Schwerin

Ein Jahr im neuen Haus

»Ich bin dankbar für jeden, der kommt«, antwortet Rabbiner William Wolff mit einem herzhaften Lachen auf die Frage, ob er damit zufrieden ist, wie viele Juden zum Gottesdienst am Schabbatmorgen ge‐
kommen sind. Ungefähr 25 Männer tragen eine Kippa, die meisten haben auch einen Tallit umgehängt. Auf der linken Seite der Synagoge sitzen ebenso viele Frauen. Die Synagoge am Schweriner Schlachtermarkt ist gut besucht. In den vergangenen zwölf Monaten seien immer zehn Männer für einen Minjan zusammengekommen, er‐
zählt Valerij Bunimov vom Gemeindevorstand mit einer gewissen Genugtuung.
Vor knapp einem Jahr konnten die Schweriner Juden auf historischem Platz ihre neue Synagoge feierlich einweihen. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sprach damals davon, dass diese Synagoge als Einladung an die nichtjüdische Bevölkerung gedacht sei, sich mit der jüdischen Geschichte zu beschäftigen.
Nicht nur die Schweriner haben seither diese Einladung angenommen. Jede Woche sind am Schlachtermarkt Besucher zu Gast – Schulkassen, Gruppen von der Volkshochschule, Vereine oder aber auch einzelne Besucher, die spontan an der Tür klingeln. Das Interesse ist gewaltig. »Ich bin mir nicht sicher, ob unser Rabbiner mehr Arbeit mit der Vorbereitung der Gottesdienste hat oder mit den Besuchern«, scherzt Valerij Bunimov, der natürlich darum weiß, wie William Wolff auf seine herzliche Art immer wieder aufs Neue über jüdische Traditionen, die Tora oder die Synagoge als Haus erzählt.
Wie viele Menschen in den vergangenen Monaten im Gemeindezentrum zu Besuch waren, kann Valerij Bunimov nicht sagen. Mit Blick auf die zahlreichen Eintragungen in das Gästebuch vermutet er, dass es Tausende gewesen sein müssen.
»Wir sind durch die Synagoge viel öffentlicher geworden, für Schwerin ist das sehr gut«, sagt Bunimov und fügt hinzu, das beweise auch das friedliche Zusam‐
menleben der Religionen in der Stadt. Glücklicherweise gab es bisher noch keine antisemitischen Schmierereien. Auch Janina Kirchner freut sich über das große In‐
teresse von vielen Nichtjuden an dem Gotteshaus. Ebenso ist sie darüber glücklich, dass sie auch immer wieder neue Gesichter in den Gottesdiensten begrüßen kann – Juden, die bisher nicht in die Synagoge kamen. Warum? Sie meint: »Die Synagoge ist hell, warm und groß, deswegen kommen die Gemeindemitglieder gern zu uns.«
Bis zur Einweihung des Gotteshauses mussten sich die Menschen jahrelang in einem kleinen Betraum drängeln. Die Luft war stickig. Heute ist die Atmosphäre entspannt und angenehmer. »Es gibt jetzt einen Raum, der eine Andacht feierlich macht und das auch noch in einem sehr schönen Haus«, sagt Rabbiner Wolff.
In dieses schöne Haus kommen vor allem ältere Gemeindemitglieder, wie Adolf Schein. Der 81‐Jährige genießt die Großzügigkeit, die die Synagoge jetzt bietet: »Jeder, der kommen mag, kann sich hier in diesem gemütlichen Gebäude wohlfühlen.« Der jüngste Beter an diesem Tag ist der 18‐jährige Ronny Rohde. Der junge Mann meint, dass die Gottesdienste inzwischen viel lebhafter geworden sind.
Mit Blick auf das erste Jahr in der neuen Synagoge bemerkt Valerij Bunimov: »Im vergangenen Dezember habe ich gesagt, ich bin glücklich über dieses Haus. Jetzt sage ich, ich bin stolz.« Axel Seitz

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