rechtsradikale Gewalt

„Ein Mord aus der Mitte der Gesellschaft“

Herr Veiel, warum haben Sie einen Film über den rechtsradikalen Mordfall in Potzlow gedreht, über den in den Medien bereits ausführlich berichtet wurde?
veiel: Vielleicht gerade darum. Ich bin häufiger von Berlin aus in diese Gegend gefahren und hatte das Gefühl, mich mit dem Mord auseinandersetzen zu müssen, um noch einmal dort hinfahren zu können. Ich wollte verstehen. Als der Rummel vorüber war, stellten wir unsere Fragen, aus den ersten Gesprächen wurden monatelange Interviews, daraus ein Theaterstück. Schließlich entstand die Idee zum Film.

Was bezwecken Sie mit dem Film?
veiel: Es ging mir darum, Fragen und Brüche zuzulassen, den Tätern ein menschliches Gesicht zu geben, die Jungen entgegen den Berichten und der Medienstimmung nicht als rechtsextreme Monster dastehen zu lassen. Die eigentliche Provokation ist, daß man sich solche Täter als Menschen vorstellen muß.

Sie würden diesen Mord nicht als monströs bezeichnen?
veiel: Selbstverständlich ist das eine Tat von unbeschreiblicher Grausamkeit. Es gab dazu mehrere direkte Zeugen der Folterung von Marinus, auch Erwachsene, die zugesehen und nichts verhindert haben. Trotzdem ist es voreilig, von diesen Menschen auf das ganze Dorf zu schließen. Vieles paßt nicht in die erwarteten Klischees. Die Täter stammen aus einer unauffälligen Familie. Die Eltern sind weder Alkoholiker noch arbeitslos, noch haben sie ihre Kinder mißhandelt. Auch die in solchen Fällen häufig bemühte Entschuldigung der drohenden Arbeits‐ und Perspektivlosigkeit trifft auf die Jugendlichen nicht zu. Gerade das macht die Tat unheimlich. Es gibt Hunderttausende ähnliche Familien. Die Tat entspringt aus der Mitte der Gesellschaft.

Im Film sagt eine Zeugin über das Opfer: „Sein Todesurteil hat er unterschrieben, als er sagte, er sei Jude.“ Also eine klar antisemitische Tat – oder?
veiel: Das denke ich nicht. Die Täter selbst hatten vermutlich gar keine Idee, was „Jude“ eigentlich bedeutet. Sie folgten bei der Tat einer Art Stufenleiter der Demütigung. Es begann mit Beschimpfungen, ging über in Folter, den Zwang, Alkohol zu trinken, körperliche Demütigungen bis hin zum Urinieren auf das Opfer. Im Rahmen dieser Demütigungen fiel der Begriff „Jude“, der von den Jungen als Begriff der Entwertung betrachtet wird und relativ weit am unteren Ende ihrer Skala möglicher Entwertungen steht. Ob dieses Eingeständnis von Marinus, das auf das Drängen einer Zeugin erfolgte, damit „endlich Ruhe“ sei, tatsächlich den Impuls zur Tat gegeben hat, kann man natürlich schwer beurteilen.

Trotzdem hat die Tat eine erschreckend antisemitische Symbolik.
veiel: Die Tatsache, daß die Täter ihr Opfer durch das Dorf schleppen, in den Stall treiben, ihn zwingen auf allen vieren herumzukriechen und in den Schweinetrog zu beißen, öffnet grauenvolle Assoziationen. Aber das sind unsere Bilder, nicht die der Täter. Sie haben einen Ort gesucht, wo sie Marinus ungestört quälen können und dabei nicht an ein KZ gedacht.

Sie glauben also nicht, daß die Täter historischen Vorbildern folgten?
veiel: Die Täter verfügen über ein erschreckendes historisches Unwissen. Offen wurde sich in der Familie mit der Vergangenheit nie auseinandergesetzt. Der Bruder des Großvaters war bei der Waffen‐SS und hat sich bei Kriegsende erschossen. Der Großvater mußte bei Kriegsende miterleben, wie seine Eltern von den Russen stranguliert wurden. Die Großmutter wurde von Russen vergewaltigt. Sie wurde schwanger und setzte das Kind später aus. Jedes dieser Ereignisse wurde einbetoniert, es wurde nie darüber gesprochen.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen diesem Totschweigen der Vergangenheit und der bei dem Mord zutage‐ tretenden nationalsozialistischen Symbolik?
veiel: Nein, das wäre zu simpel. Ich glaube, daß diese Gewalterfahrungen sich verkapseln, möglicherweise in der Generation der Nachkriegseltern (also der zweiten Genera‐ tion) nur latent sichtbar werden, zum Beispiel in Form großer Hilflosigkeit, Ängstlichkeit, und damit dem Problem, Grenzen zu setzen. Das kann in der dritten Generation anders sein. Dort kann manches aufbrechen, stellvertretend für die erste und zweite Generation. Das sind skizzenhafte Überlegungen, die den Mord an Marinus Schöberl keinesfalls erklären können. Dennoch erscheint es mir notwendig, sie überhaupt wahrzunehmen.

Ich höre da fast so etwas wie Mitleid heraus. Sind Sie auf der Suche nach einer Art ‚Opfer‐Charakter’ der Täter?
veiel: Ich versuche eine Gratwanderung: Verstehen ja, Verständnis nein. Es geht nicht darum, die Täter zu Opfern zu machen, die Tat also auf diese Weise zu entsorgen. Andererseits muß ich verstehen, wer die Täter sind und was sie angetrieben hat.

In Ihrem Film verkörpern zwei Schauspieler auf einer Bühne abwechselnd 20 Personen. Das einzige Bühnenbild ist ein beleuchteter Container mit Glaswand. Wieso diese minimalistischen Stilmittel?
veiel: Die Gewalt der Tat ist allein durch die Schilderung so stark, buchstäblich gewaltig und überwältigend beim Zuhören, daß es keiner Abbildung bedarf. Außerdem gab es zahlreiche Abbildungen und bildliche Darstellungen in den verschiedenen Zeitungen unmittelbar nach der Entdeckung von Marinus’ Leiche. Die haben aber einen relativ geringen Erkenntniswert.

Der Container, in dem Auszüge der Verhöre dargestellt werden, erinnert an den Glaskasten, in dem Adolf Eichmann während seines Jerusalemer Prozesses saß.
veiel: Die Assoziation ist nicht unerwünscht. Wir haben den Container selbst während unserer Arbeiten als „Eichmann‐Käfig“ bezeichnet.

Rekurrieren Sie auf Hannah Arendts These von der „Banalität des Bösen“?
veiel: Man kann einen planmäßig organisierten Massenmord nicht mit einer Einzeltat wie dieser vergleichen. Dennoch sind Täter immer auch Projektionsflächen. Wir entsorgen in ihre Käfige unsere Vorstellungen vom „Bösen“. Das unterläuft der Text von Hannah Arendt auf kongeniale Weise. Daran möchte ich anknüpfen.

Derzeit arbeiten Sie an einem Buch über Potzlow. Werden Sie dort weitere Dinge zutagefördern, die über die bekannten Fakten hinausgehen?
veiel: Die Gewalt der Tat fängt nicht in der Nacht des 12. Juli 2002 an. In der Familie –aber auch im Dorf – gibt es in der Generation der Großeltern schwere Traumatisierungen. Das fängt in der NS‐Zeit an, die nie aufgearbeitet wurde. Es geht weiter mit der russischen Besatzung und hört auch mit der Wende nicht auf. Diese Traumatisierungen wurden versiegelt. In den Gesprächen versuche ich, in einer Art Tiefenbohrung einen Zugang zu schaffen. Damit läßt sich der grausame Mord in einem größeren Zusammen‐ hang deuten: Wie werden solche Gewalterfahrungen an die nächste Generation weiter‐ gegeben – gerade weil nicht darüber gesprochen wird? Verpuppen sie sich und implodieren an einer Stelle, wo niemand versteht, warum? Diesen Fragen versuche ich im Buch nachzugehen.

Das Gespräch führte Julia Anspach.

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