buchenwald

Eine Stunde für die Wahrheit

Barack Obamas Weg ist steinig. Etwa 400 Meter muss der amerikanische Präsident zurücklegen, um von Buchenwalds Eingangstor bis zum »Kleinen Lager« hinter dem riesigen Appellplatz zu gelangen. Geröll, leicht abschüssiges Gelände, Unebenheiten im Boden. Hier oben auf dem Ettersberg gerät man leicht aus dem Tritt. Doch Obama lässt sich Zeit. Bedächtige Schritte statt hastiger Eile. Und immer wieder ein kurzes Innehalten, ein Moment des Zögerns und des Zuhörens. Denn der mächtigste Mann der Welt ist an diesem Freitagnachmittag nicht allein, als er der Naziopfer gedenkt. An seiner Seite sind Bundeskanzlerin Angela Merkel, Gedenkstättenchef Volkhard Knigge und Bertrand Herz vom Internationalen Buchenwaldkomitee. Und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel. Ihm schenkt Obama besonders viel Aufmerksamkeit. Mal beugt sich der Präsident zu ihm hinunter, mal legt er einen Arm auf die Schulter des alten Mannes. Es wirkt wie eine Geste des Mitgefühls und der Wertschätzung. Der Chef der Supermacht lässt sich vom Schoaüberlebenden erzählen, wie es damals war. In der Hölle.
Wer könnte das besser als der heute 80-Jährige? Elie Wiesel wurde mit seinem Vater Anfang 1945 von Auschwitz nach Buchenwald ins »Kleine Lager« gebracht. Es war in dem berüchtigten KZ oberhalb der »Klassikerstadt« Weimar der Ort der größten Qualen. Durch Stacheldraht vom eigentlichen Lager getrennt, sollten die Opfer der Nazis hier nur eines: sterben. Es gab nichts zu essen, nichts zu trinken, der Boden glich einem Schlammloch. Die Leichen ließ man einfach im Freien liegen. Es stank nach Verwesung und Exkrementen. Im »Kleinen Lager« herrschten Kälte, Hunger, Durst und Seuchen. Der Tod hielt reichlich Ernte. Auch Elie Wiesels Vater gehörte zu den Opfern. Am 2. Februar, so ist es akribisch in den Akten der Lager-Leitung notiert, starb der jüdische Kaufmann aus Rumänien. Einer von 56.000 Menschen, die in Buchenwald umkamen. Sein Sohn lag auf der Holzpritsche und hörte, wie der über ihm sterbende Vater um Hilfe bat. Doch der kaum 16-Jährige wagte es nicht aufzustehen. Zu groß war die Angst.
Jetzt, 64 Jahre später, ist Elie Wiesel an diesen Ort zurückgekehrt. An der Seite von Barack Obama. Gemeinsam mit Angela Merkel, dem Überlebenden Bertrand Herz und Gedenkstättenchef Knigge stehen der 47-jährige US-Präsident und der 80-jährige Jude innerhalb eines etwa zehn mal zehn Meter großen rechteckigen Platzes, der von einer Mauer aus Muschelkalk umgeben ist. Hier wird seit 2002 an die Opfer des »Kleinen Lagers« erinnert. Eine amerikanische Stiftung hat das möglich gemacht. Und auf einer Stele ist zu lesen, dass nach dem Krieg Gras, Büsche und Bäume über das Gelände und das Geschehene wuchsen. Während die DDR das Hauptlager von Buchenwald zur nationalen Gedenkstätte aufbaute, war ihr das »Kleine Lager« keine Aufmerksamkeit wert. Es passte nicht in das von der SED verordnete Geschichtsbild. Es war allein auf kommunistische Heldenverehrung und antifaschistischen Widerstand ausgerichtet.
Doch diese Vergangenheit steht nicht im Mittelpunkt des Buchenwald-Besuches von Obama. Er ist zum ersten Mal in ein früheres KZ gekommen, um sich mit eigenen Augen ein Bild von den Nazigräueln zu machen. Um vielleicht andeutungsweise verstehen zu können, warum sein Großonkel Charles Payne nach dem Krieg so ein verschlossener Mensch war. Warum er es nicht verkraftete, was er als 19-jähriger Soldat bei der Befreiung des Buchenwald-Außenlagers Ohrdruf 1945 gesehen hatte. Warum der Anblick der Leichen und der wenigen ausgemergelten Überlebenden ihn so aus der Bahn geworfen hatte. Vielleicht gehen Barack Obama, als er auf dem Gelände des »Kleinen Lagers« steht, die Erzählungen seines Großonkels durch den Kopf. Eine Minute lang verharrt der Präsident schweigend, die Augen geschlossen und die Hände gefaltet, zwischen den Muschelkalkmauern. Dann nimmt er eine weiße Rose in die Hand und legt sie vor sich nieder. Genau dort, wo in schwarzen Buchstaben »Auschwitz« steht.
Weiße Rosen. Sie sind die stillen Begleiter auf Obamas Weg durch die von Polizeikräften hermetisch abgeriegelte Gedenkstätte. Bereits zu Beginn seines Rundgangs hat er wie Merkel mit einer solchen Blume den Häftlingen von Buchenwald die Ehre erwiesen. Die Rosen liegen neben einer schlichten Stahlplatte, die im Boden des einstigen Appellplatzes eingelassen ist. Dort sind die Herkunftsländer der Opfer aufgelistet. Die Platte ist immer 37 Grad warm. Die Temperatur, die der menschliche Körper hat. Wenn er lebt.
Barack Obama in Buchenwald: Dieser Besuch, das hat er immer wieder betont, sei ihm ein persönliches Anliegen. Aber dem US-Präsidenten geht es selbstredend auch um große Politik. So ist seine jüngste Auslandsreise – von Kairo bis in die Normandie – eine perfekt inszenierte Botschaft. In der ägyptischen Hauptstadt streckt er mit seiner Rede an die muslimische Welt die Hand zum Dialog aus. Er lobt, schmeichelt, schlägt neue Töne an. Kooperation statt Konfrontation. Doch im ehemaligen Konzentrationslager und bei den Feiern zur Erinnerung an die Landung der Alliierten 1944 macht er mit seinen Worten deutlich, dass seine Art Dialog keinesfalls als Schwäche missverstanden werden sollte: Die NS-Verbrechen und die Schoa sind im kollektiven Gedächtnis Amerikas fest verankert. Dazu gehört, dass die Bande zwischen den Vereinigten Staaten und Israel trotz aller Kritik zum Beispiel am Siedlungsbau »unverbrüchlich« sind und bleiben. Wenn es gilt, das Böse zu bekämpfen, werden die USA stets bereit sein, auch militärisch das aus ihrer Sicht Notwendige zu tun.
Das betont der US-Präsident auch in seiner kurzen Ansprache nach dem einstündigen Lagerrundgang. »Ich werde nicht vergessen, was ich hier gesehen habe«, sagt er sichtlich bewegt. Dieser Ort habe nichts von seinem Schrecken verloren. »Wir müssen wachsam sein, dass so etwas nie wieder passiert.« Der Chef des Weißen Hauses tritt den Schoaleugnern in aller Welt entgegen, auch denen in Teheran: Buchenwald strafe ihre Worte Lügen. Hinter Obama ist die Uhr von Buchenwald zu sehen. Sie zeigt immer 15.15 an. Es ist der Zeitpunkt, an dem sich am 11. April 1945 für die Überlebenden von Buchenwald das Tor zur Freiheit öffnete.
Dass aus der Geschichte Verpflichtungen für die Gegenwart erwachsen, weiß auch Angela Merkel. »Ich verneige mich vor allen Opfern«, sagt die Kanzlerin. Gerade Deutschland müsse Terror, Antisemitismus und Extremismus entschlossen bekämpfen und sich für Freiheit, Frieden und Demokratie einsetzen.
Die letzten Worte an diesem denkwürdigen Tag spricht kein Politiker, sondern einer, der das Grauen selbst erlebt und überlebt hat. Anders als vom Protokoll geplant, tritt Elie Wiesel ans Mikrofon. Barack Obama hat für ihn Platz gemacht und den Mann mit dem zerzausten grauen Haar ermuntert zu reden. Das tut er eindringlich. Wiesel erzählt vom Tod seines Vaters, seiner eigenen Verzweiflung, von den Hoffnungen nach der Befreiung. Und er fragt, ob die Welt aus der Barbarei der Nazis etwas gelernt habe. Seine Antwort: »Ich weiß es nicht.« Der Friedensnobelpreisträger macht jedoch keinen Hehl daraus, dass es für ihn einen Hoffnungsträger gibt. Er heißt Barack Obama. Wiesel wendet seinen Kopf nach links, wo der Chef des Weißen Hauses steht. »Sie tragen unsere Hoffnung, Mister President.« Die Worte eines Mannes, der den Sieg des Guten über das Böse für möglich hält. Ungeachtet aller Grausamkeiten, die Menschen anderen Menschen überall auf der Welt antun, von Kambodscha und Ruanda bis nach Darfur.
Aber Barack Obama ist nur ein Mensch. Und das scheint er trotz aller Heilserwartungen, die mit seiner Person verknüpft werden, nicht vergessen zu haben. So war es vielleicht mehr als nur ein Bild für die Kameras, als er einige Stunden vor seinem Buchenwald-Besuch in der Dresdner Frauenkirche den Kopf leicht senkte und betete. Für den Frieden.

Ein strategischer Bomber der US Air Force vom Typ B-1B Lancer auf dem Stützüpunkt Fairford in England (Archivbild)

Washington

Nach Anschlagsdrohung: B1-Bomber in die USA zurückverlegt

Das US-Militär hatte einige seiner Bomber wegen des Iran-Krieges nach Großbritannien verlegt. Nun wurden diese nach einem Vorfall am Stützpunkt wieder in die USA zurückbeordert. Die Frage ist: Warum?

 05.10.2026

Josef Schuster

Berlin

Zentralrat: Linke muss Mitglieder bei Antisemitismus ausschließen

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, äußert klare Erwartungen an die Linkspartei in Bezug auf den innerparteilichen Kampf gegen Judenhass

 05.10.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026