Katholikentag

Eintracht Osnabrück

von Tobias Kühn

Etwas mulmig ist ihm zumute. Rabbiner Jonah Sievers sitzt in einem kleinen Seminarraum des katholischen Familienbildungszentrums in Osnabrück und reibt seine Hände auf den Oberschenkeln. Der 37-Jährige ist aufgeregt. Durch die geöffnete Tür sieht er Dutzende Männer und Frauen, Katholikentagsbesucher, die zum großen Saal strömen, wo er in einer halben Stunde im Podium sprechen wird. Es soll um Juden und Christen gehen und um die Frage, ob sie zu demselben Gott beten. Wer glaubt, dass dieses Thema in der säkularisierten Welt des 21. Jahrhunderts allenfalls ein Häuflein Frommer interessiert, der irrt. Zahlreiche Journalisten haben sich postiert, drei Fernsehteams bauen ihre Kameras auf. Das christ- lich-jüdische Verhältnis ist zum Medienereignis geworden. Es ist zerrüttet, seit Papst Benedikt den Gläubigen wieder erlaubt hat, an Karfreitag für die »Erleuchtung« der Juden zu beten und »dass sie Jesus Christus als den Heiland aller Menschen erkennen«.
Pünktlich 14 Uhr betritt Sievers mit seinen beiden Gesprächspartnern den Saal und nimmt links auf dem Podium Platz. Neben ihn setzt sich Heinz-Günther Schöttler, Professor für Pastoraltheologie an der Universität Regensburg, am Rand platziert sich als Moderator der Aachener katholische Theologe Hans Hermann Henrix. Beide lächeln Sievers zu, sie sind seit Jahren am jüdisch-christlichen Dialog beteiligt und dem Rabbiner wohlgesinnt. Der weiß zwar, dass es kein Streitgespräch wird. Aber als Rabbiner einer Gemeinde mit weniger als 500 Mitgliedern braucht er Zeit, sich an ein derart großes Aufgebot von Journalisten zu gewöhnen. Immer wieder schiebt er mit dem Zeigefinger seine Brille nach oben, nimmt einen Schluck Wasser, ordnet die vor ihm liegenden Papiere.
In den vergangenen Wochen haben mehrere jüdische Vertreter aus Protest gegen die Karfreitagsfürbitte ihre Teilnahme am Katholikentag abgesagt. Jonah Sievers hat sich dem Boykott nicht angeschlossen. Er will »die Möglichkeit nutzen, einer breiten katholischen Öffentlichkeit« die jüdischen »Bedenken gegenüber der Karfreitagsfürbitte zu schildern«. Man verstehe das Gebet als Aufruf, Juden zu missionieren, erklärt er den rund 200 Zuhörern im Saal. Selbst, wenn es nur eschatologisch gemeint sein sollte, wie einige Kardinäle im Vatikan betont haben, sei es doch eine Beleidigung, so der Rabbiner. »Es ist unerheblich, ob die Juden heute missioniert werden sollen oder ob man sich wünscht, dass sie am Ende der Tage zu Jesus finden. Das heißt doch, wir Juden seien defizitär.«
Viele Menschen im Saal schütteln ihre Köpfe – nicht über den Rabbiner, sondern über den Vatikan. Einige engagieren sich seit Jahren in den Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit ihrer Heimatorte. Nie haben sie den Wunsch oder die Notwendigkeit verspürt, jüdische Gesprächspartner zu Jesus zu führen. In der letzten Reihe flüstert eine Frau um die 50, Geschichts- und Religionslehrerin, zu ihrer Nachbarin: »Ich schäme mich für dieses Gebet. Man strampelt sich an der Basis jahrelang ab, und dann kommt ein Satz aus Rom und macht alles kaputt.«
Das Kirchenvolk ist ratlos und frustriert über Benedikts Karfreitagsfürbitte. Eine Frau aus Kassel fragt die beiden katholischen Experten auf dem Podium, wie sich der Papst denn geäußert habe, als er von den jüdischen Bedenken gegen das Gebet erfuhr. »Es ist nichts bekannt, nicht das Geringste«, sagt Heinz-Günther Schöttler, zuckt mit den Schultern und macht eine leere Geste mit seinen Händen. Da plötzlich steht mitten im Publikum ein älterer Mann auf, ein Katholik aus Frankfurt am Main, und sagt: »Ich weiß nicht, welcher Teufel diesen Papst reitet.« Befreiendes Lachen im Saal und tosender Beifall. Wer diese Stimmung im Publikum erlebt, spürt, wie tief die Kluft ist zwischen den Katholiken und ihrer Führung in Rom.
»Ich kann das Herz eines Papstes nicht ergründen«, sagt Heinz-Günther Schöttler und lächelt süffisant. Die Entfernung der Kirche vom Judentum sei jedenfalls keine »gesunde katholische Theologie«, sagt er und erinnert an die Blütezeit christlich-jüdischer Annäherung während der vergangenen Jahrzehnte. Alle im Saal verstehen, dass Schöttler die Zeit vor Benedikt meint, denn er zitiert dessen Vorgänger Johannes Paul II.: »Wenn das Christentum sich seiner Verbindung zum Judentum nicht bewusst ist, dann hat es seine Identität verraten.« Und wieder applaudiert das Kirchenvolk.
Rabbiner Jonah Sievers’ Aufregung hat inzwischen allmählich nachgelassen. Er merkt, dass er beim Katholikentag offene Türen einrennt. Weder begegnen ihm beim Publikum antijüdische Klischees noch lassen ihn seine Gesprächspartner auflaufen. Im Gegenteil: Wann immer er nicht sofort ein Argument parat hat, springen sie ihm bei. Weil Sievers das merkt, gewinnt er an Sicherheit. Und als sich nach dem Podiumsgespräch Journalisten um ihn scharen, scheint es, als könne der Rabbiner seiner neuen Rolle als Medienstar durchaus etwas abgewinnen.
Für Sievers’ Augsburger Kollegen, Rabbiner Henry Brandt, ist diese Rolle nicht neu. Der 80-Jährige beteiligt sich seit Jahrzehnten am jüdisch-christlichen Gespräch, Kenner der Szene nennen ihn »Urgestein des Dialogs«. Dass sich Brandt wie Sievers dem jüdischen Boykott des Katholikentags nicht anschloss, machten ihm nur wenige öffentlich zum Vorwurf. Auf Befremden und Kritik stieß jedoch, dass Brandt für jüdische Referenten einsprang, die ihre Teilnahme abgesagt hatten. »Das begrüße ich nicht«, sagt der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik, der von Brandt in einem Podiumsgespräch zum Thema »Gewalt im Namen Gottes?« ersetzt wurde. Seine Absage sei auch »von vielen gutwilligen Katholiken begrüßt« worden, betont Brumlik. Er wirft Brandt vor, durch sein Einspringen das »deutliche wichtige Zeichen verwässert« zu haben.
Den Rabbiner indes scheint diese Verärgerung kaum zu stören. Am Donnerstagabend steht er bei einer christlich-jüdischen Gemeinschaftsfeier in der überfüll- ten Osnabrücker Stadthalle und redet von »professionellen Besserwissern und ewigen Kritikern« in den eigenen Reihen. Fast ein wenig trotzig sagt er: »Ich stehe hier, ohne mich dafür zu entschuldigen. Ich stehe hier, dass wir offen und respektvoll zur Sache reden.« Dafür bekommt er großen Applaus von den mehr als 600 Zuhörern.
Zur Sache reden, ja, das tut Brandt an diesem Abend. Ohne Umschweife. Er predigt zum Motto des Katholikentags »Du führst uns hinaus ins Weite« und erinnert an das Gegenteil. »Fast 2.000 Jahre lebten wir in einer Enge, einer langen, langen dunklen Nacht für uns Juden durch die Christen.« Brandt verweist auf die belastete Geschichte der christlich-jüdischen Beziehungen, die sich erst in den vergangenen 40 Jahren verbessert haben und jetzt durch die »inakzeptable Formulierung der Karfreitagsfürbitte« schon wieder gestört seien. Er frage sich, ob das wohl eine Wende der Wende sei.
Erzbischof Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, sitzt neben Henry Brandt und lauscht regungslos den Worten des Rabbiners. Ursprünglich sollte Osnabrücks Bischof Franz-Josef Bode an seiner Stelle sitzen. Doch weil das katholisch-jüdische Verhältnis seit Monaten stark getrübt ist, hat Zollitsch das Projekt »Gemeinschaftsfeier« kurzerhand zur Chefsache gemacht. In seiner Ansprache wenige Minuten später wird der Erzbischof an einer Stelle von seinem Manuskript abweichen, er wird kurz innehalten und sagen: »Es wird keine Wende der Wende geben. Der Weg geht nach vorn, dafür stehe ich.« Dafür erntet er rauschenden Beifall – und am Ende des Abends eine Umarmung des Rabbiners.

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