Judentum

Ende der Diaspora?

von Detlef David Kauschke

Wer jetzt in den Sommerferien auf große Reise geht, hat selbst in fernen Städten und Ländern gute Chancen, auf Juden und Jüdisches zu stoßen. In New York, Moskau oder Buenos Aires sowieso. Aber auch bei Kreuzfahrten in der Karibik oder Touren nach Peking kommt meist ein Minjan zusammen. Selbst im nepalesischen Kathmandu, im australischen Surfers Paradise oder im mexikanischen Cancun ist es kein Problem, Schabbatkerzen und koscheren Wein zu kaufen. Doch das kann sich in ein paar Jahrzehnten ändern: Die Zahl der Juden in der Diaspora hat in den vergangenen Jahren abgenommen. Und sie sinkt offenbar weiter.
Die Entwicklung sei besorgniserregend, die Zukunft des Judentums nicht mehr gesichert, warnen die Veranstalter einer Konferenz des Jewish People Policy Planning Institute (JPPPI), die in dieser Woche in Jerusalem stattfindet. Das Institut ist eine von der Jewish Agency gegründete Einrichtung, die erstmals im großen Rahmen 120 namhafte Politiker, Rabbiner, Wissenschaftler und Vertreter jüdischer Organisationen aus aller Welt an einen Tisch bringt, um über die »Zukunft des jüdischen Volkes« zu diskutieren. Und die sieht alles andere als rosig aus.
Islamistischer Terror, die nukleare Aufrüstung des Iran, weltweiter Antisemitismus: Das sind Bedrohungen, die Juden in der ganzen Welt gefährden. Um ihnen zu begegnen, müssen nach Ansicht von Dennis Ross dringend langfristige Strategien entwickelt werden. Der ehemalige US-Gesandte für den Nahen Osten und heutige Direktor des JPPPI hält es vor allem für notwendig, die Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora zu stärken. Nicht zuletzt um der gemeinsamen jüdischen Identität willen, denn die schwindet.
Juden verlieren an Gemeinschaftsgefühl, ist sich der israelische Soziologieprofessor Chaim I. Waxman sicher. Immer weniger sind Diasporajuden emotional mit Israel verbunden. Immer seltener sprechen die über den Globus verstreuten Juden eine gemeinsame Sprache. Immer dünner wird die Decke aus gemeinsamen Werten. Um dem zu begegnen, wäre eine kreative spirituelle und politische Elite gefragt. Doch das JPPPI hat stattdessen eine gravierende Führungskrise in Israel und in Teilen der Diaspora festgestellt.
Die ohnehin schon schwierige Situation wird durch den demografischen Trend verschärft. In einem für den Kongress vorbereiteten Papier heißt es: Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die jüdische Bevölkerung in den kommenden Jahrzenten zunehmen wird. Bemerkenswert dabei ist, dass der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Israel steigt (1,4 Prozent in 2005). In der Diaspora hingegen wird er kleiner (0,3 Prozent in 2005). Nach Angaben des JPPPI leben in den USA derzeit 5,275 Millionen Juden, Tendenz abnehmend. Demografie-Experten führen das darauf zurück, dass amerikanische Juden später und seltener heiraten sowie zunehmend auch Ehen mit nichtjüdischen Partnern schließen. Der Anteil der sogenannten Intermarriages liegt bei 54 Prozent. Zudem bekommen jüdische Eltern immer weniger Kinder.
Vorbei die Zeit, in der die jüdische Gemeinschaft in den USA noch als die größte der Welt galt. Jetzt kann sich Israel mit diesem Titel schmücken. 5,309 Millionen Juden leben im jüdischen Staat, das sind 40,6 Prozent aller Juden der Welt. Sergio DellaPergola, Professor für zeitgenössisches Judentum, fragt sogar: Wird es im Jahr 2100 überhaupt noch eine Diaspora geben? Mit Verweis auf die Geschichte bemerkt das JPPPI, dass das jüdische Volk mehrmals vor der Vernichtung gerettet wurde, weil es überall auf der Welt verstreut lebte. Das Institut erlaubt sich daher die politische Empfehlung, dass es nicht die beste Überlebensstrategie sei, alle Juden der Welt an einem Ort zu konzentrieren, auch wenn er Israel heißt.
Jüdische Geschichte im 20. Jahrhundert habe zudem gezeigt, dass Quantität nicht gleichbedeutend mit Qualität ist. Eine größere Anzahl heißt nicht zwingend mehr Macht oder Sicherheit. Vor dem Zweiten Weltkrieg lag der Anteil der Juden an der Weltbevölkerung bei 0,6 Prozent. Aber wie selten zuvor waren sie der Vernichtung schutzlos ausgeliefert. Heute sind nur noch rund 0,2 Prozent der Weltbevölkerung Juden. Dennoch sind sie alles andere als wehrlos. Israels militärische Stärke zeigt Wirkung. Ein anderes Beispiel: Während der Zarenzeit lebten rund fünf Millionen Juden in Russland, die ständig von Verfolgung bedroht waren. Heute zählt die jüdische Gemeinschaft dort gerade mal 300.000 Menschen, hat aber mehr Einfluss denn je.
Doch das sagt wenig darüber aus, wie es um die Zukunft des Judentums bestellt ist. Sicher scheint nur: Es bedarf großer innerjüdischer Anstrengungen, Strategien und Ideen, um die eigene Existenz und Identität zu bewahren.
Im Midrasch wird das jüdische Volk mit dem Mond verglichen. Wie der Erdtrabant befindet es sich häufig im Schatten, ist aber immer da. Auch wenn der Mond abnimmt und die Sichel am Nachthimmel kleiner wird, weiß man doch, dass er bald wieder zunehmen und sich in voller Leuchtkraft präsentieren wird. Ein beruhigender Gedanke für die Urlaubstage.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026