Ferien

Einmal durchatmen

von Lisa Borgemeister

Ziemlich verschlafen wirken die Jugendlichen, als sie sich am langen Tisch im Frühstücksraum niedergelassen haben. Verdecktes Gähnen zwischen dem Kauen bestätigt den Verdacht. »Wir waren das ganze Wochenende in Belgien und haben gestern abend noch lange Fußball gespielt«, sagt Nachum Rosenblatt fast entschuldigend und beißt in sein Brötchen. Er leitet die zweiwöchige Ferienfreizeit für 50 Jugendliche aus dem Norden Israels in Bad Sobernheim. In dem idyllischen rheinland-pfälzischen Ort sind die 13- bis 16jährigen al- lerdings nur ab und an zum Schlafen – und zum Fußballspielen auf dem weitläufigen grünen Gelände. Die meiste Zeit sind die Madrichim, die Betreuer, mit ihren Hanichim, den Jugendlichen, auf Achse: Jeden Tag stehen Ausflüge auf dem Programm. Der Bus für die nächste Reise steht beim Frühstück schon an der Straße bereit. Phantasialand ist das Ziel. Voller Vorfreude versammeln sich die Jugendlichen zur Abfahrt. Noch vor gut zwei Wochen ahnte keiner von ihnen, daß er den Rest der Sommerferien in Deutschland verbringen würde.
Es war ein Sommertag Anfang August, als Nachum Rosenblatt einer Gruppe von Kindern eine wichtige Frage stellte. Die 8- bis 12jährigen waren aus verschiedenen jüdischen Gemeinden der Bundesrepublik nach Bad Sobernheim gekommen zu einem Sommermachane, einem Ferienlager. Sie hatten mit ihren Madrichim über die Lage in Israel gesprochen und wußten über die Situation Bescheid, als Rosenblatt fragte: »Wie können wir den Kindern dort helfen?« Einige schlugen vor, ihnen Süßigkeiten zu schicken, andere wollten Briefe schreiben. Dann meinte ein Kind: »Wir können sie doch auch zu uns hierher einladen!« Auf diese Antwort hatte Madrich Rosenblatt insgeheim gewartet. Der 27jährige erinnert sich: »Die Kinder waren sofort Feuer und Flamme. Alle haben angefangen, Pläne zu schmieden und ihre Zimmer aufzuräumen.« Sie malten Willkommens-Transparente und lernten hebräische Lieder und Tänze für den Empfang. Und sie rückten zusammen, denn für weitere 50 Gäste reichte der Platz hier im Heim nicht. Bereitwillig räumten die Kinder ihre Betten für die Gäste aus Kirijat Schmona und Nahariya und schliefen eine Woche auf Matratzen. Dann war das Machane für die hiesigen Kinder zu Ende. Nicht aber das der israelischen Gäste. Sie bleiben noch einige Tage, bis Anfang September bei ihnen die Schule wieder startet.
Gut drei Stunden dauert die Fahrt zum Phantasialand in Brühl. Auf der Autobahn kurz vor Köln fängt es an zu regnen. Dicke Tropfen prasseln auf das Dach des Reisebusses. Rosenblatt schaut besorgt gen Himmel und dann auf die Uhr. Nur noch eine knappe halbe Stunde ist es bis zur Ankunft am Phantasialand. Ein Blick nach hinten in den Bus beruhigt ihn: Den jungen Reisenden scheint das Wetter wenig auszumachen. Doch Rosenblatt will auf Nummer sicher gehen: Er greift zum Mikrofon und singt. Nur wenige Takte verstreichen, ehe die gesamte Gruppe einstimmt. Die Fußball-Fan-Gesänge kennen alle aus dem Effeff – einige Jungen springen von ihren Sitzen auf und heben feierlich die Hand. Ausgelassen grölen sie die Hits, klatschen in die Hände und feuern sich gegenseitig an. »Gute Stimmung«, freut sich Rosenblatt und läßt sich wieder auf seinen Sitz fallen. Die Jugendlichen singen weiter – bis zur Ankunft.
Auf dem Parkplatz verteilt Rosenblatt die Eintrittskarten, dann drängen die Jugendlichen auf den Eingang zu. Dem Betrachter bietet sich ein gewöhnliches Bild: Eine Horde quirliger Jugendlicher, modisch gekleidet, laut, vergnügt und unbefangen. Sie toben, staunen und erobern im Nu das Phantasialand. Kein Außenstehender ahnt, was diese Teenager in den vergangenen Monaten zu Hause erlebt haben. Die zahlreichen Nächte im engen Luftschutzkeller sieht man ihnen nicht an. Und auch nicht die Ängste, die sie hatten, wenn draußen über ihren Häusern der Krieg tobte.
»Die meisten Jugendlichen wollen nicht viel davon erzählen«, sagt Tomer Nahary, der Nachum Rosenblatt gemeinsam mit drei weiteren Madrichim bei der Leitung des Feriencamps unterstützt. Während der ersten Tage in Deutschland seien einige Jugendliche ängstlich gewesen, erzählt der 20jährige. »Ein Junge zum Beispiel konnte nicht schlafen, wenn die Zimmertür nicht abgeschlossen war. Andere tauschten sich intensiv über ihre Kriegserfahrungen aus.«
Oscher ist 14 Jahre alt, »fast fünfzehn«, wie er stolz betont. Er gehört zu den wenigen Jugendlichen, die bereitwillig Auskunft geben. Einmal sei eine Rakete über dem Nachbarhaus runtergekommen, erzählt er. Es habe einen riesigen Knall gegeben, und durch den Druck seien alle Fenster im Haus seiner Eltern kaputtgegangen. Mit ernsten Augen blickt der sonst so lebhafte Junge in die Ferne. »Ich hatte riesige Angst«, sagt er leise. »Die konnte ich nur bewältigen, weil ich mit meinen Eltern gesprochen habe.« So gut ihm das Ferienlager in Deutschland auch gefalle – er freue sich auf das Wiedersehen mit seiner Familie. »Und auf das Essen meiner Mutter«, fügt er hinzu und lacht.
Heimweh haben die 50 jungen Reisenden fast alle. »Es ist das erste Mal, daß sie alleine so lange von zu Hause weg sind«, erklärt Tomer Nahary. Viele seien noch nie zuvor im Ausland gewesen. Die Betreuer schenken den Jugendlichen viel Geduld und Aufmerksamkeit. Und ein abwechslungsreiches Programm, das sie auf andere Gedanken bringen soll. Normalerweise gebe es bei einem Machane längst nicht so viele Ausflüge, sagt Nahary, der schon mehrere Jugendfreizeiten organisiert und betreut hat. »Aber diese Jugendlichen haben es im Freizeitheim einfach nicht ausgehalten, sie wollten dort raus und Abenteuer erleben.« Dies sei eigentlich auch nicht verwunderlich, nachdem sie so viel Zeit auf engstem Raum verbringen mußten.
Die Einladung für die Jugendlichen kam von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt). Finanziert wird der Aufenthalt durch Spenden. Von der Großzügigkeit der Geldgeber sind die Verantwortlichen überwältigt. »Es ist ein wunderbares Geschenk für die Jugendlichen, daß sie zwei Wochen ihrer Sommerferien in Frieden und Sicherheit verbringen dürfen«, sagt Rosenblatt, als alle nach einem aufregenden Tag im Phantasialand wieder in den Bus gestiegen sind. Erschöpft lassen sich die Jugendlichen in ihre Sitze fallen. »Die schlafen bestimmt tief und fest heute Nacht«, sagt Nahary. Das sollten sie auch, denn schon am nächsten Morgen ist auf Einladung der Women’s International Zionist Organisation (WIZO) ein Ausflug nach Frankfurt geplant.

Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, Stichwort: Kinderhilfe Israel
Konto-Nummer: 107 360 1700
SEB AG, Filiale Frankfurt am Main
Bankleitzahl: 500 101 11

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