Architektur

Einsteinturm und Synagoge

Zur Party in der Villa oberhalb des Berliner Stößensees 1931 haben sich alle eingefunden: Chaim Weizmann, Präsident der Jewish Agency, der Kaufhauskönig Salman Schocken, der amerikanische Politiker Henry Morgenthau. Nur der Professor ist unpünktlich. Dann endlich kommt Albert Einstein die Treppe herauf, die Geige unter dem Arm, sein Segelboot schaukelt auf der Havel. Das Konzert in der Villa Mendelsohn kann beginnen: Am Cello Luise Mendelsohn, Musikerin; an der Geige Albert Einstein; am Piano hinter dem versenkten Panoramafens‐ter der Hausherr Erich, Architekt. Erich Mendelsohn war einer der kreativsten Baumeister der Klassischen Moderne. Er entwarf in der Weimarer Zeit für Potsdam den Einsteinturm, für Berlin Hochhäuser, für halb Deutschland innovative Kaufpaläste. Doch während 2009 weltweit des 90. Geburtstags des Bauhauses und seiner Protagonisten gedacht wird, gerät Mendelsohn in Gefahr, vergessen zu werden.
Das möchte der Berliner Architekt Helge Pitz ändern: Im Beisein von Denkmalschützern und Vertretern der israelischen Botschaft soll am 6. September in Pitz’ Haus in Berlin‐Steinstücken die Erich‐Mendelsohn‐Stiftung ins Leben gerufen werden. Pitz ist Experte für das Werk des Baumeisters. Von 1978 bis 1981 arbeitete er beim Umbau des Mendelsohnschen Kinos Universum am Kurfürstendamm mit, in dem heute die Schaubühne am Lehniner Platz residiert. Bis 1999 sanierte der mittlerweile 71‐Jährige den Einsteinturm. Auch seine Villa in Steinstücken ist ein »echter Mendelsohn«, den Pitz seit 1993 fachgerecht sichert.

synagogenbau Erich Mendelsohn wird 1887 im ostpreußischen Allenstein geboren. Nach Studien in Berlin erlangt er sein Architekturdiplom 1912 in München. Da ist bereits sein erster Bauauftrag in Arbeit: bis 1913 entsteht im Heimatort ein »Bet Tahara« auf dem jüdischen Friedhof. Heute ist das in diesem Jahr sanierte »Haus der Reinigung« das letzte Zeugnis jüdischen Lebens in der mittlerweile polnischen Stadt.
Bewusste Jüdischkeit prägt Zeit seines Lebens Mendelsohns Arbeit. 1912 nimmt er am Wettbewerb für den Neubau der Augsburger Synagoge teil, 1927 bis 1929 entsteht nach seinem Plan der 1938 zerstörte Jüdische Friedhof von Königsberg, 1930–1932 baut er das Jüdische Jugendheim in Essen. Seinen Arbeits‐ und Lebensmittelpunkt hat Mendelsohn in Berlin, wo er im Milieu des jüdischen Bürger‐ tums vernetzt ist. Im Salon von Molly Phillipson spricht ihn 1919 Gustav Herrmann an, der ihn mit dem Bau einer Hutfabrik, eines Gartenpavillons und mit den Entwürfen für Wohnhäuser in Luckenwalde beauftragt. Mendelsohn begegnet Hans Lachmann‐Mosse, dessen Verlagshaus Rudolf Mosse an der Jerusalemer Straße Mendelsohn bis 1923 mit runden Fensterbändern versieht. Für Mosse baut er auch auf der Pressa‐Messe in Köln 1928 einen futuristischen Pavillon. Im selben Jahr entsteht für den Bezirksarzt von Berlin‐Kreuzberg, Curt Bejach, die Villa in Steinstücken, in der die Stiftung jetzt ihre Heimat finden soll.

alija Dann kommen die Nazis. Deutlich erfasst der Architekt in einem Brief an seine Frau im Februar 1933 die Situation: »Das Animalische der Bewegung wird sein Lebensrecht, sein Blutrecht verlangen. Mehr denn je in der Gefahrenzone unseres hiesigen Lebens empfinde ich die süße Schwere des Schick‐sals, das uns als Juden geboren werden ließ.« Die Familie emigriert in die Niederlande, dann nach London. Für Salman Schocken (dessen Kaufhäuser in Nürnberg, Chemnitz und Stuttgart er gestaltet hatte) baut Mendelsohn in Palästina ein Wohn‐ und ein Bibliothekshaus, dessen geplanter Abriss derzeit für Streit sorgt. Es folgt eine Villa für Chaim Weizmann in Rehovot. Ab 1939 lebt Mendelsohn – seit seiner Studentenzeit zionistisch aktiv – in Palästina. 1941 entsteht in Jerusalem sein Hadassah‐Krankenhaus, dessen demonstrativ arabisch‐jüdische Architektur bei Zeitgenossen für Befremden sorgt. Heute gilt der Bau als architektonisches Juwel.
1941 geht Erich Mendelsohn in die USA, was man ihm in Israel bis heute noch nicht ganz verziehen hat. Dafür darf sich Amerika über seine Bauten freuen. Es entstehen Synagogen in St. Louis und in Cleveland, Ohio; 1950 eröffnet das Maimonides‐Krankenhaus in San Franciso. Nicht zustande kommt 1949 ein für New York geplantes Holocaust‐Denkmal. Erich Mendelsohn stirbt am 15. September 1953 in den USA. Nach Berlin ist er nie wieder zurückgekehrt.

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