Auguststrasse

»Eine jüdische Zukunft«

Von den Decken blättert die Farbe. In der Turnhalle hängt eine Kletterwand aus den 30er‐Jahren. Und in den Klassenzimmern riecht es noch nach DDR‐Putzmitteln, als die Jewish Claims Conference (JCC) das Gebäude der ehemaligen jüdischen Mädchenschule am vergangenen Mittwoch der Jüdischen Gemeinde zurückgegeben hat. Der Häuserkomplex Auguststraße 11–17 in Berlin‐Mitte ist nun wieder vollständig im Besitz der Gemeinde.
Bei der Übergabe des Gebäudes bedankt sich die Gemeindevorsitzende Lala Süsskind für die »konstruktive Zusammenarbeit« mit der Claims Conference. Ein Jahr lang haben der Finanzdezernent Jochen Palenker und Geschäftsführer André Lossin mit den Vertretern der Organisation verhandelt. Die Claims Conference ist ein Zusammenschluss jüdischer Verbände und vertritt seit ihrer Gründung 1951 Entschädigungsansprüche jüdischer Opfer des Nationalsozialismus und Holocaust‐Überlebender. In den 90er‐Jahren waren von der JCC bereits die Grundstücke Auguststraße 14–17 übertragen worden. Mehr als zehn Jahre hatte sich die Gemeinde auch um eine Rückgabe der ehemaligen Mädchenschule bemüht – erfolglos. Wieso es lange Zeit so schwierig war, eine Einigung zu erzielen, deutet Süsskind nur an. »Es kommt darauf an, wie man miteinander verhandelt«, sagt sie. »Beide Seiten dürfen nichts Unmögliches fordern. Keiner darf sich übervorteilt fühlen.«
Der Direktor der »Claims Conference Nachfolgeorganisation«, Roman Haller, lobt die gemeinsamen Verhandlungen: »Wir haben erkannt, dass wir am selben Strang ziehen und dieselben Interessen haben: eine jüdische Zukunft für das Gebäude«, sagte er. Gerade dass das Haus wieder eine Schule werden solle, habe die Vertreter der Claims Conference überzeugt.

Sanierung Die Gemeindeführung will die einstige Mädchenschule als zusätzliches Raumangebot für die Jüdische Oberschule nutzen, die sich in der Großen Hamburger Straße in unmittelbarer Nachbar‐ schaft befindet. Formelle Beschlüsse über die künftige Nutzung des Gebäudes gibt es noch nicht. Und bevor in dem Komplex wieder Unterricht stattfinden kann, muss noch viel Geld ausgegeben werden. Süsskind spricht von Sanierungskosten »in einstelliger Millionenhöhe«. Dafür seien öffentliche Mittel notwendig.
Architekt Markus Benedikt Müller führt durch die Räume, schwärmt von dem lichtdurchfluteten Treppenhaus, den geräumigen Fluren, den Dachterrassen und den hellen Klassenzimmern. »Im Gegensatz zu anderen Schulen ist die Mädchenschule kein monumentales Gebäude. Man fühlt sich nicht klein«, sagt Müller. Er vermutet, dass sich die Schülerinnen hier einst wohlgefühlt haben. 1930 wurde die Mädchenschule von Alexander Beer erbaut. Der Ar‐
chitekt plante auch das jüdische Waisenhaus in Pankow und die Synagoge am Fraenkelufer. 450 Mädchen drückten zu‐
nächst die Schulbank. Nach 1938, als Juden keine regulären Schulen mehr besuchen durften, waren es über 800 Schülerinnen. 1942 wurde die Einrichtung geschlossen.
Markus Benedikt Müller ist als Architekt für Grundsicherungsmaßnahmen in den anderen Gebäuden zuständig. Das ehemalige Siechenhaus, das man heute als Pflegeheim bezeichnen würde, ist eingerüstet. Der einsturzgefährdete Dachstuhl wird erneuert. Im Haus des ehemaligen jü‐
dischen Kinderheims Ahawah bedrohte der Schimmel das Holzgerüst, weil die Re‐
genwasserrohre jahrelang in den Boden führten und das Gebäude feucht wurde. Erste Sicherungsmaßnahmen sind abgeschlossen.

Konzepte Zur Zukunft des Gebäudeensembles wurden der Repräsentantenversammlung im vergangenen Jahr verschiedene Konzepte vorgestellt. Neben der Oberschul‐Erweiterung sind auch das Konzept für ein Jugendhotel und ein Mehrreligionen‐Haus im Gespräch. Babel‐TV‐Macherin Róza Berger‐Fiedler vertritt die Idee des Jugendhotels. Doch das Wort Hotel treffe ihr Konzept nicht ganz. »Ich stelle mir ein Jugendzentrum vor, in dem die Gäste auch schlafen können«, sagt sie. Im Torhaus am Eingang Auguststraße möchte die Produzentin und Dokumentarfilmerin gerne eine Medienschule einrichten.
Kantorin Avitall Gerstetter schlägt das Mehrreligionen‐Haus vor: Studierende al‐
ler Religionen und Kulturen sollen dort drei bis sechs Monate miteinander lernen können. International renommierte Professoren würden nach dem Willen der Initiatorin in der Akademie Religion, Philosophie, Journalismus, Kunst und Kultur un‐
terrichten. Es soll ein Campus für Toleranz und Respekt sein. Die Realisierung ist jedoch nicht so einfach, da Sponsoren aufgrund der weltweiten Wirtschaftskrise abgesprungen seien. Ein Förderer ist gefun‐
den, der die Finanzierung des Projekts nun erst einmal anschieben soll: Die traditionsreiche Manufaktur Meißen will exklusive Judaica aus Porzellan anbieten – Kidduschbecher, Pessachteller, Menora – und damit einen Beitrag für das »visionäre Projekt« leisten.
Welches Konzept realisiert werden kann, wird sich zeigen. Lala Süsskind freut sich erst einmal darüber, dass die Gemeinde durch die Übereignung die Möglichkeit zur zukünftigen Nutzung erhält. Es bestehe jetzt die Möglichkeit, sagt die Gemeindevorsitzende, »an dieser Stelle wieder endgültig jüdisches Leben zu etablieren«.

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