Schwerin

Er kam, sah und gewann

von Axel Seitz

Wenn in Deutschland eifrig über die Rente mit 67 diskutiert wird, kann William Wolff nur lachen. Über sein Alter spricht der Landesrabbiner von Mecklenburg‐Vorpommern nicht gern. Das ist ihm nicht wichtig. Doch auf die Frage, wann ein Rabbiner in Rente geht, antwortet Wolff verschmitzt: „Das hängt vom Rabbiner ab. Solange es mir gesundheitlich gut geht, solange ich die Energie, Kraft und Freude an der Arbeit habe, so lange mache ich weiter.“
Daß Wolff auch in den nächsten Jahren noch gesund bleiben möge, hoffen alle, die ihn, den Menschen und Rabbiner, kennen. Vor vier Jahren trat Wolff sein Amt als Landesrabbiner an. Er kam aus London nach Schwerin, vom Exil in die alte Heimat, aus einer gewachsenen Gemeinde in eine, die sich noch im Aufbau befindet – William Wolff kam, sah sich um und gewann – jeden.
Für sein bisheriges Wirken in dem nördlichen Bundesland wurde der Rabbiner am 14. März mit dem Siemerling‐Sozialpreis ausgezeichnet. Wolff gebe „ein leuchtendes Beispiel für religiös‐humanistisches, soziales und kulturelles Engagement“, hieß es zur Begründung vom Neubrandenburger Dreikönigsverein, der den einzigen Sozialpreis des Landes vergibt. Wolff helfe nicht nur jüdischen Zuwanderern, sondern auch Spätaussiedlern aus der GUS bei der Integration in Deutschland. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung erinnert an die Familie Siemerling, die sich im 19. Jahrhundert in Neubrandenburg und Ostmecklenburg sozial und kulturell engagierte. Vereinsvorsitzender Rainer Prachtl beschreibt William Wolff als einen Mann mit Herzenswärme, der in den verschiedenen Religionsgemeinschaften wie in den politischen Gremien eine hohe Wertschätzung genießt, „ein Glücksfall für Mecklenburg‐Vorpommern“.
Auch Armin Jäger spricht von einem Glücksfall. Der Vorsitzende des Schweriner Fördervereins Jüdisches Gemeindezentrum kennt und schätzt Rabbiner Wolff seit langem. „William Wolff ist für mich das Sinnbild eines weisen Mannes, der eine besondere Begabung hat, Menschen und Religionen zusammenzubringen.“
Wer William Wolff das erste Mal sieht, meint, einen älteren gebrechlichen Herrn zu treffen, der kaum allein eine Straße überqueren kann. Mag William Wolff auch ein zierlicher Mann sein, ihm beizustehen braucht keiner. Schnellen Schrittes geht er durch die Straßen, sein freudestrahlendes „Wie geht es Ihnen?“ wird meist von einem herzlich glucksenden Lachen begleitet.
William Wolff unbeherrscht? Janina Kirchner aus der Jüdischen Gemeinde Schwerin muß lange überlegen. Ihr fällt nur eine kleine Begebenheit ein, „als wir einmal ein Telefonat aus England nicht richtig verstanden hatten“. Aber für jemanden, dessen Muttersprache Russisch ist, der in der neuen Heimat Deutsch lernen mußte und noch dazu Englisch am Telefon verstehen soll, mag das zu verzeihen sein.
Als William Wolff im Frühjahr 2002 seine Stelle als Landesrabbiner in Mecklenburg‐Vorpommern antrat – ein Posten, der 68 Jahre lang verwaist war –, kam er in seine alte Heimat zurück. Denn Wolffs Geburtsort ist Berlin. Er ist damit neben dem 78jährigen, fast gleichaltrigen Rabbiner Henry G. Brandt der einzige heute in Deutschland tätige Rabbiner, der vor der Machtergreifung Hitlers in Deutschland geboren wurde.
Frühzeitig erkannten die Eltern von Wilhelm Wolff, wie er damals hieß, die aufkommende Gefahr durch die Nationalsozialisten und flohen im Herbst 1933 zunächst in die Niederlande und später nach Großbritannien. Dort arbeitete Wolff lange als Journalist, trat Anfang der 70er Jahre auch mehrfach in Werner Höfers ARD‐Sendung „Der internationale Frühschop‐ pen“ als Vertreter des englischen „Daily Mirror“ auf. Mit Ende Fünfzig erfüllte sich Wolff seinen langgehegten zweiten Berufswunsch: Er wurde Rabbiner.
Nach inzwischen vierjähriger Aufbauarbeit im Nordosten Deutschlands spricht Wolff immer noch begeistert von seiner Aufgabe. Er habe nur Lust, keinerlei Frust. „Mir macht die Arbeit mit Menschen große Freude, ohne die könnte ich mir mein Leben nicht vorstellen. Deswegen ist das auch ein Grund, warum ich nicht Schriftsteller geworden bin – weil das zu einsam wäre.“
William Wolff nimmt man solche Worte ab. Trotz der vielen Aufgaben, der Probleme, der Sorgen. Wolff pendelt permanent zwischen den Gemeinden in Schwe‐ rin und Rostock, läßt kaum eine Veranstaltung aus, egal wo in Mecklenburg‐Vorpommern. Viele wollen den Landesrabbiner erleben, von ihm erfahren, was die jüdische Religion kennzeichnet und wie Juden leben. Auch bei den Gemeindemitgliedern ist Nachhilfe nötig. Kaum einer der jüdischen Zuwanderer, die seit Anfang der 90er Jahre aus der ehemaligen Sowjetunion kamen und 1994 in Schwerin und Rostock wieder jüdische Gemeinden gründeten, kennt seine religiösen Wurzeln. „Darüber, daß die meisten kaum etwas über ihr jüdisches Erbe wußten, war ich mir im klaren“, erinnert sich Wolff an seinen Start 2002. „Doch wie weit der Sowjetkommunismus das Judentum ausgerottet hatte, das war mir nicht bewußt.“
Mittlerweile gehören nicht nur rund 1.700 Juden den beiden von Wolff betreuten Gemeinden in Rostock und Schwerin an, ihre Mitglieder wissen inzwischen auch sehr viel mehr über ihre Religion. In Rostock gibt es seit anderthalb Jahren ein neues Gemeindezentrum. In Schwerin soll in diesem Jahr eine ehemalige Berufsschule zu einem Gemeindehaus umgebaut werden.
Die Rahmenbedingungen stimmen, nicht zuletzt wegen Wolffs Engagement. Doch zugleich sieht er für die Juden im Land eine „bescheidene Zukunft“. Da die Zuwanderung stark abnimmt und es viele ältere Gemeindemitglieder gibt, rechnet der Rabbiner damit, daß die Gemeinden in den nächsten Jahren kleiner werden. „Deswegen haben wir auch keinerlei Pläne, hier Synagogen zu bauen“, sagt Wolff.
Pläne für die Zukunft, hat er aber nach wie vor. Und andere mit ihm. „Ich möchte die nächsten fünf bis zehn Jahre noch mit diesem Rabbiner zusammenarbeiten“, betont Valerie Bunimov vom Vorstand der Schweriner Gemeinde. Wolff selbst scheint wunschlos glücklich zu sein. „Von Zeitungen und Büchern kann er nicht genug bekommen“, weiß Janina Kirchner, „die machen ihm Freude.“ Und Autofahren. „Das hab’ ich sehr gern“, sagt Wolff. Er fährt „gern selber, und immer zu schnell.“

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