager waren, den Namen Citroën aber bekannt machten. Überhaupt war er, was Marketingstrategien angeht, ein Visionär. So wollte er Kinder als künftige Kunden ansprechen und ließ Spielzeugautos nach Citroën-Modellen bauen. »Die ersten Worte eines Kindes sollten sein: Mama, Papa, Citroën«, sagte er. Durch originelle Werbemaßnahmen, die an Aktualität nichts verloren haben, steigerte er den Bekanntheitsgrad seiner Firma. Den Namen Citroën ließ er in riesigen Buchstaben aus Glühbirnen am Eiffelturm erstrahlen – Anfang der dreißiger Jahre eine Sensation.
Er war aber auch im sozialen Bereich seiner Zeit voraus. Schwangere Mitarbeiterinnen erhielten einen Sonderzuschlag und junge Mütter bezahlten Urlaub. Die Firma verfügte über eine Kantine, eine Krippe, Gemeinschaftsräume und Krankenzimmer. Citroën führte als erster französischer Unternehmer das 13. Monatsgehalt ein.
Der Sinn des Firmenchefs für Neuerungen und Abenteuer war allerdings kostspielig, großangelegte Modernisierungen ließen die Firma in die roten Zahlen rutschen. Auch die Weltwirtschaftskrise ging nicht spurlos an ihm vorbei. 1934 war André Citroën pleite und der Reifenproduzent Michelin erwarb die Firma. 1935 starb André Citroën an Magenkrebs.
Was die jüdischen Wurzeln der Familie angeht, bleiben Biographen eher zurückhaltend, als hätte das Judentum keine große Rolle im Leben André Citroëns gespielt. Claude Wainstain, passionierter Briefmarkensammler und Hobby-Historiker aus Paris, hält dies jedoch schlicht für Ignoranz der nichtjüdischen Nachwelt. Nach seinen Recherchen galt André Citroën zu Lebzeiten in der französischen jüdischen Gemeinde als ein »guter Jude« und soll die jüdische Organisation und Privatschule »ORT« finanziell unterstützt haben.
Heute ist Citroën – trotz der Fusion mit dem Konkurrenten Peugeot 1974 – nach wie vor eine Eigenmarke, die über 13.000 Mitarbeiter im In- und Ausland beschäftigt. Auch wenn die Firma keine Kontakte zur jüdischen Gemeinde pflegt, ehrt sie nach wie vor ihren Gründer als Visionär, Erfinder, Abenteurer und Humanisten.

Anna Staroselski

Erfolgreich ausgesessen

Die documenta 15 hat gezeigt, was Juden in Deutschland tagtäglich erleben: Der Vorwurf des Antisemitismus wiegt schwerer, als der Antisemitismus selbst

von Anna Staroselski  22.09.2022

Zahl der Woche

9.593.000 Menschen

Fun Facts und Wissenswertes

 22.09.2022

Standpunkt

Einfach besser machen

Die »Zehn Tage der Umkehr« dienen im Judentum der Reflexion und Reue. Unser Autor überlegt, ob nicht auch die documenta-Verantwortlichen jetzt Besserung geloben könnten

von Maram Stern  22.09.2022

Haus der Wannsee-Konferenz

Emotionaler Termin

Bundeskanzler Scholz und Israels Regierungschef Lapid treffen Schoa-Überlebende

von Lilly Wolter  12.09.2022

Diplomatie

Steinmeier begrüßt Herzog zu Staatsbesuch in Berlin

Israel Staatspräsident: »Jeder Besuch in Deutschland hat ein enormes persönliches Gewicht«

 04.09.2022

Berlin

Bundespräsident Steinmeier begrüßt Israels Präsidenten Herzog zu Staatsbesuch

Am Montag empfängt Bundeskanzler Olaf Scholz den Staatsgast

von Jörg Blank  04.09.2022

Meinung

Weltkirchenrat: Im Gespräch bleiben

Die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen wird von Antisemitismusvorwürfen überschattet. Der Dialog zwischen Juden und Christen darf aber nicht abreißen, findet unser Autor

von Rabbiner Andreas Nachama  31.08.2022

Meinung

Bosnien: Juden als Premierminister unerwünscht

Alexander Rhotert wünscht sich ein Ende der verfassungsmäßigen Ungleichstellung der nationalen Minderheiten von Bosnien und Herzegowina

von Alexander Rhotert  31.08.2022

Olympia-Attentat 1972

Olaf Scholz: »Eine gute Lösung finden«

Das bisherige Entschädigungsangebot der Bundesregierung lehnten die Hinterbliebenen der Opfer als zu gering ab. Nun scheint eine Einigung in greifbarer Nähe zu sein

 31.08.2022