Wissenslücken

»Eine riesige kulturelle Kluft«

Herr Menashri, Sie wollen eine Studie über den Holocaust konzipieren, ins Persische übersetzen und im Internet zugänglich machen. Warum?
menashri: Die Iraner wissen nicht viel über den Holocaust. Deshalb fällt die Propaganda des Regimes und vor allem des Präsidenten Ahmadinedschad auf fruchtbaren Boden. Ich möchte gerne einen Sammelband konzipieren, in dem eine Reihe namhafter Wissenschaftler die wesentlichen Fakten zum Holocaust darstellt. Dabei sollte es auch ein oder zwei Beiträge geben, die sich dem Thema »Holocaust‐Leugnung« im Iran und der islamischen Welt widmen.

Das Internet ist aber nur einer kleinen Gruppe zugänglich, die weltoffener als die Durchschnittsbevölkerung und vielleicht ohnehin mit den wichtigsten Tatsachen vertraut ist.
menashri: Selbst einige der reformorientierten Intellektuellen zeigen nicht viel Interesse an der Welt außerhalb des Iran. Auch Professoren an iranischen Universitäten kennen die europäische Geschichte kaum. Und notorische Holocaust‐Leugner wurden schon vor zehn Jahren zu einer Konferenz nach Teheran eingeladen. Dennoch gibt es viele Iraner, die wissen wollen, was es mit dem Holocaust auf sich hat. Sie müssen wir erreichen.

Begann die systematische Holocaust‐Leugnung mit der islamischen Revolution von 1979?
menashri: Nein, diese Obsession mit dem Holocaust gibt es bereits seit den vierziger Jahren. Man hat die Ermordung der europäischen Juden sehr wohl zur Kenntnis genommen und sie sofort mit der Gründung des jüdischen Staates in Verbindung gebracht, die ja unmittelbar darauf stattfand. Ohne Schoa kein Israel, war die Folgerung. Wenn es die Schoa nicht gab, dann hat Israel auch kein Recht zu existieren.

Aber hätte es einen jüdischen Staat nicht ohnehin gegeben? Schon vor dem Zweiten Weltkrieg gab es eine Selbstverwaltung, Parteien, Gewerkschaften, Infrastruktur. Es wäre also historisch falsch, Israels Existenzrecht vom Holocaust abhängig zu machen.
menashri: Ja, die britische Regierung hatte mit der Balfour‐Deklaration schon 1917 eine jüdische Heimstatt in Aussicht gestellt. Und die jüdische Bevölkerung in Palästina verfügte vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs über alle wichtigen Institutionen. Aber es fehlte die offizielle Anerkennung Israels. Der Schrecken über das ganze Ausmaß der Nazi‐Verbrechen hat ohne Zweifeldie Gründung des Staates beschleunigt. Ich habe nichts dagegen, über die Verknüpfung von Holocaust und Staatsgründung zu debattieren. Die Gründung Israels wurde ja auch im Westen als Lösung für das jüdische Problem aufgefaßt. Araber und Iraner fragen sich zu Recht, warum der Nahe Osten für den Antisemitismus Europas büßen mußte. Umgekehrt können wir argumentieren, daß in der Schoa sechs Millionen potentieller Einwanderer ermordet wurden. Eine Diskussion ist völlig legitim. Aber unter keinen Umständen können wir akzeptieren, daß ein geschichtliches Ereignis von solcher Tragweite geleugnet wird.

Wäre mit einer solchen Studie der Anfang gemacht, die Folgen des Holocaust vernünftig zu debattieren?
menashri: Unterschätzen Sie nicht den politischen Druck, der im Iran herrscht. In den arabischen Staaten ist die Leugnung eine gesellschaftliche Tatsache, die nicht wirklich offen von den Machthabern unterstützt wird. Im Iran gibt der Präsident und damit der ganze Machtapparat des Regimes die Linie vor. Es ist ungemein schwer für Intellektuelle, sich gegen diese Politik zur Wehr zu setzen oder sie auch nur offen zu hinterfragen. Sie müßten jederzeit mit Repressionen rechnen. Dennoch muß man sich wenigstens bemühen, der Unwissenheit entgegenzuwirken.

Gibt es für das Projekt schon finanzielle Unterstützung?
menashri: Nein. Ich hatte diese Idee tatsächlich erst während der von der Bundeszentrale für Politische Bildung und dem Zentrum für Antisemitismusforschung organi sierten Konferenz in Berlin. (vgl. Jüdische Allgemeine Nr. 50) Ich war beeindruckt, wie ernst dieses Thema in Deutschland genommen wird. Mir wäre es vor allem wichtig, muslimische Autoren zu gewinnen, um die Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Auch möchte ich auf jüdische Autoren oder eine Finanzierung durch Israel verzichten. Auch als Übersetzer möchte ich gerne Iraner gewinnen.

Weil man die Studie sonst als »jüdisches Machwerk« denunzieren könnte?
menashri: Genau. Ahmadinedschad behauptet ja zweierlei. Erstens: Den Holocaust gab es nicht. Diese »Informationslücke« unter Iranern können wir mit einer solchen Studie füllen. Die zweite Behauptung ist komplexer: Es gab den Holocaust, aber niemals in diesem Ausmaß. Außerdem nützen ihn die Zionisten für ihre Zwecke aus, in dem sie die ganze Welt moralisch erpressen. In der arabischen Welt kommt noch eine schizophrene Argumentation hinzu: Es gab keinen Holocaust, aber heute wird er von den Zionisten an den Palästinensern begangen. Ich bin sicher: Wenn man mehr wüßte und beginnen würde, das Ausmaß dieses Verbrechens zu begreifen, würde man auch besser verstehen, warum es Juden und die gesamte die westliche Welt so beschäftigt.

Sie sprechen immer über »Zionisten«?
menashri: Weil – und das ist ebenfalls sehr gefährlich – der Unterschied zwischen Juden und Israelis genau in diesem Zusammenhang immer mehr verwischt wird. Der Konflikt mit Israel, der in seinem Kern politisch ist und nicht religiös, wird zu einem Konflikt mit allen Juden.

Sollte Ihre Studie nicht auch ins Arabische übersetzt werden?
menashri: Ganz bestimmt. Aber mein Spezialgebiet ist der Iran. Arabische Wissenschaftler in Washington arbeiten derzeit an einer Studie über die Leugnung des Holocaust. Dennoch: In der muslimischen Welt begreift man gar nicht, welche Sensibilitäten in der westlichen Welt mit dem Holocaust verbunden sind. Hier öffnet sich eine riesige kulturelle Kluft. Im Westen ist die Schoa zum universalistischen Symbol des Bösen geworden. Ahmadinedschad hingegen versucht, mit der Leugnung eine geistige Vorherrschaft zu gewinnen.

Sollten auch deutsche Wissenschaftler einen Beitrag leisten?
menashri: Ich fände es sehr schön, wenn die Bundeszentrale für Politische Bildung mich in diesem Vorhaben unterstützen könnte. Auf das Zentrum für Antisemitismusforschung müßten wir leider verzichten. Allein deren Namen könnten staatliche iranische Stellen zum Vorwand nehmen, das ganze Unterfangen zu sabotieren.

Das Gespräch führte Sylke Tempel.

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