Strengreligiös

Eine Stadt trägt Schwarz

von Ulrich W. Sahm

Jerusalem wird immer schwärzer. Und mit „schwarz“ ist keine politische Einstellung gemeint, sondern die „Uniformfarbe“ ultraorthodoxer Juden. Längst haben sich auch orientalische Juden und sogar Äthiopier dieser Mode aus dem „Schtetl“ Polens im 19. Jahrhundert angeschlossen: ein überdimensionaler Krempenhut auf dem Kopf, weißes Hemd und ein meist schlecht sitzender schwarzer Anzug. Weil sie stets ihren Hut tragen, bei Regen in eine Plastiktüte aus dem Supermarkt gehüllt, und sogar beim Spurt dem Bus hinterher, wenn der ihnen vor der Nase wegfährt, sind sie schon an ihrer Gangart zu erkennen. Anstatt mit großen Schritten zu rennen, wie es eilige Menschen tun, tippeln sie in winzigen Schritten, damit ihre kostbare Kopfbedeckung nicht davon fliegt.
Früher musste man sich nach Mea Schearim und in andere ausgewählte Viertel begeben, wo Spruchbänder auf Hebräisch, Jiddisch und Englisch auch Touristen auffordern, sich züchtig zu be‐
kleiden. Am Schabbat sind diese „Ghettos“ mit Polizeigittern für Autofahrer gesperrt. Wie sehr sich die orthodoxen Viertel in Richtung Norden und Westen ausweiten, kann man in der Gegend von „Schneller“ und beim Sitz des israelischen Fernsehens in Romema beobachten.
Auf dem Giebel von „Schneller“ steht noch mit gotischen Lettern „Syrisches Waisenhaus“. In dem verlassenen „deutschen Besitz“ hatte sich 1948 die israelische Armee eingenistet. Die Zufahrtsstraße bis „Schneller“ bleibt auch am Schabbat offen, aber man bekommt ein ungutes Gefühl, von giftig dreinschauenden Frommen umringt zu sein. Am heiligen Ruhetag flanieren sie auf der Fahrbahn und wünschen keine Störung durch sündige Autofahrer.
Gemäß einer Studie, die das Jerusalem‐Institut demnächst veröffentlichen wird, fallen 140.000 Jerusalemer (von 725.600 Einwohnern) unter die Definition „ultraorthodox“ und leben in „geschlossenen Enklaven“, um ihren Lebensstil zu bewahren. Die Autoren betonen, dass die Orthodoxen keineswegs eine homogene Gruppe seien. Sie unterteilen sich in Littauer, Chassiden und Sefarden unterschiedlicher Couleur, Kleidung und Gebräuchen. Das durchschnittliche Hochzeitsalter liege bei Orthodoxen bei 19,8 Jahren, bei weltlichen Juden bei 27,2. Die Kinderzahl wurde mit 7,7 gegenüber 2,6 ermittelt. Gleichwohl rechnen die Forscher damit, dass der Anteil der Orthodoxen bis 2020 nur von 30 Prozent heute auf 32 Prozent ansteigen werde.
„Wir blockieren, bisher mit Erfolg, eine Ausweitung der orthodoxen Viertel ins Stadtzentrum“, sagt Studienleiter Andreas Wagner im Schwedischen Institut, einer traditionsreichen christlichen Institution in der Haneviim‐Straße. Tatsächlich stoppen mehrere christliche Gebäude, eine französische Schule und eine äthiopische Kirche wie ein Sperrwall das „Überschwappen“ der frommen Viertel in das weitgehend weltliche Zentrum. Dort gibt es immer noch Läden, die treifene Schweineschnitzel und Schrimps verkaufen. Neue Restaurants bieten Steaks mit Sahnesoße an, aber bei Eldad veZehu, wo es einst Delikatessen aus unkoscheren Zu‐
taten gab, geht es inzwischen glatt koscher zu.
Sogar in der populären Flanierstraße Emek Refaim in der Deutschen Kolonie mit den hübschen alten Templerhäusern macht sich orthodoxer Einfluss zunehmend bemerkbar. Bei den meisten Restaurants muss man entscheiden, ob man fleischig oder milchig essen will. Und der kleine unauffällige Fleischer Diplomat hat zugemacht. Dort konnte man erstehen, was kein jüdischer Supermarkt oder Lebensmittelladen aus Rücksicht auf die Kundschaft verkauft.
Uri Ullmann, Berater des Bürgermeisters für Zukunftsstrategien, hat für diese Entwicklung eine originelle Erklärung: „Uns fiel auf, dass nach Ausbruch der Intifada im Herbst 2000 immer mehr Restaurants koscher wurden. Das hatte aber nichts mit dem Einfluss der Frommen zu tun.“ Der Grund sei einfach. Die Touristen blieben aus und so mussten sich die Speiselokale zunehmend auf die Jerusalemer Kundschaft einstellen. Ullmann erwartet, dass jetzt mit dem erneuten Touristenboom diese Entwicklung wieder umkehren werde.
Ganz ähnlich gibt es in Ostjerusalem nur noch ganz wenige Läden, etwa in der Christenstraße, wo man noch alkoholische Getränke erstehen kann. Auch unter den rund 250.000 Jerusalemer Arabern grassiert der religiöse Fundamentalismus, gemessen an der Zahl der Kopftuch tragenden Frauen.
Gleichzeitig täuscht der Eindruck, als sei Jerusalem mit dem ultraorthodoxen Uri Lupolianski als Bürgermeister „schwärzer“ geworden als unter dem liberalen Teddy Kollek. Während Kollek sich immer wieder mit den Orthodoxen anlegte, versteht es Lupolianski, sich mit ihnen zu arrangieren und allen Widerständen zum Trotz die Gay‐Parade zuzulassen oder das Stadtzentrum zu einem attraktiven Zentrum für jugendliches Nachtleben aufblühen zu lassen.
„Wir brauchen nicht mehr nach Tel Aviv fahren und die Tel Aviver kommen sogar zu uns“, erzählt eine 20‐Jährige, wenn sie gegen 1 Uhr nachts mit ihrem Freund loszieht zu den Bierschenken, zur lauten Musik und dem nächtlichen Basar für Wasserpfeifen. „Uri ist viel weltoffener als er aussieht“, verrät eine Mitarbeiterin des Bürgermeisters.
Jerusalem ist eine dynamische Stadt, wo sich selbst ein noch so orthodoxer Bürgermeister nicht voll durchsetzen könnte. Denn die Araber boykottieren die Bürgermeisterwahl. Im überwiegend arabischen Osten pulsiert das Leben am Schabbat, während im Westen die Bürgersteige hochgeklappt werden. Vor allem ärmliche Orthodoxe verlassen die Stadt wegen der hohen Wohnungspreise, während die Stadt‐
verwaltung weltliche Studenten aus Tel Aviv anlockt, um den jungen Multikulti‐Charakter der alten Stadt zu fördern.

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