Gilad Schalit

Ein Lied für Gilad

von Sivan Wüstemann

An mancher Stelle erinnert die Melodie stark an »Hatikwa«, die israelische Nationalhymne. Und das ist gut und vermutlich beabsichtigt. Denn Tikwa, die Hoffnung, darf nicht schwinden. Israels berühmtes‐ter Protestsänger Aviv Geffen hat für den entführten Soldaten Gilad Schalit ein Lied geschrieben. »Ha jeled schel kulanu«, »Jedermanns Sohn«. Seit fast 800 langen Tagen und Nächten wird der heute 20‐Jährige von der Hamas irgendwo in Gasa ge‐
fangen gehalten.
Hoffnung sei alles, was er noch habe, sagte sein Vater Noam Schalit vor Wochen. Das war die Zeit, als auch die von der Hisbollah im Libanon verschleppten Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev noch nicht zu Hause waren. Mittlerweile sind die sterblichen Überreste der beiden an Israel zurückgegeben und beerdigt worden. Die Familien konnten nach zwei langen Jahren endlich Abschied nehmen.
Von Gilad will sich niemand verabschieden. Im Gegenteil. Weder seine Familie noch die israelische Bevölkerung sind bereit, den stillen Jungen mit den freundlichen Augen und der Liebe für Mathematik und Fußball aufzugeben. Immer öfter wenden sich Verwandte, Freunde und Fremde, die an seinem Schicksal Anteil nehmen, an die Öffentlichkeit, damit ihn die Bevölkerung nicht vergisst.
Vor einigen Tagen verkündete Israels Armeechef Gaby Aschkenazi zur Überraschung aller, man wisse, wo Gilad festgehalten werde. Während der Vereidigung neuer Rekruten in Tel Aviv erklärte er, dass Anstrengungen auf allen Ebenen unternommen werden. »Wir sind sicher, dass er noch lebt.« Noch am selben Tag relativierte der Inlandsgeheimdienst Schin Bet diese Aussage jedoch. Es gebe lediglich ungenaue Angaben zum Aufenthaltsort. Klar sei nur, dass Gilad Schalit im Gasastreifen gefangen gehalten werde – und tatsächlich am Leben sei.
Fast zur selben Zeit wurden die Wehrpflichtigen aus Schalits Einheit entlassen. Drei Jahre Dienst in der Armee haben die 20‐ und 21‐Jährigen hinter sich. Jetzt können sie wieder mit Freunden feiern, die große weite Welt bereisen und sich um ihren weiteren Lebensweg kümmern. Gilad kann all das nicht. Doch auch seine Kameraden freuen sich nicht wirklich: »Wir denken immer an unseren Freund Gilad«, sagten mehrere während der Verabschiedungszeremonie. »Wir sind heute aus der Armee entlassen worden – er aber nicht.« Während ihrer Wehrdienstzeit war es den Soldaten untersagt, Stellungnahmen zum Schicksal Schalits abzugeben. Kurz nach dem letzten Tag jedoch trafen sie sich mit Verteidigungsminister Ehud Barak und fragten direkt, was mit ihrem Kameraden sei. Barak versicherte, dass alles zu seiner Rettung unternommen werde.
Trotz zahlloser Versprechungen wird die Öffentlichkeit zusehends ungeduldiger, will keine Vertröstungen der Politiker mehr hören. Nachdem der zweite Libanonkrieg vom Sommer 2006 mit der Übergabe der Leichen von Goldwasser und Regev ein Ende gefunden hatte, soll auch in Sachen der Gasa‐Geisel endlich etwas passieren. »Wir wollen Gilad zu Hause haben – und zwar lebendig«, tönte es auf Demonstrationen von Naharija im Norden bis nach Eilat im Süden. Eine will definitiv nicht ruhen, bevor etwas geschehen ist: Ehud Goldwassers Mutter Miki erklärte, sie wolle eine Soldatin im Kampf für die Befreiung Gilad Shalits werden.
Auch Aviv Geffen wird nicht mehr still sein. »Niemand weiß, hinter wie vielen Türen er sitzt, wie viel Angst er gerade hat«, sagte er bei einer Kundgebung in Tel Aviv, nachdem er »Ha jeled schel kulanu« gesungen hatte. Geffen, Sohn des berühmten Poeten Jehonatan Geffen und Enkel des legendären Mosche Dayan, hatte schon immer seinen eigenen Kopf. Als Teenager schminkte er sich und schmetterte zornige Texte. Heute ist er selbst Vater. Mit seiner Lebensgefährtin Schani hat er Sohn Dylan. Ein Grund mehr für ihn, wie er sagt, sich für Gilad Schalit einzusetzen. So engagiert er ist, so viele Kritiker hat er auch. Nicht wenige werfen ihm, dem Wehrdienstverweigerer, Doppelmoral vor. Den 35‐Jährigen schert das wenig: »Es ist unsere Verpflichtung, in dieser schweren Stunde Menschlichkeit zu zeigen und Gilad nach Hause zu holen.« Sämtliche Einnahmen aus dem Verkauf der CD sollen in die Befreiungskampagne fließen.
Lange Zeit hatte sich die Schalit‐Familie, die aus dem Örtchen Mizpe Hila im Norden stammt und Zimmer an Gäste vermietet, mit Auftritten in der Öffentlichkeit zurückgehalten. Zu sehr beherrschte sie die Angst, mit etwaigen Aussagen die fragilen Verhandlungen zu zerstören. Als jedoch vor Wochen der Waffenstillstand zwischen Hamas und Israel beschlossene Sache – und Gilad kein Thema war – riss ihr Geduldsfaden. Gemeinsam reichten sie eine Klage beim Obersten Gerichtshof ein, um gerichtlich festschreiben zu lassen, dass die Freilassung ihres Sohnes Bestandteil möglicher Verhandlungen mit der palästinensischen Terrorgruppe sein müsse. Sie verloren die Klage.
Dennoch gibt die Familie nicht auf, zeigt sich kämpferischer denn je: Kürzlich ließ Vater Noam einen Brief in der palästinensischen Tageszeitung Al Quds veröffentlichen: »Wer wird hier als Geisel gehalten?«, fragt er darin. »Hamas gibt vor, Gilad festzuhalten, damit palästinensische Gefangene freikommen«, so der Artikel, »doch die Realität zeigt, dass es umgekehrt die Geiselnahme Gilads ist, die sowohl die Gefangenen wie auch Hunderttausende Menschen in Gasa in unerträglicher Armut hält.« Denn es gäbe gar keine Vereinbarung zwischen Israel und der Hamas. Erstens weil in der Hamas durch dauernde Machtkämpfe niemand Entscheidungen treffen könne, zweitens weil die israelischen Vorschläge ohnehin nie akzeptiert würden. Eine unmissverständliche Nachricht an die Gruppe, die für die Entführung seines Sohnes verantwortlich ist, und auch für die Menschen auf der Straße: »Steht auf«, scheint er zwischen den Zeilen zu sagen, »und glaubt nicht mehr denen, die euch belügen und unterdrücken.«

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