Angelika Schrobsdorff

„Einsamkeit war immer in mir“

von Carsten Hueck

„Ein fremder Mann steht vor meiner Tür“. Angelika Schrobsdorff hält in der einen Hand den Telefonhörer und winkt mit der anderen den durchnässten Gast in ihre Wohnung. Es ist ein regnerischer Dezembertag. Sie verschwindet in einem Zimmer. „Ein fremder Mann steht jetzt in meinem Flur“, beharrt sie mit kräftiger, tiefer Stimme. „Ja, ein fremder Mann.“ Ängstlich klingt das nicht. „Ich hatte immer viel mehr Angst vor Frauen als vor Männern“, erzählt die Schriftstellerin später. „Das fing in der Schule an und ist auch jetzt noch so. Alle lachen schon, wenn ich sage: ich brauche diesen oder jenen Arzt – aber bitte nur einen Mann.“
Puschkin schleicht herbei und beargwöhnt den Gast. Der Kater hat Angelika Schrobsdorff begleitet, als sie vor fast zwei Jahren von Jerusalem ins Berliner Westend zog. Nun wohnen die beiden dicht an der Stadtautobahn, unweit der S‐Bahn‐Station Halensee. Kein Vergleich mit Schrobsdorffs alter Wohnung. Von ihr aus konnte sie Baumkronen, den Himmel und die Hügel der Judäischen Wüste sehen. Warum bloß hat sie das fantastische Licht Jerusalems gegen den dunklen Winter in Berlin getauscht? „Wegen des Alters, wegen der Sprache“, sagt sie. Und dann: „Weil ich die politische Situation nicht mehr ertragen habe.“ Sie zündet sich eine Zigarette an, schweigt für einen Moment. Während der ersten Intifada, setzt sie wieder ein, habe sie noch Hoffnung gehabt. Sie unterstützte damals eine arabische Familie. „Das hat mich vor dem schlechten Gewissen bewahrt. Was immer ich ihnen gab, hat auch mich gerettet.“ Im Lauf der Jahre schwand jedoch ihre Zuversicht, dass es in absehbarer Zeit ein humanes Miteinander von Israelis und Palästinensern geben könnte.
Zornig hat sich Angelika Schrobsdorff in ihren Büchern mit den israelischen Verhältnissen auseinandergesetzt. „Es war mein Volk, ich habe es gewählt. Aber ich konnte mich nie integrieren. Nachdem ich in Europa in jungen Jahren ein Mensch zweiter oder dritter Kategorie gewesen bin, war ich in Israel privilegiert. So gesehen Täter. Das ist schlimmer. Ich sagte mir, das hältst du nicht aus. Du gehst kaputt.“
Jerusalem war immer eine schwere Adresse, lautet der Titel des Buches, das Angelika Schrobsdorff ihren Freunden „auf beiden Seiten der Grünen Grenze“ gewidmet hat. Über zwanzig Jahre wohnte sie am Rande Jerusalems, im Niemandsland zwischen jüdischen und arabischen Nachbarn. Grenzsituationen sind Angelika Schrobsdorff vertraut. Im Laufe ihres Lebens hat sie sich häufig zwischen Widersprüchen und gegen Extreme behaupten müssen. Hat immer einen unabhängi – gen Standpunkt vertreten und dort ihr Zuhause gefunden, wo Freiheit und Einsamkeit unmerklich ineinander übergehen. „Einsamkeit war immer in mir. Schon in jungen Jahren. Aber sie wird natürlich immer stärker. Ich habe viel Zores mit ihr. Ich bin ja nicht zuvorkommend und liebenswürdig“, gibt sie zu. Dann bietet sie Käsekuchen an. Später gibt es Whisky.
Angelika Schrobsdorffs Mutter Else war eine höhere jüdische Tochter aus Charlottenburg, ihr Vater Erich ein preußischer Junker. Über ihre Mutter hat Angelika Schrobsdorff ihr erfolgreichstes Buch geschrieben, Du bist nicht so wie andere Mütter. Eine halbe Million Exemplare wurde davon verkauft, in der Verfilmung 1999 spielte Katja Riemann die Else.
Immer wieder hat Angelika Schrobsdorff über ihre Familiengeschichte geschrieben. „Meine Eltern waren Extreme“, sagt sie. Die leidenschaftliche, lebenslustige Mutter verkehrte in Künstlerkreisen, hatte Freunde und Affären. Erich Schrobsdorff war eher nüchtern. „Mein Vater machte keinen Gebrauch von Frauen. Ihn interessierten seine deutschen Dichter und Denker. Er war immer geistig abwesend.“ Dennoch liebte ihn die Tochter. „Ein wunderbarer Mann. Ich habe ihn so verehrt. Jeden Wunsch hat er mir erfüllt. Ich wollte einen Hund und bekam zwei. Ich wollte ein Pony und bekam Ponys. Als ich mir ein Gut wünschte, sagte er allerdings ‚Oh, là, là‘.“ Doch auch das bekam sie. Die junge Angelika wuchs auf in der elterlichen Villa im Grunewald und auf einem kleinen Gut in der Nähe von Königs Wusterhausen. Eine traumhafte Kindheit, könnte man meinen. Mitnichten. „Ich habe in geschlossenen Gehegen gewohnt.“
Nach der Scheidung emigrierte die Mutter 1939 mit Angelika und ihrer älteren Schwester nach Bulgarien. In der Hauptstadt Sofia überlebten sie Krieg und Holocaust. Die in Deutschland verbliebene Großmutter wurde nach Theresienstadt deportiert und später ermordet. „Das war ein entsetzlicher Bruch in meinem Leben. Es ist ein Trauma geworden, das nicht mehr wegzukriegen ist.“ Auch darüber schreibt sie. Über Grausamkeit und die Idiotie politischer Verhältnisse, über Verletzungen, die sich Menschen zufügen, über Wunden, die bleiben.
Angelika Schrobsdorff zündet sich eine weitere Zigarette an. „Die alten Juden, die ich aus meiner Kindheit und Jugend kannte, das ist das Schönste was es gibt für mich. Ich habe sie immer am meisten geliebt. Sie waren wunderbar und das ist alles kaputt gemacht worden.“ Es regnet noch immer. Man hört Autos durch Pfützen fahren und den Wind um die Ecke pfeifen. Mit ihrer Rückkehr nach Berlin schließe sich für sie kein Kreis, betont Angelika Schrobsdorff. „Ich hatte immer Angst, hierher zu kommen. Es ist ja alles weg. Das Ganze liegt wie ein Stein auf mir. Ein furchtbar schwerer Stein.“
Auf dem Esstisch steht ihre Schreibmaschine. Daneben ein Diktiergerät, Aschenbecher, Zigaretten, Getipptes. Es sieht nach Arbeit aus. Angelika Schrobsdorff winkt ab. „Ich schreibe nicht mehr. Ich liege so gerne im Bett. Mein Kopf zerplatzt vor Material, meine Leserschaft drängt mich, der Verlag auch. Aber ich glaube, ich habe nicht mehr die Kraft. Auch nicht die Überzeugung, dass man etwas sagen kann, das Menschen noch zum Nachdenken bringt. Der Mensch ist unbelehrbar. Das weiß ich inzwischen.“ Sie klingt bitter. Dabei ist sie nur illusionslos. Und erbarmungslos offen, auch sich selbst gegenüber. Wer ihre Bücher kennt, weiß das. „Der einzige, den ich aus der Bibel wirklich verehre, ist Salomon. Mit einer Gelassenheit sondergleichen sagt er, der Mensch ist, wie er ist und wird sein, wie er war. Es geschieht nichts Neues. Es gibt kein Entrinnen.“ Und nach einer kurzen Pause, einem weiteren Zug an der Zigarette: „Aber ich werde wohl bald entrinnen. Bei mir ist Essig jetzt, Ende. The end of the rope.“
Es ist still im Raum. Erwartet Angelika Schrobsdorff höflichen Widerspruch? Nein. „Jede Sekunde kann es vorbei sein“, setzt sie nach. „Das ist ein schrecklicher Druck: keinerlei Perspektive, keinerlei Hoffnung. Ich habe immer überheblicherweise gesagt, man kann ohne Hoffnung leben. Aber es ist unendlich schwer.“
Was sie am Leben hält, sind ihre Katzen. Neben Puschkin noch Vicki, mit den kurzen, strammen Vorderbeinen. „Die kann ich nicht verlassen.“ Puschkin ist fünfzehn, er hinkt, die Zähne sind schlecht, auch die Ohren nicht ganz in Ordnung. „Er hat so ein schönes Gesicht. Ein bisschen ägyptische Rasse ist da drin.“ Schrobsdorff liebt Katzen. Die haben sie weniger enttäuscht als die Menschen. Sie hat wohl auch andere Ansprüche an sie. Mit Puschkin und Vicki wird Angelika Schrobsdorff am 24. Dezember ihren achtzigsten Geburtstag feiern.

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