begegnung

Ein Nobelpreisträger als Filmstar

Man nennt ihn den »Rockstar der Gehirnforschung«. Für seine Forschungen zum Gedächtnis hat er den Medizinnobelpreis bekommen. Jetzt ist Eric Kandel auf der Leinwand zu sehen. Auf der Suche nach dem Gedächtnis heißt der Film, der zur Zeit in über 40 deutschen Kinos läuft.
Ich sitze im Berliner Interconti. Gleich soll der berühmte Mann erscheinen – da ist er auch schon. Und zwar ziemlich flott. Dabei ist Kandel fast achtzig. Aber immer gut drauf, ein prima Kommunikator. Er gibt gern Interviews, geht in Fernsehshows ‚um seinen Forschungsgegenstand zu erklären. So zeigt ihn auch der Film.
Kandel findet den Streifen voll okay, sich darin aber nicht. »Ich wusste nicht, dass ich den ganzen Tag herumgehe und so komisch lache.« Er lacht. Zur Demonstration. Stimmt. Das ist schon sehr eigen. Ein bisschen forsch sei sein Umgang mit den Mitmenschen. »Die eine Szene in dem Film – in Brooklyn, wo ich die Wohnung meiner Kindheit suche – die Leute in dem Haus kennen mich doch gar nicht!«
Eric Kandel erzählt auf Deutsch, Jiddisch und Englisch. Als Kind musste er vor den Nazis aus Wien nach New York emigrieren. Dort ging er zur High School. Auf der Schule wurden zwei Stipendien für Harvard vergeben. Unter 1.400 Schülern. Kandel erhielt eines. Er studierte Psychologie und Medizin.
»›Niemals vergessen‹ lautete die Losung der Juden nach 1945«, sagt er. »Meine Arbeit widmete ich fortan den biologischen Grundlagen dieses Mottos. Den Prozessen im Gehirn, die uns zur Erinnerung befähigen.« Kandel wies nach: Lernprozesse verändern die Biologie des Gehirns. Ob und wie zum Beispiel Psychoanalyse wirkt, kann man empirisch nachweisen. Kandel hat das getan. Heute arbeitet er an wirksamen Medikamenten gegen Alzheimer, der Krankheit des Vergessens.
Ob man nicht eventuell besser durchs Leben komme, wenn man vergessen kann, zum Beispiel, wenn man schwer traumatisiert ist?, frage ich ihn. Nein, sagt Kandel. Erinnerungen sind ihm alles. »Ohne sie wären wir nichts.« Erinnerungen sind für den Forscher nicht weniger als der Faktor des Menschseins. Es gäbe genug Mechanismen, die ein Erinnern erschwerten: »Es ist sehr schwer, etwas im Langzeitgedächtnis abzuspeichern.« Und dort geht es nicht besonders nachhaltig zu. Auch ist der Mensch sterblich. »Erinnerungen landen nicht im Sperma«, sagt Kandel. Dafür gebe es aber immerhin eine Art kollektives Gedächtnis, Kultur genannt. »Die kulturelle Evolution dient dazu, Wissen und Verhalten von einer Generation auf die nächste zu übertragen.«
Kandel kommt zu den Erinnerungen, die sein Leben bestimmt haben. Die an den Holocaust. Die Tünche der Zivilisation hält er für dünn, daraus macht der Nobelpreisträger kein Hehl. Man habe sich oft gefragt, wie die Leute in Deutschland, die so intelligent waren, so schlecht sein konnten. »Wie konnten Ärzte im KZ Buchenwald zu Mördern werden, wo sie doch geschworen hatten, Menschenleben zu retten. Die haben gesagt: ›Ich habe Menschen gerettet. Die Juden waren eine Krankheit.‹ Das war Perversion.« Deshalb sei es besser, gewisse Vorkehrungen zu treffen. Es gäbe verschiedene Programme im Hirn für verschiedene Situationen. »Die Befähigung des Menschen zum Guten macht Demokratie wünschenswert, die Befähigung zum Bösen macht sie notwendig.«
Und nach dem Tod? Was kommt dann? »Die Wissenschaft hat wenig über die Religion zu sagen«, antwortet er philosophisch. Eric Kandel glaubt, dass die Wissenschaft zum besseren Leben im Diesseits dienen soll. Und dann persönlich: »Da kommt nichts. Ich freue mich nicht darauf.«
Die Zeit ist um. Ich gehe mit dem Gefühl, dass der Gehirn‐Rockstar mir an diesem Morgen ein Privatkonzert mit Zugabe gegeben hat. Vergessen werde ich es so schnell nicht. Jürgen Kiontke

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