new York

Eine Frage der Moral

In großen Teilen der amerikanisch-jüdischen Gesellschaft herrscht ein ungeschriebenes Gesetz: »Es darf uns in den Augen der Gojim keine ›Shande‹ bringen.« Seit der Verhaftung von 16 orthodoxen Juden wegen des Verdachts auf Geldwäsche und des Organhandels ist das Wort »Shande« innerhalb der jüdischen Gemeinschaft allerdings in aller Munde.
Kurz nach Bekanntwerden der Vorwürfe schrieb Mark Charendoff, Präsident des Jewish Funders Network, einen Leitartikel in der »New York Jewish Week«, in dem er die Gemeindeführer aufforderte, zu überprüfen, ob »irgendetwas« in der Welt des orthodoxen Judentums der Korruption einen »fruchtbaren Boden« bereitet hätte. Für ihn als orthodoxen Juden stehe die Orthodoxie für ein moralisches Verhalten, das das Gemeinschaftsleben bessert. Aber »nicht nur orthodoxe Juden sind in Kriminalität verstrickt, sondern orthodoxe Führer. Das ist äußerst besorgniserregend.«
Azriel Fellner, ein konservativer Rabbiner, der in einer modern-orthodoxen Familie groß wurde und eine orthodoxe Jeschiwa besuchte, sieht die Schuld in der »Iso-
liertheit« von Gruppen wie der syrisch-jüdischen Gemeinde mit 75.000 Mitgliedern.
Diese Abschottung »gehört zu den wesentlichen Gründen, dass sie glauben, sie dürften so etwas tun«, sagte Fellner, früher religiöser Leiter des Beth-Shalom-Tempels in Livingston, New Jersey. »Sie sind der Meinung, niemand von außerhalb dürfe über sie richten. Und sie sind in allem, was sie tun, selbstgerecht.«
Ein Sprecher der ultraorthodoxen Agudath Israel of America widerspricht. Solche Analysen ignorierten die positiven Seiten der engen Verbundenheit innerhalb dieser Gemeinden. »Sicherlich rufen die jüngsten Skandale in uns Scham hervor. Doch zur gleichen Zeit sind wir der jüdischen Tradition verpflichtet, aufgrund der Vorwürfe nicht automatisch auf Schuld zu schließen«, meinte Rabbiner Avi Shafran, Direktor für öffentliche Angelegenheiten von Agudath zu den Korruptionsermittlungen. Die Vorwürfe gegen religiöse Juden »werfen ein negatives Licht auf uns und sind ein göttliches Zeichen, dass irgendetwas in unserem Leben tatsächlich falsch läuft. Wenn wir alle so lebten, wie wir unserem Glauben nach leben sollten, könnten solche Dinge nicht geschehen.«
Adrienne Asch, Leiterin des Ethik-Zentrums an der Yeshiva University, ist der Ansicht, die jüdischen Gemeinden müssten gegen ein Ethos ankämpfen, das dazu verleite, Missetäter vor den prüfenden Blicken der Öffentlichkeit zu schützen. »Es ist höchste Zeit für Juden, sich der Tatsache zu stellen, dass es unter ihnen Kriminelle gibt, genau wie überall sonst«, sagte sie. »Wir können nicht Verbrecher schützen aus Angst vor Verfolgung. Wir müssen uns öffentlich aussprechen für das, was fair und gerecht ist.«
Etzion Neuer, Direktor der Anti-Defamation League (ADL) für die Region New Jersey, befürchtet, dass die Festnahmen in den Medien ausgeschlachtet werden. »Leider sind Themen wie dieses ein gefundenes Fressen für Berufsantisemiten.« Rabbiner Avi Shafran warnt dagegen vor einer Medienschelte: »Unter den Verhafteten waren nicht nur vom Äußeren erkennbare orthodoxe Juden, sondern auch Rabbiner. Wir können nicht erwarten, dass die Medien diese Tatsache ignorieren.« Robert Wiener

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