PLO-Tuch

Ein Quadratmeter Politik

von Dirk Hempel

Es ist nur ein Tuch. In Schwarz und Weiß, mit einfachem Muster und einer komplexen Geschichte. Einst galt es als revolutionär, subversiv, radikal; heute ist es angesagt, trendy, hip: das Pa‐lästinensertuch, auch Keffiyah oder Shemag genannt. Bundeswehrsoldaten in Af‐
ghanistan tragen es genauso wie die Teenager aus Schweden, der linke Revoluzzer mit den langen Rastalocken ebenso wie die Stars der Modeszene. Auch der vorbestrafte Neonazi oder der türkische Gemüsehändler legen es sich um den Hals.
Das Palästinensertuch ist »in«. Zum Bei‐ spiel in Berlin‐Mitte, wo sich alles um Stil und Mode dreht. Friseure heißen hier »Haarwerkstatt« und »House of Hair«, mittags isst man japanische Nudeln oder Bagels. In den engen Straßen, in denen einst Heinrich Zille das Berliner Milieu studierte, wird heute auf Englisch, Französisch und Italienisch parliert. Gelegentlich sind auch Wortfetzen in Russisch oder süddeutsche Dialekte zu hören. Hier gibt es viele kleine Modelabels für den gehobenen Geschmack und die strapazierbare Kreditkarte. Die kleinen Geschäfte sind das Ziel derjenigen, die hier auch bei bedecktem Himmel ihre Sonnenbrille spa‐ zieren tragen und ununterbrochen das Handy am Ohr führen. Kaum ein Geschäft hat hier eine Fläche von mehr als 100 Quadratmetern, auch das Powerbook auf dem Ladentisch und die seichte elektronische Musik scheinen zwingend dazuzugehören. In dieser Gegend liegt »Lala Berlin«, der Laden von Leyla Piedayesh. Die Einrichtung ist schlicht, sie besteht im Wesentlichen aus zusammengezimmerten Holzlatten, die in mattem Weiß la‐ ckiert sind. Bestandteil der aktuellen Kollektion ist ein »egyptian triangle scarf« – eine Neuauflage des Palästinensertuchs aus 100 Prozent Kaschmir, für 300 Euro zu haben.
Bei solch einem Preis muss Karo aus Baden‐Württemberg erst mal ihre Eltern fragen: »Ich hätte schon gern so einen Kaschmir‐Schal«, sagt sie mit leicht quengelndem Unterton. Als ihre Eltern einwilligen, entscheidet sie sich aber doch für ein anderes Muster. Neben der leicht abgewandelten Kaschmir‐Variante des Palästinensertuchs bietet »Lala Berlin« schließlich auch noch andere wilde Motive: Totenköpfe, pinkfarbene Skelett‐Umrisse, gekreuzte Säbel oder fünfzackige Sterne.
Keine 100 Meter weiter findet sich das Rautenmuster, das jahrzehntelang den Kopf der Palästinenser‐Ikone Jassir Arafat schmückte, in anderer Form wieder. Als Kissenbezug, Umhängetasche oder ebenfalls als abgewandelte Schal‐Version, diesmal allerdings aus reiner Seide, für nur 75 Euro. Die Einrichtung des »StarStyling« ähnelt der von »Lala Berlin«. Ein gelber Holzzaun grenzt den Verkaufsraum ein, die Decke ist unverkleidet, Kabel und Karabinerhaken hängen herab, und mitten im Raum liegt ein großer schwarzer Hund auf einem Kissen mit »Pali«-Muster.
Die Macher von »StarStyling« sind mit Piedayesh befreundet. Sie waren schon vor einigen Jahren auf die Idee gekommen, das einfache Muster der arabischen Kopfbedeckung in neuer Form aufzulegen. Anfangs gab es damit Probleme. »Das war kurz vor den Attentaten am 11. September 2001, und in den nächsten Tagen verzeichneten wir jede Menge Stornierungen«, erinnert sich Katja Schlegel von »StarStyling«. Es geht eben nicht nur um ein zweifarbiges Rautenmuster. Das simple Kleidungsstück, das für die Beduinen auf der arabischen Halbinsel eine Doppelfunktion erfüllt – tagsüber als Sonnenschutz, nachts als wärmender Schal –, ist wie kaum ein anderes in den vergangenen 80 Jahren zum Politikum und zum Symbol geworden.
In den dreißiger Jahren wurde es zum arabischen Fanal

gegen die jüdische Einwanderung stilisiert, danach trug PLO‐Chef Jassir Arafat den schwarz‐weißen Kopfschmuck in die Welt hinaus: ob als junger Terroristenführer mit Sonnenbrille und geschulterter Maschinenpistole oder bei seinem ersten großen diplomatischen Auftritt 1974 vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen oder 1993, als er zusammen mit dem damaligen israelischen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin und dem heutigen Staatspräsidenten Israels, Schimon Peres, den Friedensnobelpreis entgegennahm. Immer trug er die markante Kopfbedeckung als sein Markenzeichen. Und so wurde aus der Keffiyah in der öffentlichen Wahrnehmung das Palästinensertuch, kurz auch PLO‐Tuch genannt.
Die westliche Linke greift dieses Symbol gerne auf, besonders in Deutschland entwickelt sich plötzlich eine große Nachfrage nach dem ein Quadratameter gr0ßen karierten Schutz vor Sonne und Kälte. Studenten tragen es schon Anfang der siebziger Jahre, später Autonome. In welchem Milieu das Palästinensertuch zuerst Einzug hielt, lässt sich heute noch gut nachvollziehen. In Kreuzberg, wo der Friseur noch Friseur heißt, wo in einem Café Männer Tee trinken und mit lautem Klappern Domino spielen. Dort, wo einige Jugendliche gelangweilt herumstehen, aus deren Mobiltelefonen blecherne Musik dröhnt und

Satellitenschüsseln auf den Balkonen obligatorisch sind. Und mittendrin gibt es ein kleines Geschäft, das sich als antikapitalistisch versteht: »M99‐Gemischtwarenladen mit Revolutionsbedarf«. Hier wird das neumodische Accessoire mit eindeutig politischer Konnotation als »PLO‐Tuch« angeboten, für fünf Euro das Stück. Im Angebot auch Bio‐Espresso (»Italienische Röstung«) von zapatistischen Kaffeekooperativen. Es liegen Zeitschriften aus wie »radikal«, »analyse und kritik«, »Graswurzel‐Revolution« und »Der Sympathisantenschlumpf«. Von der Decke hängen weiße Schutzhelme, die ganz offensichtlich aus Polizeibeständen stammen; an den Kleberesten ist noch das sternförmige Hoheitszeichen der Ordnungsmacht zu erkennen. Hier gibt es die Tücher aus dem Nahen Osten in Lila, Gelb, Blau, Grün, Rot oder Schwarz‐Weiß. Signalisieren die Farben unterschiedliche politische Ausrichtungen? »Na klar«, sagt ein hagerer Mann, der sich etwas lustlos vom Computer in der hintersten Ecke loseist. »Das ist so ‹ne klassische Auseinandersetzung: Anarchisten nehmen lieber schwarz‐weiß, die Kommunisten eher rot‐weiß.« Und was ist mit den bunten Alternativen? »Manche wollen es eben eher ein bisschen individualistischer. Ist ja auch wieder angesagt.«
Eigentlich sollte man es in einem traditionellen Devotionalienladen der radikalen Linken etwas genauer wissen. Als sich Anfang der siebziger Jahre das einstige Beduinen‐Utensil als Symbol der Palästinenser zu etablieren begann, wollte sich der linke PLO‐Flügel farblich absetzen. Vor allem die »Volksfront zur Befreiung Palästinas«, die gemeinsam mit deutschen Terroristen so manchen Anschlag auf Israelis durchführte, wählte eine weiß‐rote Keffiyah als Symbol. Funktionäre der erst später aufkommenden Hamas hielten wenig vom großen Stofftuch. Sie bevorzugten einen schmalen Schal mit dem Bild der Al‐Aksa‐Moschee. Heute tragen die Kämpfer der Hamas lieber martialische schwarze Masken und grüne Stirnbänder.
Der Neonazi Christian Worch trägt hingegen gerne einen Palästinenserschal. Mal in Rot, mal in Schwarz. Die einst so unterschiedliche Bedeutung der Farben ist für ihn unerheblich: »Ich kenne mich da unten nicht so genau aus, und das interessiert mich auch nicht.«

Dabei ist das Kleidungsstück für Worch »keine Frage der Mode«. Der vorbestrafte Rechtsextremist begreift das Rautenmuster um seinen Hals als »eine politische Manifestation für das palästinensische Volk«. Seit einigen Jahren geben sich Rechtsextremisten wie Christian Worch gerne »revolutionär« und eignen sich Symbole der linken Szene an. Dazu gehörten eben nicht nur schwarze Kapuzenpullover und Baseballcaps, sondern eben auch das Palästinensertuch, sagt Ulli Jentsch vom »Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungs zentrum«.
Viele kümmert der politische Gehalt des Palästinensertuchs jedoch herzlich wenig. Svenja, junge Schwedin auf Berlin‐Besuch, findet, dass das Kleidungsstück doch gut zu ihren blonden Haaren passe. Auch der US‐Schauspieler Johnny Depp hat sich schon einmal mit Arafats Kopfbedeckung ablichten lassen. Bei eBay im Internet gibt es ein »Girlie‐Paket« bereits ab 1,99 Euro. Der Inhalt: ein Totenkopf‐Armband, je ein Aufnäher »Gegen Nazis!«, »Stinkefinger« und »Punk not Dead«. Dazu ein PLO‐Tuch und eine kleine Tasche mit Blumen.
Bei der Bundeswehr in Afghanistan oder US‐Soldaten im Irak erfreut sich die Keffiyah ihrer ursprünglichen Bedeutung – als Schutz vor Sonne und Kälte. In den USA wurde darüber diskutiert, ob das politisch opportun ist. Die Designerin Katja Schlegel von »StarStyling « macht sich darüber auch ihre Gedanken: »Als Künstler sind wir sicherlich ein wenig naiv«, sagt sie. »Aber das ist okay, Künstler dürfen naiv sein.«
In Israel gibt es eine ganz andere Variante des politisierten Kleidungsstücks: in Weiß und Blau, mit einem Muster aus Davidsternen. Doch auch diese wird mit Skepsis betrachtet, gilt die Keffiyah doch vielen Israelis als Symbol des Terrors. Gemusterter Stoff, zwei Farben – das ist eben eine lange und schwierige Geschichte. Und mehr als nur ein Tuch.

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